Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Article
- Die Tätigkeit der Alliance Israélite Universelle in der Türkei
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 825 - 826 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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825 J)ie Tätigkeit der Alliance Israelite Universelle in der Türkei. 826 grosse Anzahl ehemaliger Schüler in beneidenswerten Stellungen finden, ebenso in Marseille, in Egypten und im äussersten Osten. Hunderte von ihnen leben in Indien, in den chinesischen Häfen, die dem europäischen Handel geöffnet sind, in Persien. Der Fleiss, die geschäftliche Zuverlässigkeit und die Intelligenz aller dieser Bagdader Sprösslinge sind bekannt und ihr Vorwärtskommen ist überraschend. Erkennen Sie die Macht der Wirkung in dieser Verteilung von Tausenden von Bagdader Juden von Manchester bis China und Japan und allen Zwischenstadien '? Es ist natürlich kein Wunder, dass der Handel von Mesopotamien ganz in ihren Händen liegt. Auch der persische Handel wird fast vollständig durch sie .vermittelt. Diese Resultate sind erhebend, wären aber unvollständig, wenn die Schule nicht noch höherstehende Erfolge aufzuweisen hätte, die nach unserer Meinung den anderen nicht nachstellen. Ich habe Ihnen gezeigt, wie tief noch vor einem halben Jahrhundert das Gefühl der Würde und der nationale Stolz bei den Juden gesunken war. In unseren Tagen ist dies nicht mehr der Fall. Die Juden der europäischen und asiatischen Türkei sind sich ihrer Rechte bewusst. Die Männer von heute, unsere gestrigen Schüler, werden sich nicht mehr die Uebergriffe und Bedrückungen eines Beamten, die Beleidigungen und die schlechte Bell and Jung irgend eines Passanten gefallen lassen. Die Unterwürfigkeit ist dem Gefühl der moralischen Würde und dem Bestreben gewichen, sich Respekt zu verschaffen. III. Ich will jetzt von den Mädchen sprechen. In den Gegenden, wo arabische Sitten vorherrschen, hatten auch die Israeliten die traurige, widerliche Gewohnheit angenommen, ihre Töchter mit 11, mit 10, ja sogar mit 9 Jahren zu verheiraten. Wie noch heute in einzelnen jüdischen Niederlassungen im Innern von Marokko, hat vor fünfzig Jahren dieser Gebrauch allgemein und souverän in Bagdad bestanden. Die Rolle der Frau war dort die einer demütigen Sklavin, die in die Küche oder die Wäschekammer gebannt war, die ihre Mahlzeiten erst nach ihrem Mann und ihren Söhnen und von den Ueberbleibseln von deren Mahl nehmen durfte, die keinem männlichen Wesen, und wäre es der Onkel oder Vetter, ihr Antlitz zeigen durfte : die nicht den geringsten Unterricht erhielt und nicht einmal hebräisch lesen oder ein Gebet sprechen konnte oder die Synagoge besuchte. Sic galt für frivol, faul und unintelligent; in schwierigen Verhältnissen fiel es dem Manne niemals ein, sich mit seiner Frau zu beraten. Sie hatte weder auf den Mann noch auf ihre Söhne irgend welchen Einfluss; ja die Söhne hatten sogar gelernt, die Mutter zu einer untergeordneten Menschenkategorie zu zählen. Nun kommen wir, um die orientalische Jüdin aus ihrer Knechtschaft zu erlösen, sie ihrem wahren Beruf als Gattin und Mutter zuzuführen, und zur Erreichung dieses Zieles müssen wir damit beginnen, sie zu unterrichten. Mit welcher Verachtung sind seinerzeit unsere ersten schwachen Versuche begrüsst worden! An den Daten können wir den Grad des uns entgegengesetzten Widerstandes messen: Die Knabenschule ist im Jahre 1862 begründet worden, und erst im Jahre 1893, also 31 Jahre später, konnte die Mädchenschule eröffnet werden. Mit 