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Ost und West · 1913-10-01 · Heft 10 (Oktober 1913) · p. Seite 823 - 824

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 10 (Oktober 1913)
Article
Die Tätigkeit der Alliance Israélite Universelle in der Türkei
Date
1913-10-01
Page
Seite 823 - 824 (sequence 3)
Language
German
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823 .Die Tätigkeit der Alliimce Israelite Universelle in der Türkei. 824 dieser Stifter noch gegen die von den Rabbinern aufgehetzten Volksmassen zu bestehen, und das in der Hauptstadt des Reiches selbst! Schule, Direktor und Lehrer wurden mehr als einmal vom Blitzstrahl der Exkommunikation, des Anathemas getroffen. Und was machte man ihnen zum Vorwurf? Nichts geringeres, als dass sie Propaganda zugunsten des Christentums trieben! Aber gegen die Eltern, die ihre Kinder in die Missionsschulen schickten, gingen diese frommen Persönlichkeiten nicht vor. Sie brauchten ihre Strenge nur gegen die wirklichen Wohltäter der Juden. Wir haben dies mehr als einmal erlebt. Die erste Allianceschule in der Türkei wurde 1862 zu Bagdad begründet, einer Stadt, die damals fast ausser jeder Verbindung mit Europa stand. Hierhin schickte die Alliance einen Europäer Namens Marx, einen Mann von seltener Berufstreue und von einer Selbstverleugnung, die während seiner vierzigjährigen Amtsdauer nicht ein einziges Mal versagt hat. Stellen Sie sich nun die Aufgabe dieses französischen Juden innerhalb einer Gemeinde vor, deren Sprache und Gebräuche ihm fremd sind und wo alles, was er sieht, seine Gedanken und Gefühle verletzt: der zurückgebliebene Zustand der Israeliten, ihr religiöser Fanatismus, ihr Misstrauen gegen alles, was aus Europa kommt. Er hatte gleichzeitig die Gleichgültigkeit der Eltern und den offenen, erklärten Widerstand der Rabbiner gegen sich. Alle diese Hindernisse hat er mit der Zeit überwunden, Dank vor allem seiner Energie, der Geschmeidigkeit seines Charakters und auch, das muss gesagt werden, Dank der Unterstützung, die ihm vonseiten des Gouverneurs von Bagdad kam, von Midhat Pascha, einem der grössten Staatsmänner, wenn nicht der grösste, den die Türkei hervorgebracht hat. Mit Hilfe von Geduld und Geschicklichkeit besänftigt Marx die Eltern, entwaffnet die Rabbiner, interessiert die Kinder und organisiert die Schule, die heute eine der meistbewunderten in der asiatischen Türkei ist. Er beschäftigt sich nur mit den Knaben; an den Unterricht der Mädchen konnte man nicht denken, denn sie mussten mit 10 oder 11 Jahren verheiratet werden. Auf diesen Punkt komme ich später noch einmal zurück. Das Schulnetz breitet sich allmählich über alle Teile des Reiches aus. Im Jahre 1867 wird die Schule in Adrianopel begründet; 1869 folgen die Schulen in Beirut, Aleppo und Schumla, 1873 die in Salonichi und Smyrna. Im Jahre 1912 gab es in der Türkei 115 Allianceschulen; 71 Knaben- und 44 Mädchenschulen, die folgendermassen verteilt sind: In der europäischen Türkei .... 52 In der asiatischen Türkei: a) Kleinasien.........24 b) Syrien ..........22 c) Mesopotamien.......17. In diesen Schulen erhalten 28000 Kinder Unterricht. Der Lehrplan ist derselbe wie in den abendländischen Schulen. Der ziemlich umfassende Elementarunterricht liefert eine hinreichende Menge von Kenntnissen, um den Schülern, die den ganzen Kursus durchgemacht haben, den Uebergang in die höheren Schulen des Landes zu ermöglichen. WTas dieser Unterricht wert ist? Die ottomanischen Behörden sollen es Ihnen selbst sagen, und zwar in der schmeichelhaftesten Form: die Regierung stellt die Mehrzahl