Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Article
- Die Tätigkeit der Alliance Israélite Universelle in der Türkei
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 819 - 820 (sequence 1)
- Language
- German
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810 820 "fff/Ii MITTEILUNGEN r//i des Central-Comitesder ® AllianceJsrdeliteUniverselle iiT Q^iyy^fbrrw ßureau des Central-Comires: Paris A5,Rue laBruyere^^^TOeufsches Bureau: Charlottenburg, Grolman Str.2**- I DIE TAETIQKEIT DER ALLIANCE ISRAEL1TE UNIVERSELLE IN DER TUERKEI. Vortrag des Herrn Jaques Bigart, gehalten am 24. Mai 1913 in der jüdischen Volksuniversität zu Paris. geöffnet. Die Opfer des katholischen Fanatismus hahen im 15. und im 16. Jahrhundert auf türkischem Boden eine sichere Zuflucht gerunden, der ihnen seitdem ein geliehtes Vaterland geworden ist. Meine Damen und Herren! Mit aufrichtiger Freude begrüsse ich die Gelegenheit mit einer Jugend in Berührung zu kommen, die eine mehr als nur platonische Sympathie verdient. Die Organisation der Volksuniversität hat den Zweck, den Zusammenhang und das Zusammenwirken der nach Ursprung, Kultur und Zielen verschiedenen Elemente zu erleichtern, die die jüdische Gesamtheit von Paris bilden. Sie soll gegenseitige Vorurteile und manche Voreingenommenheit beseitigen, und diesen Zweck wollten Sie durch den von Ihnen an der Volksuniyersität eingeführten öffentlichen Austausch von Meinungen, Systemen und Grundsätzen erreichen, deren Verschiedenheit und deren Gegensatz zur Aufklärung des Geistes und zur Annäherung der Anschauungen dienen sollte. Schon aus diesem Grunde bin ich Ihrem Comite für die Einladung dankbar und fühle mich glücklich, mit meinen schwachen Kräften Ihrem Werk dienstbar sein zu dürfen, aber als Sekretär der Alliance Israelite liegt mir ganz besonders daran, mich hier mit Ihnen zu unterhalten. Vielleicht wird es mir in dieser Eigenschaft möglich sein, gewisse Legenden zu beseitigen, deren Echo bis zu Ihnen gedrungen sind, und Urnen die Gesellschaft in ihrem wahren Licht zu zeigen, die zuerst das Verdienst und die Ehre gehabt hat, zur Hebung und zur Emanzipation der Israeliten alle jüdischen Kräfte zu sammeln und zu verbinden. Die Ereignisse, deren Schauplatz die Türkei seit sechs Monaten bildet, die Gebietsverschiebungen und anderen Veränderungen, die sich dort vorbereiten, sind für die jüdischen Massen nicht nur der Balkanhalbinsel, sondern auch der asiatischen Türkei und des ganzen Orients von hervorragende]' Bedeutung. Die heute hier vorzunehmende Studie hat also ein aktuelles und unmittelbares Interesse. Die bis heute erreichten Resultate und die dazu angewendeten Mittel werden uns eine Lehre dafür sein, wie wir unter den neuen Verhältnissen vorgehen sollen, die der Krieg auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet geschaffen hat. Vor Beginn meiner Darlegung möchte ich eine unabweisliche Gewissenspflicht erfüllen, indem ich unser aufrichtiges Mitgefühl für das der Türkei zugestossene Unglück ausspreche und damit den Ausdruck der tiefen, aufrichtigen und ewigen Dankbarkeit verbinde, _ die wir Juden dieser grossherzigen Nation schuldig sind. Zu einer Zeit, da ein Sturm wahnwitziger Grausamkeit das ganze christliche Europa durchbrauste, hat die Türkei ihre Tore und ihre Arme den jüdischen Verbannten aus Spanien und Portugal I. Zur Würdigung der Tätigkeit der Alliance in der Türkei müssen wir uns zuerst den Zustand der ottomanischen Judenheit zu der Zeit vergegenwärtigen, da diese Gesellschaft ihr Segenswerk begann. Unter der Regierung des Sultans Abdul-Medjid wurde am 3. November 1839 das „Hatti Humayun von Gulkhane" proklamiert, das die Rayas — Juden und Christen — den Mohamedanern gleichstellt. Das bedeutete: Abschaffung aller gesetzlichen Einschränkungen, Anerkennung der jüdischen Zeugenschaft vor den Geliebten, Aufhebung der Tortur, Verbot der Güterkonfiskation und die Zusicherung der Unverletzlichkeit von Personen und Besitz. Mit dieser toleranten Gesetzgebung treten wir in einen Zeitraum verhältnismässiger Ruhe. Abdul-Aziz setzte im Jahre 1S61 die liberalen Traditionen Sultans Abdul-Medjid fort. Selbstverständlich hatten unsere Glaubensbrüder trotzdem noch unter falschen Beschuldigungen, Ungerechtigkeiten und Plagen aller Art zu leiden, die mit jeder despotischen Regierung verbunden sind, selbst wenn sie sich mit Liberalismus aufputzt. Aber im ganzen genommen hätte die neue Regierungsform dem ottomanischen Judentum gestattet, zu leben und zu gedeihen, wenn die materielle Sicherheit zur Entwickelung religiöser oder nationaler Minoritäten ausreichte. Dazu gehören andere Fortschrittselemente; dazu ist eine innere Tatkraft erforderlich, die die Initiative des Einzelnen hervorruft und ermutigt; dazu muss der Geist der Einigkeit und Zusammengehörigkeit vorhanden sein, der die Einzelkräfte richtig verteilt und zugunsten des Gemeinwohls vervielfältigt. Gab es damals ein inneres jüdisches Leben, eine Offenbarung des jüdischen Gedankens? Es würde uns leider sehr schwer, etwas ähnliches zu entdecken, auch wenn wir die Geschichte der jüdischen Gemeinden im ottomanischen Reich etwas eingehender studierten. Die ganze jüdische Tatkraft scheint sich in der einzigen Sorge um das tägliche Brot zu konzentrieren, nebenher gibt es nur kleinliche Streitereien um Kirchturmsintercssen. Im siebzehnten Jahrhundert erlebte die Türkei den Auszug des falschen Messias Sabbatai Zwi. Noch lange nachher wurden seine angeblichen Wunder, sein