Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1913)
- Article
- Zionismus
- Date
- 1913-10-01
- Page
- Seite 763 - 764 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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763 Zionismus. 764 aber auch, weil man in den Staaten, wo sich die Juden mühsam die bürgerliche Gleichberechtigung erkämpft hatten, vom politischen Zionismus eine Gefährdung dieser Gleichberechtigung befürchtete. Wir wollen auf die Einzelheiten dieses erbitterten Kampfes, der etwa fünfzehn Jahre mit grosser Schärfe geführt wurde, hier nicht eingehen. Aber soviel steht fest, dass wir uns alle auf dem Boden der praktischen Arbeit in Palästina zusammenfinden können. Ist die Förderung der jüdischen Ansiedelung im heiligen Lande das Ziel, zu dem jetzt der Zionismus strebt, so muss ehrlich und vernünftig mit einer Fiktion aufgeräumt werden, an die auch die Zionisten nicht mehr denken. Welche Bedeutung hat dann noch unter den jetzigen Verhältnissen der am meisten strittige Punkt des Baseler Programms: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich - rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina"? Der Zionismus erstrebt es tatsächlich nicht mehr und dadurch, dass die zionistische Presse diese bedeutungslos gewordenen Worte noch immer als Motto druckt, wird nur erreicht, dass die türkische Regierung die ganze Bewegung mit grossem Misstrauen verfolgt und dem jüdischen Ansiedelungswerk in Palästina Hindernisse in den Weg legt. Ausserdem werden durch dieses Rudiment des Charter-Zionismus die besten Elemente der Judenheit von der Mitarbeit an dem Ansiedelungswerk abgehalten. Der XL Zionisten- Kongress, der vom 2. bis 9. September in Wien stattgefunden hat, litt ungemein unter dieser vielleicht beabsichtigten Unklarheit. Man hatte den politischen Zionismus aufgegeben, aber ihn zum Schein beibehalten oder wenigstens sich nicht von ihm förmlich losgesagt. Das führte zu unfruchtbaren Debatten und zu allerhand Reibungen, weil noch immer im Namen einer Sache gesprochen werden durfte, die eigentlich keine Daseinsberechtigung mehr hat. Man habe also den Mut und gebe dasjenige auf, woran kein Zionist mehr glaubt und was auch kein Zionist mehr anstrebt. Indem man zu der Arbeit der „Chowawe-Zion" zurückgekehrt ist, muss man auch im Interesse der praktischen Arbeit ihre Methode wieder aufnehmen. Der Zionismus ist keine politische, er ist eine jüdische Bewegung. Er muss jetzt trachten, die Vorurteile zu beseitigen, die gegen ihn mit Recht herrschen, um alle Juden für die Arbeit in Palästina und für die Befestigung des jüdisch-geschichtlichen Bewusstseins zu gewinnen. * * * Die genaue Anpassung des Programms an die tatsächlichen Verhältnisse ist nicht die einzige dringende Reform des Zionismus. Die zionistische Partei hat noch manches zu lernen, aber auch noch manches zu vergessen. Auf den Zionisten-Kongressen engt sich in der Regel der Horizont so ein, dass alles nur vom Gesichtspunkt des zionistischen Parteiinteresses aus beraten und erörtert wird. Alle andern wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Aufgaben der Judenheit in den verschiedenen Ländern treten dort ganz in den Hintergrund. Eine Partei, die so einseitig ist, wird niemals aus ihrem selbst gezogenen engen Kreise herauskommen, sie wird niemals die Vertreterin der gesamten Judenheit werden. Während aber der Zionismus durch sein eng abgegrenztes Programm sich selbst zur Tatlosigkeit verurteilt hat, verfolgt er doch die Taktik, alles Erspriessliche im Judentum als sein Werk auszugeben und die Leistungen anderer herabzusetzen, lieber diese Uebertreibung könnte man sich schliesslich leicht hinwegsetzen. Hingegen muss entschieden Widerspruch erhoben werden, wenn der Kongress-Zionismus alle Erfolge in Palästina, die durch die mühsame Arbeit und grosse Opfer Anderer erreicht wurden, als sein Verdienst in Anspruch nimmt. Eine solche Taktik wirkt in doppelter Beziehung schädlich. Die durch sie begangene Ungerechtigkeit kann unmöglich aufmunternd auf diejenigen Zionsfreunde in West- Europa wirken, die seit Jahren die Palästina-Arbeit mit reichen Mitteln gefördert haben und auch in der Zukunft zu fördern geneigt wären. Ausserdem führt man damit viele ehrliche Zionisten irre, in denen die falsche Vorstellung geweckt wird, es geschehe seitens der zionistischen Organisation in Palästina so viel, dass eigentlich nichts mehr zu tun übrig bliebe. Diese andauernde Entstellung der Tatsachen scheint eine suggestive Wirkung hervorzurufen selbst da, wo eine objektive Beurteilung der Dinge beabsichtigt ist. Denn nur so kann man sich die geschichtliche Darstellung „Das neue jüdische Palästina" von Nachum Goldmann im letzten Heft von »Ost und West" erklären. Auch dieser Autor, der im übrigen ein vorzüglicher Beobachter und ein objektiver Schilderer ist, erweckt stellenweise den Eindruck, als ob alles, was in Palästina jetzt vorhanden ist, worauf wir Juden mit Genugtuung blicken können — lediglich eine Schöpfung der zionistischen Organisation sei. Die Gerechtig-