unserer Schulen, z. B. die von Bagdad, Konstantinopel, Salonichi, den öffentlichen Mittelschulen gleich, so dass unsere Schüler ohne Aufnahmeprüfung in die Hochschulen eintreten können. Der ausgezeichnete Direktor Albala von unserer Schule in Bagdad schrieb uns im Jahre 1911: Unser Abschluss-Schulzeugnis gestattet unseren Schülern, sich bei der juristischen, medizinischen und anderen Fakultäten einschreiben zu lassen. In diesem Jahr ist einer unserer bisherigen Schüler in die juristische Fakultät eingetreten; ein anderer hat zugleich mit einigen Kandidaten aus christlichen Schulen sich um die Stelle eines Dragomanschülers beim russischen Generalkonsulat beworben. Für diese Stelle musste eine Prüfung in der französischen, der englischen und der türkischen Sprache abgelegt werden, das wesentlichste war die Kenntnis des Französischen. Unser Kandidat hat seine Mitbewerber weit hinter sich gelassen und ist sofort mit einem Monatsgehalt von 120 Francs angestellt worden. Der russische Konsul hat mir kürzlich erzählt, dass er sehr zufrieden mit ihm ist und dass der junge Mann in wenigen Jahren den Posten eines Titulardragomans mit 300 Francs Monatsgeb alt bekommen würde. Der zweite Dragoman des englischen Generalkonsualts, die Dragomane des österreichischen und des deutschen Konsulats sowie der Ehrendragoman des französischen Konsulats sind ehemalige Schüler unserer Schule. Einige sind Beamte bei der Regie und bei der ottomanischen Bank; ein früherer Schüler ist Direktor der ottomanischen Bank in Mossul und unterstützt unsere dortige Schule." Dieser kurze Bericht sagt mehr als lange Redensarten. Es geht daraus hervor, dass der Lehrplan unserer Schulen bisher dem Bedürfnis der entsprechenden Bevölkerung angepasst ist, dass er tüchtige Menschen ausbildet und dazu beiträgt, das Ansehen der Juden gegenüber den anderen Bürgern des ottomanischen Reiches zu erhöhen. Kommen wir wieder auf Bagdad zurück. Nach dem, was die Alliance in diesem rückständigen, seit langer Zeit jedem abendländischen Einfluss verschlossenen Milieu geleistet hat, werden Sie ihre Erfolge in den verhältnismässig vorgeschrittenen Vilajets Konstantinopel, Salonichi, Smyrna und Beirut besser beurteilen können. Ich habe Ihnen bereits von dem eingefleischten Widerstand erzählt, den diese Schule in den ersten Jahren ihres Bestehens zu bekämpfen hatte. Seitdem ist ein halbes Jahrhundert vorübergegangen. Heute haben wir in Bagdad drei Knabenschulen mit. 1150 Schülern, eine Mädchenschule mit 785 Schülerinnen und zwei Kindergärten. Die Alliance trägt die Kosten nicht allein, die Anglo-Jewisch Association zahlt einen Beitrag von 5000 Francs für den englischen Unterricht. Wollen Sie wissen, wie hoch sich bei einem Gesamt- Schuldbudget von 120 000 Francs die Beisteuer der Bevölkerung stellt? Es sind ungefähr 70 000 Francs, die sich aus Schulgeldern, Stiftungen, Vermächtnissen, Zuschüssen der Gemeinde oder Einzelner zusammensetzen. Dies ist ein deutlicher Beweis für das Interesse, das die Gemeinde diesen Anstalten entgegenbringt und eine Anerkennung ihrer geleistetenund noch zu leistenden Dienste. Einen entscheidenden Erfolg erblicke ich aber in der Tatsache, dass die Freigebigkeit eines in Hongkong lebenden Bagdader Juden, des Herrn Kadoorie, der jüdischen Gemeinde von Bagdad eines der schönsten Schulgebäude des Orients ermöglicht hat: die Mädchenschule der „Alliance". Wollen Sie noch den wirtschaftlichen Erfolg der Bagdader Schule kennen lernen? Wenn Sie London oder Manchester besuchen, so werden Sie dort eine

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