Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Article
- Mose ben Maimon
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 791 - 792 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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791 .Dr. Simon Bernfeld: Mose Iben Maimon. 792 darauf Maimun und seine Söhne in Aegypten, das sich damals unter der Herrschaft des edlen Salad i n (Salah ed-Din) einer gerechten und weisen Regierung erfreute. Wo sich die Familie zuerst in Aegypten niedergelassen hat, ist nicht genau bekannt. Kurze Zeit nach der Ankunft in Aegypten starb Maimun. Welches Ansehen er und sein noch junger Sohn Mose in der ganzen Judenheit genossen, ist aus den vielen Beileidsschreiben zu ersehen, die Mose Maimonides nach dem Tode seines Vaters aus dem Morgen- und Abendlande zugingen. Es kamen Kondolenzschreiben aus sehr entfernten Gegenden, so dass sie erst mehrere Monate nach ihrer Absendung an ihrem Bestimmungsort anlangten. Aber Maimonides sollte auch in Aegypten nicht zur Ruhe kommen. Er wurde dort von schwerer Krankheit und Vermögensverlust heimgesucht. Ausserdem kam er infolge von Denunziation in Lebensgefahr (Schreiben an Jefet ben Elija, Gesam. Briefe II, 37b). Von welcher Art die Denunziation war, wird in dem erwähnten Schreiben nicht gesagt. Aber es ist höchst wahrscheinlich, und einige sagenhaft ausgeschmückte Nachrichten sprechen deutlich dafür, dass der ägyptischen Regierung die einstmalige Zugehörigkeit Maimonides zum Islam mitgeteilt worden war. Herrschte auch inAegypten für die Juden Religionsfreiheit, so verbietet doch der [slam aufs strengste den Uebertritt eines Muslims (und als solcher musste ja Maimonides gelten) zu einer anderen Religion. Indessen ging auch dieses schwere Ungemach ohne dauernde Folgen vorüber. Was aber den oben erwähnten Vermögensverlust und die schwere langwierige Krankheit betrifft, von der Maimonides in Aegypten heimgesucht wurde, so hatte es damit folgende Bewandtnis. Der jüngere Bruder des Maimonides, David, den Mose erzogen und unterrichtet hatte, übernahm in Aegypten einen Handel mit Edelsteinen, um sich und seinen älteren Bruder zu ernähren, der bei seinen wissenschaftliehen Studien bleiben sollte. David unternahm eine Seereise nach Indien, mit sich eigenes Geld und das seines älteren Bruders und auch solches von anderen Leuten führend, fand aber seinen Tod im Meere durch Schiffbruch. Er hinterliess ein kleines Töchterchen, dessen Erziehung Mose nunmehr oblag. Erst ein Jahr nach dem schrecklichen Ereignis gelangte die Kunde davon zu Maimonides. Sie warf ihn nieder, und ein ganzes Jahr lang war sein Zustand äusserst bedenklich. Die Trauer um seinen Bruder hat ihn auch später nicht verlassen (das. und bei Grätz, Gesch. der Juden VI, 299—300). Er konnte sich von diesem harten Schlag nur schwer erholen. Es scheint, dass Maimonides seitdem die ärztliche Praxis ausübte, die ihm den Lebensunterhalt gewähren sollte. Nach einiger Zeit nahm Mose seine wissenschaftlichen Arbeiten wieder auf. Den gross angelegten Mischna-Kommentar in arabischer Sprache, den er in Fez begonnen hatte, vollendete er im Jahre 116S. War schon dieser Kommentar ein meisterhaftes Werk von grosser Bedeutungin clerrabbinischenWissenschaft, so sollte sich in der Folge Maimonides' Genie in einer noch umfangreicheren und verdienstvolleren Arbeit bekunden, in seinem unsterblichen Religionskodex „Mischne Thora", an dem er volle zehn Jahre (1172—82) unablässig arbeitete.*) Man kann dieses Werk nicht lediglich als eine literarische oder wissenschaftliche Erscheinung beurteilen; es bedeutet vielmehr eine geschichtliche Tat, ein grosses geschichtliches Ereignis in der geistigen Entwicklung des jüdischen Volkes. So viel auch bereits über dieses grosse rabbinische Werk seit seinem Erscheinen geschrieben wurde—man ist ihm bis jetzt noch immer nicht vollauf gerecht geworden, und es wird auch schwer sein, dem Aussen - stehenden ein erschöpfendes Bild von ihm zu geben. In der vorliegenden Biographie ist dem „Mischne Thora" ein besonderes Kapitel gewidmet, und der Verfasser unternimmt es, auf 63 Seiten den Inhalt des Buches in grossen Zügen wiederzugeben. Will man den Wert und die Bedeutung des ,,Mischne Thora" in wenigen Sätzen ausdrücken, und im Rahmen dieser Abhandlung ist für eine ausführliche Charakterisierung kein Raum, so wird man nur sagen dürfen, dass die gesamte rabbinische Literatur kein Buch besitzt, das an systematischer Darstellung des Judentums in allen seinen Teilen und an logischer Behandlung des fast unübersehbaren Stoffes dem mairnunischen Meisterwerke an die Seite gestellt werden könnte. Bei Maimonides wird das Judentum ein Ganzes, das sich überall zusammenschliesst. Sein Ausgangspunkt ist das Göttliche, das höchste Sittlichkeitsideal und dies ist auch sein Endziel. Wahre Gotteserkenntnis, Menschenliebe und Friede — das will das Judentum in seinem Lehrinhalt und in allen seinen Bestimmungen fördern. Maimonides schliesst auch seinen Religionskodex mit der Hoffnung, dass das Zukunftsideal des jüdischen Volkes dereinst würde verwirklicht werden: die Welt wird voll sein der Gotteserkenntnis, wie der Meeresgrund von Wasser bedeckt wird (Jesaja 11, 9). Mit der geläuterten Gotteserkenntnis und mit der Lehre der göttlichen Sittlichkeit beginnt das Buch — damit schliesst es auch. Alles im Judentum geht davon aus und alles verfolgt dieses Ziel. Die Nachwelt hat dem grossen rabbinischen Werke die ihm gebührende Anerkennung gezollt; aber über den überwältigenden Inhalt hat man die bewunderungswürdige Form vergessen: die herrliche, knappe und doch gemeinverständliche Sprache, die klare und übersichtliche Darstellung, den symmetrischen Aufbau des Lehrgebäudes, die planmässige Verteilung des Stoffes, das Ineinanderschliessen aller Teile und deren Vereinigung zu einem Ganzen. Das biblische, rabbinische, *) Maimonides hat den in seinem Werke behandelten Stoff nach sachlichen Gesichtspunkten in 14 Bücher geteilt. Es wurde daher in älterer Zeit auch das „Vierzehnbuch" genannt. (Aehnlich wurden in Spanien Gesetzbücher mit der Zahl ihrer Teile bezeichnet.) Die Zahl 14 wird hebräisch T geschrieben, woraus in jüngerer Zeit, da "P auch Hand bedeutet, mit Bezugnahme auf 5. B. Mose 34, 12, wo von der „mächtigen Hand" Moses die Rede ist, das witzreiclie Wortspiel „Jad chasaka" entstand. Einen solchen Titel hat, aber der bescheidene Maimonides seiner Arbeit gewiss nicht gegeben und man sollte eigentlich schon aufhören, sie noch immer unter diesem Namen zu zitieren. Es verdient vielleicht dabei erwähnt zu werden, dass auch Lessing das rabbinische Werk des Maimonides als „des Ben Maimon Jad chasacka" kennt („Der junge Gelehrte", 1,1.)