Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Article
- Mose ben Maimon
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 793 - 794 (sequence 5)
- Language
- German
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793 Dr. Simon Bentfeld: Mose ben Haimon. 7b4 halachische wie agadische Judentum, die jüdische Religionsphilosopliie, die Lehre der Propheten, die biblische Spruchweisheit, die ethischen Lehren der Alten in Mischna und Talmud, das religiöse Zeremoniell, die Rechtsnormen — alles ist übersichtlich geordnet und nach logischen Regeln aneinander gereiht. Keine haarspaltende Dialektik mehr, kein Streit der Meinungen, kein Zweifel und keine Unsicherheit. Alles ist klar und bestimmt und alles an der gehörigen Stelle. Nach der Vollendung des „Mischne Thora" schritt Maimonides zur Abfassung seines dritten Hauptwerkes, des religionsphilosophischen „More Nebuchim", das um das Jahr 1192 fertig war. Es braucht kaum gesagt zu werden, dass diese philosophische Begründung des Judentums, wenn sie auch binnen Jahresfrist niedergeschrieben wurde, die Frucht langjährigen Forschens ist. Sie ist die Quintessenz dessen, was Maimonides dreissig Jahre und mehr an philosophischer Kenntnis gesammelt und nach tiefem Denken mit seinem klaren Geist erfasst hat. Diese Schrift hat er einem Jünger J osef ihn Aknin zu dessen Belehrung gewidmet. Das ist natürlich nur eine Einleitungsform. Eine solche Arbeit ist für keinen einzelnen bestimmt, sondern für alle Denkfähigen, die nichts ungeprüft hinnehmen wollen und sich vor den Ergebnissen der philosophischen Untersuchung in ihrer äussersten Konsequenz nicht fürchten. Maimonides wusste im voraus, dass er mit seiner kühnen Untersuchung des Judentums bei der Masse Anstoss erregen würde. Aber die Zustimmung auch nur eines Denkfähigen galt ihm mehr als der Widerspruch Tausender von Unwissenden. Die philosophische W'ahrheit war ihm gleich ermassen eine prophetische Offenbarung, mit der er nicht zurückhalten wollte und konnte. Allerdings ging er bei der Abfassung seines arabisch geschriebenen philosophischen Buches mit grosser Vorsicht zu Werke, nicht aus Furcht vor der Masse, sondern aus Scheu davor, solche ernste Probleme auf offenem Markt zu erörtern. Bewunderungswürdig ist dabei, wie Maimonides den Leser allmählich in die Tiefe seines Systems einführt, ihn sozusagen an die grossen und kühnen Gedanken gewöhnt und fähig macht, nachher das Ganze ohne Schaden, ohne an dem Judentum irre zu werden, aufzunehmen. Die Eigenartigkeit der maimunischen Religionsphilosophie besteht darin, dass sie nicht die Religion mit der Philosophie, sondern die Philosophie mit der Religion in Einklang bringen will. Maimonides führt den Beweis dafür, dass kein Jude aus religiöser Scheu vor dem Eindringen in die philosophische Wahrheit zurückzuschrecken braucht. WTas das Judentum lehrt, stimmt mit den Ergebnissen der aristotelischen Philosophie überein. Wie er bei der Beweisführung verfährt, lässt sich nicht in wenigen Sätzen sagen. Aber jedenfalls ist es durchaus falsch, wenn angenommen wird, dass Maimonides der aristotelischen Philosophie blindlings gefolgt sei und das Judentum ihr unterworfen habe. Nur in der Philosophie folgt er Aristoteles, in der ethischen Weltanschauung aber, in der Auffassung des sittlichen Lebenszweckes des Menschen und des Seins weicht er von ihm erheblich ab. Was bei dem griechischen Weisen nur seine mechanische Erklärung findet, hat bei Maimonides einen sittlichen, von Gott gewollten und geplanten Zweck. Es ist gewiss kein Zufall, dass Maimonides im ,,Buche der Erkenntnis*'4 dem ersten des „Mischne Thora", die philosophische Ethik zumeist mit agadischen Sprüchen aus Talmud und Midrasch begründet, die er allerdings philosophisch vertieft. Dies beweist zur Genüge,- dass seine Welt der Sittlichkeit und Erkenntnis die jüdische ist. Es ist dies die Welt der Gerechtigkeit und der Vernunft, der ethischen Gesinnung und des sittlichen Handelns, und beide fliessen aus der Erkenntnis, aus dem klaren Bewusstsein und aus dem bewussten Streben ziu* Wahrheit und zur Wahrhaftigkeit. Maimonides hat ausser diesen grossen unsterblichen Werken noch verschiedene kleinere Schriften und Abhandlungen und eine grosse Anzahl von Bescheiden in religiösen und rechtlichen Fragen in knapper aber klarer Form geschrieben. Unterdessen gelangte er in Aegypten und in der ganzen Judenheit zu grossem Ansehen, und seine ärztliche Praxis nahm einen bedeutenden Umfang an. Sein arbeitsreiches Leben schildert er in einem Brief an Samuel ihn Tibbon, der sich zur Uebersetzung des „More Nebuchim" aus dem Arabischen ins Hebräische angeboten hatte (datiert vom 10. September 1199). Man könnte dieses Schreiben mit der Ueberschrift „Ein Tag bei Mose Maimonides" versehen. Maimonides war damals Leibarzt beim Sultan Alafdhal, der kränklich war und zu Trübsinn neigte. Er hatte deshalb beim Herrscher einen schweren Stand. Der Sultan residierte in Kairo, während Maimonides in Fostat wohnte. Die Entfernung zwischen diesen beiden Orten betrug etwa 2500 Meter. Jeden Tag musste sich Maimonides nach Kairo zum Sultan begeben. Traf er er diesen oder eine seiner Frauen oder eines seiner Kinder leidend, so durfte er Kairo nicht verlassen. Aber selbst wenn nichts vorgefallen war, konnte er sich erst nachmittags nach Hause begeben. Aufs äusserste erschöpft pflegte er in sein Haus zu treten, das er voll von Patienten traf. Juden und Muselmanen, Vornehme und Geringe, Freunde und Feinde — alle warteten auf ihn, um seinen ärztlichen Rat einzuholen. Er fand kaum so viel Zeit, um etwas zu gemessen, nachdem er die Wrartenden beruhigt und um Entschuldigung gebeten hatte. Dann behandelte er die Leidenden, oft so ermüdet, dass er nur liegend die Kranken untersuchen konnte. So ging es bis tief in die Nacht hinein. Nur am Sabbat hielt sich Maimonides von der ärztlichen Praxis frei. Aber an diesem Tag pflegte er die Gemeindeangelegenheit wahrzunehmen, da er unentgeltlich das Amt eines Rabbiners und Gemeindeoberhaupts besorgte. Man wird es erstaunlich finden, dass er. trotzdem noch Zeit fand, nach nahe und fern die an ihn gerichteten religiösen und rechtlichen Fragen zu beantworten. Maimonides hat ein Alter von nahezu 70 Jahren erreicht. Er starb am 13. Dezember 1204. Die Nachricht von seinem Tode wurde in vielen Gemeinden, insbesondere in Aegypten und in Palästina, mit grosser Trauer aufgenommen. Es wurden Fasten und Trauergottesdienste veranstaltet. Seine Leiche wurde nach