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Ost und West · 1913-10-01 · Heft 10 (Oktober 1913) · p. Seite 771 - 772

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 10 (Oktober 1913)
Article
Zionismus
Date
1913-10-01
Page
Seite 771 - 772 (sequence 6)
Language
German
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771 Zionismus. 772 »Was kann dies (das alte Judentum) dem modernen Juden geben? Er hat sich weit von ihm entfernt. Wie weit, das zeigt beispielsweise sein Verhalten zum Christentum. Die traditionelle jüdische Scheu vor dessen Stifter und seinen Lehren kann er nicht mitmachen. Er sieht vielmehr klar den Fortschritt, den es bedeutete, als das Christentum den Quell der religiösen Sittlichkeit in das Innere der Menschenbrust verlegte." »Diese Behauptung — bemerkte Herr Struck dazu — hat nicht ein Missionär aufgestellt, sondern ein zionistischer Führer." Herr Struck zitierte noch einen weiteren Ausspruch des Herrn Böhm, der es als unzweifelhaft hinstellte, dass „das Gefühl der persönlichen Würde überhaupt nie im Judentum vorhanden gewesen sei" und fügte hinzu, „diese Worte schrieb nicht ein Antisemit, sondern ein zionistisch er Führer.« Während der Rede des Herrn Struck erinnerte der derzeitige Vorsitzende des Kongresses, Herr Chief-Rabbi Dr. Gaster (London), dass die Tagesordnung es nicht zulasse, auf diese Angelegenheit weiter einzugehen, bemerkte aber, dass es sich hier lediglich „um die persönlichen und irreführenden falschen Anschauungen eines Mitgliedes des Aktions-Comites handelt, von dem wir uns absolut lossagen." Herr Böhm ist seit dem 9. September ds. J. nicht mehr Mitglied des zionistischen Aktions- Comites. Es fanden sich kindlich-naive Gemüter, die von der zionistischen Leitung annahmen, sie hätte die Wiederwahl des Herrn Böhm infolge dieses Vorfalls verhindert. Darauf veröffentlichte aber Herr Böhm in den Zeitungen eine Erklärung, es sei ihm von der Leitung auch nach der Anklage des Herrn Struck die Wiederwahl in das Aktions-Comite angeboten worden, was er aber lediglich wegen Meinungsverschiedenheiten in der Bankfrage abgelehnt hätte. Der Leitung der zionistischen Organisation schien es aber, dass sie Herrn Böhm durch die Aufforderung, im Amt zu bleiben, noch nicht genügend rehabilitiert hätte. Sie empfand es daher wohl im Interesse des Judentums und im Interesse des Ansehens der zionistischen Bewegung für erspriesslich, eine offizielle Erklärung abzugeben (vergl. „Die Welt" Nr. 29), die ihrer Tendenz nach eher eine Desavouierung der Herren Gaster und Struck als des Herrn Böhm bedeutet. So duldsam und so nachsichtig ist man allerdings in diesen Kreisen nicht immer. Im Gegenteil; zuweilen wird dort eine catonische Strenge geübt. Vor einiger Zeit hat Oberrabbiner Dr. Güdemann in Wien in einem jüdischen Blatt darauf aufmerksam gemacht, dass nach Wien häufig Juden aus Galizien kommen, denen bei der Geburt Namen gegeben wurden, die zu antisemitischen Neckereien Anlass gaben. Um diese Namen loszuwerden, greifen manche Juden, denen es an dem nötigen Mut fehlt, zur Taufe, da sie bei diesem Anlass andere Vornamen erhalten. Dr. Güdemann meinte nun, man sollte bei der Namensnennung jüdischer Kinder auf diese Verhältnisse Rücksicht nehmen. Dafür wurde er, eine Säule des konservativen Judentums, der auf verschiedenen Gebieten der Wissenschaft des Judentums Werke von bleibendem Wert geschrieben hat, in der zionistischen Presse wie ein Schulknabe abgekanzelt. Er lehre, so wurde behauptet, die Verheimlichung der Zugehörigkeit zum jüdischen Volke. Wir sind der Meinung, dass die Benennung eines jüdischen Kindes unter den geschilderten Umständen mit einem bürgerlichen Namen immerhin doch viel weniger eine Vorbereitung zur Taufe bedeutet, als die Unterlassung der Beschneidung bei neugeborenen Knaben, wie es der von der zionistischen Leitung rehabilitierte Zionistenführer Herr Böhm für gut befand. * * * Eine an Anarchismus grenzende Pietätlosigkeit gegen das geschichtlich gewordene und in der Seele des jüdischen Volkes tiefwurzelnde Judentum, der Mangel an jedem Respekt vor den Männern der Wissenschaft und der Forschung, eine grenzenlose Selbstüberhebung und Anmassung — dies kennzeichnet einen beträchtlichen Teil der zionistischen Wortführer. Und obwohl gering an der Zahl, gelang es ihnen, in der Partei grossen Einfluss zu erringen und dem offiziellen Zionismus — wie er sich auf den Kongressen, in den Versammlungen, in der zionistischen Presse und in einem Teil seiner literarischen Erzeugnisse kundgibt — das Ge- ' präge zu geben. Dies bedeutet eine schwere Gefahr für die weitere Entwicklung der zionistischen Bewegung, die aus einem gesunden Volksidealismus hervorgegangen ist und mit ihren Idealen, solang sie in ihrer Reinheit blieben, viel Gutes und Erspriessliches geleistet hat. Die ernsten und ehrlichen Männer in der Leitung müssen sich dessen bewusst werden,

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