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Ost und West · 1913-10-01 · Heft 10 (Oktober 1913) · p. Seite 821 - 822

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 10 (Oktober 1913)
Article
Die Tätigkeit der Alliance Israélite Universelle in der Türkei
Date
1913-10-01
Page
Seite 821 - 822 (sequence 2)
Language
German
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821 J >Le Tätigkeit der Alliancc Israelite^Univcrscllo in der Türkei. 822 Leben, ja selbst sein Tod von seinen Anhängern ausgebeutet, deren Zahl in Konstantinopel und besonders in Saloniki sehr bedeutend war; noch heute gibt es Nachkommen dieser Donmeh, d. i. Convertiten genannten Gläubigen, die auf den Glauben an die Mission des falschen Propheten nicht verzichten wollten. Die ottomanisehen Rabbiner des achtzehnten und des neunzehnten Jahrhunderts befassten sieh besonders mit dem Studium der Kabbala, der Talmud kam erst in zweiter Reihe. Die jüdische Literatur jener Zeit in der Türkei umfasst unzählige Sammlungen von talmudischen und kabbalistischen Kommentaren, aber unter dieser grossen Anhäufung von Dokumenten ist kaum eines von dauerndem historischen Wert. Kein einziges Werk hat sich dauernd Geltung verschafft, kein Name braucht im Gedächtnis bewahrt zu werden. Nur ganz selten findet man in diesem Wust die nebensächliche Erwähnung eines zeitgenössischen jüdischen Ereignisses, dessen Einzelheiten von grossem Interesse für uns gewesen wären. Ausser diesen Casuisten hat der jüdische Orient im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert keinen Schriftsteller von bleibendem Wert Ii ervorgebracht, keinen Mann, der in der Geschichte des Judentums einen Namen hätte. Langsam versinkt das Judentum in einen Betäubungsschlaf. In Russland und Polen dagegen und selbst in Galizien blieb trotz der Abnahme der talmudischen und exegetischen Studien während der zweiten Hälfte des achtzehnten und der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und trotz der Ausschreitungen und Narrheiten des Chassidismus das Thorastudium in Ehren, war die heilige Fackel, die eine Generation der anderen überlieferte. Der Geist der Feinheit und Genialität, den das Talmudstudium erforderte, schärfte auch die sonstige Intelligenz der Juden. Von Zeit zu Zeit erstand trotz Verfolgungen und Prüfungen ein grosser Talmudist, wie der Gaon Elia Wilna, und ein Philosoph wie Maimonides. Ein Stern erstrahlte in der Nacht der arbeitenden und duldenden Masse, der als Leuchtturm und Führer, als Trost und Hoffnung erschien. Bei der ottomanischen Judenheit erleuchtete kein Stern die Finsternis, die auf den Geistern lag. Sollte das Uebermass des Wohllebens diesen geistigen Stillstand hervorgerufen haben? Durchaus nicht. Das Elend ist bei allen Israeliten allgemein. Abgesehen von einigen reichen Juden, deren unsicheres Vermögen von der Laune der Herren dos Landes abhängig blieb, erwarb die Masse der Juden ihr Brot durch Kleinhandel, Geldwechsel, Hausieren und geringes Handwerk. Die wenigen jüdischen Reisenden, die in den Jahren 1860 bis 1870 das ottornanische Reich besucht haben, beklagen übereinstimmend die geistige und wirtschaftliche Armut dieser Massen — Besonders in der asiatischen Türkei — und weisen darauf hin, dass ihre Minderwertigkeit gegenüber den griechischen und armenischen Gemeinden auffällig hervortritt. Was sie noch trauriger berührt, ist der moralische Druck, die Furchtsamkeit oder noch mehr: die Würdelosigkeit, die Unterwürfigkeit des Israeliten gegenüber seinen mohammedanischen und christlichen Mitbürgern, f Die jahrhundertalte Unmöglichkeit, sein Recht zur Geltung zu bringen, hat in ihm