Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 9 (September 1913)
- Article
- Gedenkrede des Herrn Salomon Reinach bei der Leichenfeier des Herrn Direktor David Cazès
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 737 - 738 (sequence 3)
- Language
- German
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737 Gedenkrede des Herrn Salomen Reinach bei der Leichenfeier des Herrn Direktor J)avid Cazes. 738 rigere Aufgabe seine Mitarbeit beansprucht hätten. Die Anfänge der von Baron Hirsch begründeten jüdischen Kolonisationsgesellschaft waren nicht glücklich verlaufen. Die ersten Direktoren des Werks waren trotz ihres Eifers nicht nahe und nicht gründlich genug mit dem Element vertraut, das sie zu Kolonisationszwecken disziplinieren und in die Feldarbeit einweihen sollten. In seiner Verlegenheit wendete Baron Hirsch sich an die Alliance, deren Wohltäter er seit langer Zeit gewesen war und dem sie nichts abschlagen konnte, besonders nicht, da es sich hier darum handelte, im Interesse des Judentums einem fast anarchischen Zustand und grossen Missständen — besonders den regelmässigen Unterstützungen — ein Ende zu machen, weil diese das Gedeihen des Werkes untergruben und eine Prämie auf die Faulheit setzten. Es wurden zwei neue Direktoren ernannt: der ehemalige Direktor der Landwirtschaftsschule von Mikweh, Samuel Hirsch, der damals Direktor in Plessis-Piquet war und den wir glücklicherweise noch heute in unserer Mitte sehen, und der von Herrn Hirsch empfohlene David Cazes. Diese beiden Männer, von denen der eine Aschk e n a s i und der andere S e p h a r d i war, waren nicht nur von früher Jugend an mit dem Geist der jüdischen Massen vertraut, sondern verstanden sowohl zu beraten wie zu befehlen. Sie hatten in bescheidenen Verhältnissen aber unter täglicher Verantwortlichkeit den praktischen Sinn und Verständnis für den Alltagsbedarf erworben. Sie hatten ausserdem jenen grossen, im vorliegenden Fall ganz besonders wertvollen Vorzug, dass sie stets sowohl untereinander wie mit der Hauptleitung in Paris in vollständigem Einvernehmen blieben. Wollten wir erzählen, was die Herren Hirsch und Cazes seit dem Jahre 1893 in Argentinien geleistet haben, so hiesse das, die Geschichte der zweiten Kolonisationsperiode vortragen, der Periode der Organisation, die aufdie unsicheren Tastversuche des Anfangs gefolgt ist und die jetzige Periode vorbereitet hat, wo natürlich auch noch nicht alles tadellos funktioniert, wo aber jedermann in Paris sowohl wie in Buenos Aires die erforderlichen Methoden kennt, nach denen Verwalter und Kolonisten zusammenarbeiten müssen, um gute Erfolge zu erzielen. Baron von Hirsch hatte von Anbeginn ein Ideal, das er mit dem englischen Ausdruck self-government bezeichnete; da er aber die Verwirklichung dieses Ideals nicht mehr erleben konnte, musste er sich mit einer Art patriarchalischer Verwaltung begnügen, die einer direkten Regie ähnlich sah, ohne ihre Vorteile zu besitzen. Noch heute sind wir weit vom self-government entfernt, obgleich wir unverdrossen diesem Zustand des Gleichgewichts zustreben, der es der Kolonisationsgesellschaft ermöglichen soll, den grössten Teil ihrer Mittel und ihrer Tätigkeit anderen Ländern zuzuwenden. Jedenfalls sind auf diesem rationellen Wege schon bedeutende Fortschritte gemacht worden und die Kolonisation hat, selbst in ganz neuen Gegenden, die offenen und gesunden Formen der Freiheit angenommen. Ohne in die Einzelheiten der von den Herren Hirsch und Cazes eingeführten Reformen einzugehen, darf ich wohl sagen, dass sie im Verein mit der Pariser Leitung im Urteil der Geschichtsschreiber des jüdischen Exodus im 19. Jahrhundert das ungeheure Verdienst haben werden, ihn gleichzeitig geleitet und emanzipiert zu haben. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich hatte Cazes eine so grosse Erfahrung der Menschen und Dinge gesammelt, war er noch so voll an Kraft und Gesundheit, dass der Vorstand der J. C. A. es für angezeigt hielt, ihn der Pariser Direktion anzugliedern; von hier aus wurde er in wiederholten Missionen nach Argentinien, Brasilien und anderen Ländern geschickt. Ich fand Cazes am grünen Tisch unserer J. C. A. mit demselben Humor, mit derselben Feinheit aber auch Entschiedenheit wieder, die ich schon bei unserer ersten Begegnung in Tunis an ihm bewundert hatte. Man muss unseren vielsprachigen, arbeitsreichen und erschrecklich langen Sitzungen beigewohnt haben, um zu wissen, wie schwierig immer und wie unangenehm manches Mal die Aufgabe der Direktoren, beinahe hätte ich gesagt, der verantwortlichen Minister vor diesem nur einen Tag währenden Parlament sich gestaltet. Cazes war mit einem unbeirrbaren Gedächtnis begabt, stets schlagfertig in den Entgegnungen; er lächelte bei den schwierigsten Angelegenheiten, die andere mit gerunzelter Stirn anhörten und warf immer eine optimistische Note in unsere Debatten. Ich wartete immer ungeduldig darauf, dass er seine Meinung abgab — was er niemals ungebeten tat —, nicht weil er immer recht hatte, sondern weil ich wusste, dass er niemals um die Sache herumsprach, und dass er nach genauer Auseinandersetzung des Wesentlichen eine ebenso genaue Lösung der Frage vorzuschlagen hatte. Ich sehe sie noch und werde sie im Geiste stets vor mir sehen — diese strahlenden Augen, die von Lebhaftigkeit und gelegentlich auch von Malice sprühten, diese mächtige, so ausserordentliche Intelligenz umschliessende Stirn; ich werde immer diese zugleich sprudelnde und wohlüberlegte Sprache des Südländers hören, diese kurzen und klaren Sätze, in denen seine natürliche Beredsamkeit sich zusammenfasste. Wenn Cazes nicht an den Sitzungen teilnahm, fehlte uns immer etwas; nun Cazes gestorben ist, wird er uns sehr oft fehlen und das tiefe Gefühl der Leere, das er zurücklässt, wird unsere Trauer immer neu beleben und zum Ausdruck bringen. Obgleich seine Zeit zum grossen Teil von seiner amtlichen Tätigkeit in Anspruch genommen war und seine Mussestunden ihm nur karg zugemessen waren, hat Cazes noch nützliche und wohlgeschätzte Bücher über die Geschichte der Israeliten in Tunesien und über die jüdisch-tunesische Literatur geschrieben. Er hat auf Wunsch der