Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Article
- Zionismus
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 773 - 774 (sequence 7)
- Language
- German
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773 Zionismus. 774 welche Verantwortung sie auf sich laden, wenn sie zu dem schädlichen Treiben in der Partei schweigen und es mit ihrem Namen decken. Es ist ihre Pflicht, das steuerlos gewordene Schiff nicht seinem Schicksal zu überlassen. Im Kampfe gegen die eingerissenen Missstände, den'sie fuhren müssen, werden sie die weiten Kreise der Judenheit hinter sich haben. Denn im Herzen eines jeden Juden wurzelt die Liebe zum Judentum, zur hebräischen Sprache, der Sprache unserer Propheten und zum heiligen Lande, das jetzt vor unseren Augen aus den Trümmern neu ersteht. Und allen Juden, auch denen, die ausserhalb der zionistischen Bewegung stehen, muss es klar werden, dass wir die in Erscheinung getretenen Schäden des Zionismus am wirksamsten nur dadurch bekämpfen können, dass wir die Pflege der heiligen Ideale des Judentums nicht jenen überlassen, die sie zu fördern vorgeben, in Wahrheit sie aber nur missbrauchen. Die Stärkung des jüdisch-geschichtlichen Bewusstseins, die Verbreitung der Kenntnis der hebräischen Sprache und Literatur und die Förderung des jüdischen Ansiedlungswerkes im heiligen Lande--auf diesem Arbeitsboden können und müssen sich die besten Kräfte im Judentum vereinigen. DIE FRUCHTBARKEIT DER JUDEN. Von Dr. H. Hoppe, Nervenarzt in Königsberg i. Pr. (Fortsetzung.) Die Verringerung der Geburtenzahl, die sich allenthalben, auch bei Nichtjuden zeigt, ist, wie erwähnt, sicher keine Folge abnehmender physiologischer Fruchtbarkeit, sondern nach fast allgemeiner Uebereinstimmung im wesentlichen durch die absichtliche künstliche Beschränkung der Kinderzahl, das sogenannte Zweikindersystem oder den Neumalthusianismus bedingt. Der Neumalthusianismus, eine Folge ökonomischer Erwägungen und wirtschaftlicher Verhältnisse, die es den Eltern immer schwerer machen, viel Kinder grosszuziehen und ihnen die für den Kampf ums Dasein erforderliche gute und kostspielige Erziehung zu geben, ausserdem die für die Töchter zur Verheiratung notwendige Mitgift zu beschaffen, die bei den steigenden Ansprüchen immer grössere Mittel erfordert, wozu noch Bequemlichkeit und Genusssucht kommen, dieses System hat seinen Siegeszug über die ganze Kulturwelt angetreten und ist besonders in den Grossstädten und bei den mittleren und wohlhabenderen Klassen zur Herrschaft gelangt. Bekanntlich ist ja überhaupt die Fruchtbarkeit auf dem Lande wesentlich grösser als in den Städten und besonders in den Grossstädten. Das zeigt deutlich folgende Tabelle über die Fruchtbarkeit in Preussen (Stat. Korr. 1911, X). Es betrug die Zahl der Geburten in Preussen: auf 1000 Frauen von 15—45 Jahren Land Stadt Berlin 182,93 160,64 149,21 1878/80 1881/90 . 1890/95 , 1896/1900 1901/05 . im ganzen 177,60 165,55 165,97 161,85 154,83 179,10 181,85 183,06 178,72 145,17 140,65 136,59 129,12 119,59 106,23 96,73 88,78 auf 1000 Personen d. Bevölkerung im ganzen 39,28 37,11 36,93 38,95 37,39 Land 39,61 38,32 38,66 38,35 37,36 Stadt 38,66 35,12 34,33 33,16 31,70 1878/80 . . . 1881/90 . . . 1890/95 . . . 1896/1900 . . 1901/05 . . . Wir sehen also nicht nur, dass in allen Perioden die Geburtenrate auf dem Lande wesentlich grösser ist als in der Stadt und zumal in Berlin, sondern dass diese vorzugsweise in der Stadt und wieder besonders in Berlin sehr abgenommen hat, auf dem Lande aber nur wenig. Da nun die Juden zum überwiegenden Teil Grossstadtbewohner sind und ausserdem im Westen zu einem verhältnismässig grossen Teil den mittleren und wohlhabenderen Ständen angehören, so ist es kein Wunder, dass dieses System bei den Juden so ausserordentlich verbreitet ist. Dabei hat noch die besonders wieder durch das Grossstadtleben begünstigte Assimilation bzw. die Lockerung des jüdischen Gesetzes und der guten alten jüdischen Tradition, die den Kindersegen hochhält und preist („Seid fruchtbar und mehret euch") ausserordentlich mitgewirkt, ja diese traurige Erscheinung erst möglich gemacht. So erklärt es sich, dass bei den Juden der Rückgang der Geburten am stärksten ist. In den Mitteilungen der Grossherz. Hessischen Zentralstelle für die Landesstatistik (zit. Zschr. Dem. 1911, 47) wird mit Bezugnahme auf die ausserordentlich geringe Geburtenzahl der Juden direkt betont, dass ,,der Wert der Statistik der Juden besonders darin liege, dass sich bei der jüdischen Bevölkerung die die Bewegung der Bevölkerung beeinflussenden Zeitverhältnisse viel rascher bemerkbar machen als bei der Gesamtbevölkerung, dass daher die Juden gewissermassen das Barometer für die übrige Bevölkerung sind und Zustände schon jetzt erkennen lassen, die bei jenen erst in der Zukunft zu erwarten sind." Ob neben dem Zweikindersystem das H i n - aufrücken des Heiratsalters in den letzten Jahrzehnten, auch eine Folge der veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, die dem dabei besonders in Betracht kommenden Manne erst verhältnismässig spät die Heirat ermöglichen, wesentlich zur Herabminderung der Geburten beigetragen hat, wie mit Theilhaber auch S e g a 11 anzunehmen scheint (Berufsu. soz. Verhält., 18), mag dahingestellt bleiben. Bei den den Neumalthusianismus verpönenden orthodoxen Juden, die aber in Deutschland und in den andern Ländern des Westens verhältnismässig gering an Zahl sind, wird vielleicht das Hinaufrücken des Heiratsalters, dem auch sie unterworfen sind, diu'ch die Verkürzung der Fruchtbarkeitsdauer herabmindernd auf die Zahl der Geburten wirken, bei den übrigen Juden aber, die ja zum grossen Teil dem Zweikindersystem huldigen, ist, da die wenigen Kinder doch meist in den ersten Jahren der Ehe geboren werden, das Hinaufrücken des Heiratsalters ohne Bedeutung.