Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Article
- Zionismus
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 767 - 768 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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767 Zionismus. 768 Es steht fest, dass viele der besten jüdischen Männer in allen Ländern, die in der Wissenschaft und in der Gesellschaft eine hervorragende Stellung einnehmen, und die ihre Kräfte in den Dienst des Judentums und der Judenheit gestellt haben, dem Zionismus nicht nur fern geblieben sind, sondern es nach wie vor als eine Unmöglichkeit bezeichnen, mit den Zionisten gemeinsam zu arbeiten. Unter dem Misstrauen und der Abneigung gegen den Zionismus, wie er sich nach aussen hin kundgibt, leidet manche dem Judentum nottuende Arbeit. Dass dies Verhalten zum Zionismus nicht unbegründet ist, wird durch die Tatsache bewiesen, dass auch die besten Elemente in der zionistischen Bewegung selbst über die unerfreulichen Zustände in der Partei bittere Klage führen. . Die Quelle dieses Uebels liegt darin, dass die zionistische Bewegung im Laufe der Jahre Personen an die Oberfläche gebracht hat, die jeden Verantwortlichkeitsgefühls bar sind, Leute, deren Gehässigkeit und Taktlosigkeit auch vor den eigenen Parteigenossen nicht haltmacht, wenn diese der Cliquenherrschaft Widerstand zu leisten wagen. Die Disziplinlosigkeit und die Anarchie, die diese Clique in die zionistische Organisation hineingetragen hat, offenbart sich auch in ihrer offiziellen Presse. Ein Vorfall, der sich anlässlich des letzten Kongresses in Wien abgespielt hat, wirft ein grelles Licht auf diese Zustände. Während der XI. Zionisten - Kongress in Wien tagte, war in der gesamten europäischen Presse eine Nachricht zu lesen, eine Rede des Kongress- Präsidenten Wolffsohn habe einen solchen heftigen Widerspruch hervorgerufen, es hätten sich darauf solche Skandal-Szenen abgespielt, dass die Sitzung für einige Zeit aufgehoben werden musste. Tatsächlich aber jubelte der ganze Kongress dem Redner in unbeschreiblicher Weise zu, was der Persönlichkeit des beliebten Mannes galt. Die offizielle zionistische Pressleitung fand es aber für gut, diese grobe Lüge in die Welt zu setzen, um den Mann, der in ihre Rechnung nicht hineinpasst, nach aussen hin herabzuwürdigen. Welche Missachtung der offiziellen zionistischen Presse von ihren eigenen Parteileuten entgegengebracht wird, geht auch daraus hervor,- dass einer aus ihrem nächsten Kreise sich bemüssigt gesehen hat, in einem antizionistischen Blatt, dem Hauptorgan des Zionismus, der „Welt", Parteilichkeit und Unwahrhaftigkeit vorzuwerfen. (Vergl. Oesterreichische Wochenschrift Nr. 38 vom 19. September ds. J. „Der Wiener Zionistenkongress. Ein Epilog". Von Heinrich Loewe.) Auf eine weitere auffallende Erscheinung soll hier hingewiesen werden, die zweifellos viel dazu beigetragen hat, in den weitesten Kreisen Zweifel an der Aufrichtigkeit des Zionismus bei den führenden Zionisten hervorzurufen. Es kann unmöglich ein blosser Zufall sein, dass die meisten Männer in leitender Stellung der zionistischen Bewegung in Deutschland und Oesterreich — obwohl sie zu den Wohlhabenden und Begüterten zählen, und ihre heisse Liebe zu Palästina unaufhörlich beteuern, bis heute auch nicht einen Quadratmeter Land dort angekauft, oder in einer anderen Weise irgend welche materiellen Opfer für die jüdische Ansiedlung in Palästina gebracht haben. Ihre Sehnsucht nach dem Land der Väter, das sie feierlich als ihr historisches Vaterland proklamieren*, scheint doch nicht allzu stark zu sein, denn sie empfinden nicht einmal das Bedürfnis, den palästinischen Boden, wenn auch nur als das Ziel einer Ferienreise, zu betreten. Was liegt also näher als die Annahme, dass der Zionismus für manche zionistische Wortführer nur einen Sport bedeutet,, oder in einzelnen Fällen vielleicht auch nichts weiter als ein gewöhnliches Strebertum ist, die Sucht sich im öffentlichen Leben Geltung zu verschaffen. Bei solchen chaotischen, zerfahrenen Zuständen tet es nicht zu verwundern, dass in der letzten Zeit in der zionistischen Bewegung noch viel bedenklichere Erscheinungen hervorgetref.cn sind, über die zu schweigen eine schwere Unterlassungüsünde wäre. An die Rockschösse des Zionismus hat sich eine eigenartige „Sekte*'' gehängt deren auf die Zersetzung des Judentums gerichtetes Treiben um so gefährlicher ist, als es das Mäntelchen des jüdischen Nationalismus trägt. Zwei besonders typische Fälle kennzeichnen am besten die Art, wie in gewissen zionistischen Kreisen das geschichtlich-jüdische Bewusstsein gepflegt wird. Vor etwa vier Jahren wurde innerhalb der zionistischen Partei eine besondere Kulturorganisation, die „Histadruth ibrith" ins Leben gerufen, welche die kulturellen Angelegenheiten des jüdischen Volkes vertreten sollte. An der Spitze dieser Kulturorganisation stand von Anfang an ein Mann, der seit Jahren die äusserste Assimilation predigt, die selbst vor der Taufe nicht halt-