38 Schülerinnen haben wir begonnen, heute besuchen 1000 Schulmädchen das schöne Haus, das wir Herrn Kadoorie verdanken. Bis zum Alter von 14 oder 15 Jahren bleiben sie in der Schule. Damit ist den vorzeitigen Ehen ein Ende gemacht; die Schmach und das Aergernis dieses barbarischen, scheusslichen Gebrauchs ist aus der Welt geschafft, die tödliche Gefahr der vorzeitigen Mutterschaften überwunden. An die Stelle eines naiven, zugleich gläubigen und abergläubischen, vorurteilsvollen Haustierchens, das ebensowenig von Religion wie von den Lebensbedingungen wusste, für das die Wrelt an den Grenzen des Stadtviertels aufhörte, das nicht einmal die Freuden der einfachen Animalität, sondern nur die Leiden des Weibes kannte, sehen wir jetzt ein junges Mädchen vor uns, das seine Pflichten als Jüdin und als Weib genau kennt und ernste Kenntnisse besitzt. Die heutige junge Jüdin ist überzeugt, ihren Brüdern und Vettern gleichzustehen und beschränkt sich nicht mehr auf die untergeordnete Rolle, die die früheren Gebräuche ihr zuerteilt hatten. Sie wird ihre Eltern treu und gewissenhaft lieben und ehren, wird eine zärtliche, hingebende Gattin, eine vernünftige und fleissige Mutter werden, ihren eigenen Willen und ihre Persönlichkeit nicht unterdrücken lassen und wird den Platz, der ihr im Haus, in der Familie und in der Gesellschaft gebührt, würdig ausfüllen. Mit einem Schlage ist nun die ganze Organisation der Familie umgewandelt; sie ist wieder zu dem geworden, was sie nach der wahren, jüdischen Tradition und nach den modernen Lebensanschauungen sein muss. Es ist keine blosse Umwandlung, die sich durch die alleinige Macht des guten Beispiels und der Ueberzeugung in der Stellung der orientalischen Judenheit vollzogen hat, es ist eine gründliche Revolution, die vielleicht von rückständigen und kurzsichtigen Gemütern beklagt werden mag, die aber von allen gesegnet wird, die ein Herz für die Wiedergeburt und dio moralische Gesundheit des Volkes haben. TV. Was wird nun aus diesen Tausenden von jungen Leuten, die alljährlich ans unseren Schulen abgehen Ein Teil, von ihnen erlernt ein Handwerk. Unter den 40 Handwerks]ehrlingen in Bagdad sind 10 Tischler. 7 Buchdrucker, 5 Schmiede, 7 Schneide]' usw. In dieser Zahl sind die Goldschmieds-, Passemenlerie-und Graveur-Lehrlinge nicht einbegriffen, die, unserem Beispiel entsprechend, von ihren Eltern in die Lehre gegeben worden sind. Die ,.Alliance" ermutigt nur die ernsthaften Handwerke, besonders solche, die eine mühsame Lehrzeit erfordern und bisher bei unseren Glaubensbrüdern nicht sehr beliebt gewesen sind; diese haben meist ein Handwerk mit sitzende]' Lebensweise vorgezogen, das keine grossen Muskelkräfte beansprucht. Schliesslich sind hundert junge Mädchen in Bagdad als Lehrlinge in der Schneiderei, im Sticken und in die Passementerie untergebracht. Das Lehrlingswerk für Knaben ist von uns an fast allen Orten eingeführt, in denen wir Schulen haben, bis jetzt in 35 Städten. Zum besseren Verständnis der Bedeutung dieses Werkes möchte ich einige Zahlen anführen: wir unterstützen 55 Lehrlinge in Algier; 25 in Adrianopel; 45 in Konstantinopel; 53 in Salonichi; 25 in Smyrna und 104 in Tunis. In Jerusalem besitzt die ,,Alliance" seit 1882 eine Handwerkerschule, deren Budget die Summe von 150000 Francs erreicht hat; sie enthält Werkstätten für Schmiede, Mechaniker, Tischler Kesselschmiede, Bildhauer, Giesser, Weber, Färber usw. Von ihren 100 Schülern sind 50 Interne. In 23 Städten sind Schneider- und Zuschneideateliers mit den Mädchenschulen verbunden und. be-