Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 9 (September 1913)
- Article
- Gedenkrede des Herrn Salomon Reinach bei der Leichenfeier des Herrn Direktor David Cazès
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 735 - 736 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584033-2584043-2605069--14886-2605134- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
735 Gedenkrede des Herrn Salomen Reinach bei der Leichenfeier des Herrn Direktor David Cazes. 736 Tod sanft und friedlich wie das Ende eines schönen Sommertages eingetreten ist, ist für uns zwar kein Trost, meine Herren, hinterlässt uns aber doch die Empfindung, dass Cazes bis an sein Ende ein glückliches und beneidenswertes Leben geführt hat. Was gibt es denn auch beneidenswerteres als ein wohlausgefülltes, nur der Pflicht geweihtes, von Gesundheit verschöntes Leben, das ganz plötzlich durch ein vorher ungeahntes Leiden in wenigen Augenblicken ausgelöscht wird? Wir brauchen nicht allein das Leben von Cazes als Muster aufzustellen — wir alle sollten auch die höchste Gnade eines solchen Todes für uns selbst erbitten. Cazes ist im Jahre 1851 im marokkanischen Ghetto zu Tetuan geboren worden. Schon in seiner frühesten Jugend hat er sich durch seine Tatkraft und seinen Verstand so besonders hervorgetan, dass bereits seine ersten Lehrer ihn auszeichneten. Als die Alliance Israelite dann beschloss, die für unsere Schulen auszubildenden Lehrer aus den orientalischen Juden auszuwählen, wurde Cazes als einer der ersten zur Vervollständigung seiner Erziehung und Ausbildung nach Paris geschickt. Von diesen Schülern der heroischen Aera der Alliance lebt jetzt, glaube ich, nur noch ein einziger: Nissim Behar, der Begründer und ehemalige Direktor der Jerusalemer Schule. Die Auswahl dieser jungen Leute ist tatsächlich eine glückliche gewesen, sie haben der Alliance und dem Judentum Ehre gemacht. Nach Absolvierung der Vorbereitungsschule wurde Cazes nach Volo in Thessalien geschickt. „Die beiden thessalischen Schulen, die in Larissa und die in Volo, werden," so schreibt Narcisse Leven in seinem Bericht vom Jahre 1869, ,,von den betreffenden Gemeinden mit grossem Entgegenkommen behandelt; die Schule in Volo hat uns kürzlich einen deutlichen Beweis dafür erbracht. Eine Unstimmigkeit zwischen der Gemeinde und dem Schuldirektor hatte die Abreise des letzteren zur Folge gehabt, hat aber den Bestand der Schule nicht gefährdet; wir haben ihr in der Person des eben aus unserem Lehrerseminar ausscheidenden Herrn David Cazes einen neuen Direktor gegeben." Der Erfolg des Direktors Cazes an der Schule in Volo war so bedeutend, dass das Central-Comite ihn in seiner Sitzung vom 12. Februar 1873 zum Direktor der in Smyrna neuzubegründenden Schule ernannte. Hier gab es nicht nur eine Schule zu organisieren, sondern auch ein Gebäude für diese Schule zu bauen; unter dem Beistand der Gemeinde zeigte Cazes sich all diesen Anforderungen gewachsen. ,,Seine Aufgabe war gross," schrieb Loeb im Jahresbericht von 1873, ,,aber das hat ihn durchaus nicht abgeschreckt." Es war damals schon derselbe Cazes, den wir später gekannt haben, obgleich wir im Jahre 1873 beinahe noch Kinder waren: der Mann, der sich von keinerlei Schwierigkeiten zurückschrecken liess. Neben der Schule wurde ein Verein zu dem Zweck begründet, die armen Schüler zu kleiden und zu beköstigen. Der reiche Vorsitzende der Gemeinde, Alexander Sidi, den Cazes für die gute Sache zu gewinnen verstanden hatte, kargte mit seiner Beihilfe nicht. Im Jahre 1878 konnte die Alliance unter ganz besonderen Schwierigkeiten endlich daran denken, in dem grossen israelitischen Zentrum von Tunis eine Schule zu begründen. Diese umfasste von Anfang an beinahe tausend Schüler, die alle aus den ungesunden Talmud-Thora-Schu- 1 e n hervorgegangen waren. Es war ein glücklicher Gedanke, dieses umfangreiche Unternehmen von Cazes leiten zu lassen. Fünfzehn Jahre hindurch hat er sein ganzes Können dafür eingesetzt und hat sich das Vertrauen nicht nur der eingeborenen livornesischen Israeliten, sondern nach der Besetzung von Tunis auch die Anerkennung des französischen Residenten und der Unterrichtsbehörde erworben. Im Jahre 1883 lernte ich in Tunis Cazes kennen, und er erzählte mir mit berechtigtem Stolz von dem Ehrendiplom, das seine Schule eben auf der Internationalen Ausstellung zu Amsterdam erhalten hatte. Seine Stellung war keine leichte; die reichsten, wenn auch nicht gerade die einflussreichsten Mitglieder der Gemeinde, die Livorneser, kümmerten sich wenig um die eingeborenen Juden und befanden sich infolge ihrer politischen Ansichten wiederholt in direktem Gegensatz zur Regentschaft. Die europäischen Kolonien Tunesiens haben zu jener Zeit durchaus nicht in voller Harmonie gelebt; die internationalen Gegensätze fanden ihren Widerhall bis in das Herz der tunesischen Judenschaft. Ich hatte Gelegenheit, den Takt zu bewundern, mit dem Cazes sich gelegentlich auf sein Erzieheramt zurückzog; wie er mit seiner jovialen Liebenswürdigkeit es verstand, durch ein Scherzwort oder ein Lächeln sehr gespannte Situationen zu lösen. Es handelte sich dabei nicht immer nur um die Schule in Tunis oder ähnliche unter Cazes Mitwirkung errichtete Anstalten im Gebiet der Regentschaft; er musste der neuen Lage des Landes entsprechend unter den Auspizien des Protektorats die tunesische Judenheit organisieren. Cazes hat sich dieser schwierigen Aufgabe zu so allgemeiner Befriedigung unterzogen, dass die französische Regierung ihm im Jahre 1889 auf Anregung der Residentschaft das Kreuz der Ehrenlegion verlieh. Er war der erste Lehrer der Alliance und ist bis zum heutigen Tage der einzige geblieben, dem diese Auszeichnung zuteil geworden ist. Ebenfalls ist es den Bemühungen Cazes zu verdanken, dass das Protektorat noch in demselben Jahr die Allianceschule in Tunis zu subventionieren begann. Dies geschah in gerechter Würdigung der Leistungen der Schule, die eigentlich schon die Regierung des Bey hätte unterstützen müssen. Cazes war in Tunis so beliebt und schien dort so notwendig, dass er vielleicht bis zu seiner Pensionierung sein dortiges Amt beibehalten hätte, wenn nicht ein weiteres Arbeitsgebiet, eine schwie-