Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1913-10-01 · Heft 10 (Oktober 1913) · p. Seite 765 - 766

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 10 (Oktober 1913)
Article
Zionismus
Date
1913-10-01
Page
Seite 765 - 766 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2584033-2584044-2605169--14908-2605232
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

765 Zionismus. 766 keit erheischt es, darüber einige Aufklärungen zu geben. Die jüdische Ansiedlungsarbeit in Palästina ist schon über dreissig Jahre alt. Was in dieser Zeit hierfür getan wurde, ist hauptsächlich auf die hochherzige Hilfe des Barons Edmund Rothschild in Paris zurückzuführen. Dieser edle Mann, der Jahre hindurch grosse Geldsummen in die jüdischen Kolonien investiert hat, wollte gar nicht genannt sein. Er hiess stets «der bekannte Wohltäter" und in den ersten Jahren war er nicht einmal der bekannte Wohltäter, weil nur wenige Eingeweihte wussten, wer hinter diesem grossartigen Hilfswerk stand. Das junge Ansiedelungswerk wäre gleich bei seinem Entstehen zugrunde gegangen, wenn ihm nicht bald Baron Edmund Rothschild mit vielen Millionen zu Hilfe geeilt wäre. Ausserdem ist es zur Genüge bekannt, dass der Baron Rothschild durch die Vermittlung der JCA, die die Verwaltung der Kolonien vor einigen Jahren für ihn übernommen hat, noch jetzt alljährlich für das Ansiedelungswerk viel mehr opfert, als alle Zionisten zusammen. Wenn auch dem Baron Rothschild und der JCA keine lärmende Presse zur Verfügung steht, den Ankauf eines Dunams Land oder die Anpflanzung eines Dutzend Oelbäume in zwei Dutzend Sprachen zu verkünden, so steht doch die Tatsache fest, dass in ihrem Auftrage in Palästina seit Jahren in aller Stille erfahrene Männer wirken und Hervorragendes schaffen. Es schadet der praktischen Palästinaarbeit gewiss nicht, dass sich jene Männer im bescheidenen Dunkel halten, so dass man ausserhalb Palästinas nicht einmal ihren Namen kennt, wie wir andererseits keinen greifbaren Nutzen in der Praxis des Kongress- Zionismus erblicken können, der im ganzen etwa zwei oder drei Farmen für zwanzig bis fünfundzwanzig Familien errichtet hat, worüber auf dem letzten Kongress mehrere Tage Redeschlachten geliefert wurden. Neben dem Baron Rothschild, der in dieses Werk an 80 Millionen investiert hat, hat auch die „Alliance Israelite Universelle" in Palästina für das Schulwesen allein ca. 7l[2 Millionen verwendet. Diese Kulturarbeit der Alliance ist nicht hoch genug einzuschätzen, denn sie ist der palästinischen Judenheit im ganzen Lande in ungewöhnlichem Masse geistig und wirtschaftlich zugute gekommen. Es waren dies die ersten europäischen Schulen, welche im heiligen Land errichtet wurden; sie haben nicht nur die Stellung der Juden in sozialer und politischer Hinsicht ungemein gebessert, sondern auch ihr Ansehen in der islamitischen Welt bedeutend gehoben. Wenn man die Vorgänge in Palästina rein objektiv beurteilt, so kann man über solche grossartige Schöpfungen nicht einfach hinweggehen. Sie zu verkleinern oder ganz zu ignorieren, wie es die Zionisten zu. tun gewöhnt sind, ist nicht , nur ungerecht, sondern auch unklug. * * * Wir stehen jedoch keineswegs auf dem Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung, und sind weit davon entfernt, das neue jüdische Palästina lediglich als eine Schöpfung der Millionenspenden des Barons Edmund Rothschild zu bezeichnen. Mit Geld allein hätte man nie ein solches Werk schaffen können. Es wäre ebenso ungeschichtlich wie undankbar, wenn man nicht stets mit Verehrung und Bewunderung auch der Pioniere gedenken wollte, die sich zuerst in Palästina unter den unsichersten und schwierigsten Verhältnissen niedergelassen und dort den schwersten Gefahren getrotzt haben. In ihnen lebte der altjüdische Idealismus wieder auf; sie waren von einem Geist beseelt, der im Zeitalter Esras und Nehemias das jüdische Gemeinwesen auf dem historischen Boden schuf, als sich eine Schar von begeisterten Judäern anschickte, ihr Schicksal an das des palästinischen Bodens zu knüpfen. Will man diesen Geist, von dem das neue Palästina beseelt ist, als zionistisch bezeichnen, so haben wir nichts dagegen. Aber es muss mit aller Deutlichkeit betont werden, dass dieser Zionismus mit dem Zionismus, wie er sich namentlich in West-Europa in den Vereinsversammlungen vielfach bemerkbar macht, nichts als den Namen gemein hat. * * * An dieser zuletzt bezeichneten Spielart des Zionismus, deren Schädlichkeit klar an den Tag tritt, wurde im Juliheft dieser Zeitschrift Kritik geübt. Die offizielle zionistische Presse hat auch dieses Mal wie schon oft die Ungeschicklichkeit begangen, die dort getadelten Auswüchse der zionistischen Bewegung zu verteidigen, sich also mit ihnen zu identifizieren. Diese Tatsache macht es um so notwendiger, diese Dinge hier nochmals mit voller Klarheit zu besprechen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.