allen Mut zu neuen Versuchen erstickt. Darüber besonders konnten die Besucher sich nicht genug wundern und betrüben. In den klarblickenden Augen dieser Westeuropäer gab es nur ein Mittel zur Heilung dieser gesellschaftlichen und geistigen Minderwertigkeit: das war die Schule. Natürlich waren schon Schulen vorhanden, aber was für Schulen! Unbeschreibliche Hundelöcher ohne Luft und Licht. Ein Lehrer, zumeist ein alter Mann, sammelte in einem Saal eine Herde Kinder um sich, die man 6, 8 auch 10 Jahre hintereinander zwang, den Wochenabschnitt und ein paar Seiten eines sinnlosen Kommentars herzuplappcrn; das elende Entgelt, das der Lehrer dafür erhielt, war mehr Almosen als Gehalt. Aber selbst dort, wo das Hebräische in schicklicher W7eise gelehrt wurde, blieb es der Grundstock und das Ende allen Unterrichts. Man wird zugeben, dass dies als zeitgemässes Mittel zur Kultur und zur wirtschaftlichen Hebung nicht ausreicht. Es hatte zur Folge, dass der unwissende, vereinsamte, jeder westeuropäischen Entwickelung fremde Jude unfähig wurde, Geschäftsbeziehungen mit der Aussenwelt anzuknüpfen und zu erhalten und darum selbst den Handel den Griechen und Armeniern überlassen musste, die für diesen Kampf besser ausgerüstet waren. Ein Schriftstück, das ich Ihnen vorlesen will, wird besser als alle theoretischen Erörterungen Leweisen, dass dem europäischen Judentum die Pflicht auferlegt wurde, die israelitischen Gemeinden in der Türkei durch die Schule zu retten. Es ist ein Bericht, den der Direktor der protestantischen Mission in Konstantinopel an sein Hauptcomite in London geschrieben hat und trägt das Datum vom 22. November 1867: ,,In die Zeit der Begründung der Schule", so schreibt der Direktor, „fiel gerade das jüdische Osterfest, deshalb musste ich das Institut gleich auf drei Wochen schliessen. Bei dem Wiederbeginn des Unterrichts erbaten schon am ersten Tage fünfzig Kinder ihre Aufnahme in die Schule. Am zweiten Tage kamen noch zweiundsiebenzig Kinder hinzu und ihre Zahl wuchs mit jedem Tage. Ich begann damit, den Kindern, die zum grösseren Teile spanisch sprachen, die englische Sprache beizubringen. Die Minderheit verständigte sich in jüdisch-deutsch. Die Grundlage des Unterrichts bildete das alte und das neue Testament und einige Schriften über, den christlichen Glauben. Besonderen Wert lege ich darauf, dass meine Schüler die christlichen Gebete ihrem Gedächtnis einprägen, denn ich bin überzeugt, dass dieser so zeitig in die unschuldigen Herzen gepflanzte Samen des Glaubens viel für die Zukunft verspricht. In den letztenMonaten haben wir folgendes Lehrmaterial gehabt: fünf Kapitel Matthäi, sechs Kapitel Marcus, acht Kapitel Lucas und acht Kapitel der Episteln Johannis des Täufers. Die Kinder finden so grosses Gefallen an diesen Studien, dass die jungen Mädchen nicht mehr die hebräische Sprache lernen wollen. Die kleinen Judenknaben wissen die dreizehn christlichen Glaubensartikel auswendig, und ihre Anhänglichkeit an unseren Heiland Jesus-Christus wächst von Tag zu Tage. Ausserdem lernen die Jungen Geographie und Arithmetik und die Mädchen nähen und sticken. Uebrigcns schicken die Eltern mit Vergnügen, ja sogar mit Begeisterung ihre Kinder in unsere Anstalt, weil der Unterricht unentgeltlich ist. Diese absolute Kostenlosigkeit wird unsere Bemühungen mit Erfolg krönen." IL Bis zum Jahre 1862, wo die Alliance ihre Erziehungs-Aufgabe begann, gab es im Orient nur eine einzige Schule von annähernd modernem Zuschnitt, es ist die Schule, die Graf Abraham von Camondo in Konstantinopel begründet hatte. Welche Kämpfe hatte

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