Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 9 (September 1913)
- Article
- Das neujüdische Palästina
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 725 - 726 (sequence 3)
- Language
- German
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725 Naclmm Goldiiiann: Das neujüdische Paliistina. 726 Die Unterrichtssprache in den Schulen war Französisch, die Lektüre, bildeten Pariser Romane, und ■wenn dann ein Junge die Schule beendet hatte, war es das erste, was er tat: die Kolonie zu verlassen und nach Nancy oder Toulouse oder — wenn ihm das Glück so hold war — gar nach Paris zu gehen. Die Verwalter selbst fühlten sich als absolute Herrscher, die Kolonisten sahen sie als ihre Sklaven an, behandelten sie demnach und trieben so viele der besten und selb stbewusstesten unter ihnen fort, die dieses Willkürregiment der Pariser Boulevardsprösslinge nicht ertragen konnten. So war die Lage der jüdischen Kolonien in den 90 Jahren die denkbar traurigste. Auf -den Feldern arbeiteten Araber, während die Kolonisten das Administrationsgebäude mit immer neuen Schnorrereien umdrängten, auf den Strassen wurde französisch gesprochen, die Jünglinge wanderten aus und die Mädchen stolzierten mit durchbrochenen Strümpfen umher und träumten von der Rue de la Paix: sowohl vom allgemein-ökonomischen wie vom jüdischen Standpunkte aus gesehen, hatte die Kolonisation bis auf ganz wenige Ausnahmen zu einem völligen Misserfolg geführt. Dies konnte auf die Dauer auch dem Baron nicht entgehen. Er hatte selbst die Kolonien besucht und sie mit lebhafter Unbefriedigung verlassen. So entsehloss er sich 1900 zu einem radikalen Schritte: er übergab alle Kolonien der I c a. Nun setzte eine völlige Umgestaltung ein. Der grosse Stab der Beamten wurde stark reduziert, die Kolonien wurden selbstständig gemacht, und an die Stelle unmethodischer Philantropie traten feste Prinzipien. Das Menschen- Material, das neu angesiedelt wurde, ward einer Auswahl unterzogen, und die Unterstützungen an die einzelnen Kolonisten fielen fast völlig fort. Der Boden sowie das Haus, das jeder Kolonist erhalten hatte, wurde als ein Darlehen erklärt, das er jährlich in kleinen Summen abzahlen musste. Auf diese Weise wurden alle Kolonien reformiert, und nach diesen Gesichtspunkten auch einige neue in Untergaliläa gegründet: Jemma, Mescha, Sedschera, Melchamia. Der Erfolg Hess denn auch nicht auf sich warten. Die Kolonisten waren nunmehr auf sich selbst angewiesen und begannen zu arbeiten. Die Schulen wurden dahin reformiert, dass sie die Kinder für das Land erziehen sollten; kurz: es begann nun eine wirkliche Blütezeit der Kolonisation, die bis heute in aufsteigender Entwicklung angehalten hat. Seit einigen Jahren ist die palästinensische Kolonisation in ein neues Stadium getreten: in das der grosszügigen, nationalen Arbeit. Wenn auch Baron Rothschild bei seiner Arbeit sich wohl dessen bewusst war, welche Bedeutung sein Werk für das gesamte Judentum besitzt, wenn auch die Ica in den Kolonien doch etwas mehr erblickt als die Mittel, einer Anzahl jüdischer Familien Unterhalt zu gewähren, so haben doch weder der Baron noch die Ica ihre Arbeit nach grosszügigen systematischen Gesichtspunkten angelegt. Dies versucht nun der Zionismus nebst all seinen Tochtergesellschaften. Das von ihm geschaffene Palästinaamt in Jaffa unter Leitung des unermüdlichen, für seinen Posten hervorragend befähigten Dr. Ruppin ist seit einigen Jahren an die Realisierung eines wohlaufgebauten Systems ■ nationaler Arbeit geschritten. Die Tätigkeit des Zionismus in Palästina verfolgt drei Ziele: Vor allem will sie das Problem der jüdischen Arbeit lösen, diese schwierigste Frage im gesamten Komplex der Palästinaarbeit. Bis heute ruht die Arbeit in den Kolonien vorwiegend in den Händen der Araber. Die Ursachen sind sehr einfach: einmal ist der Lohn des bedürfnislosen arabischen Arbeiters viel geringer als der des jüdischen, und ausserdem ist der kräftigere Araber auch der bessere Feldarbeiter. Auf der anderen Seite aber ist es klar, dass die ganze Kolonisation ohne feste Basis dasteht, so lange die Arbeit von Arabern verrichtet wird. Dieses Problem sucht der Zionismus durch verschiedene Mittel zu lösen. Er hat eine grosse Zahl yemenitischer Juden ins Land gezogen, die in ihren Lebensansprüchen schier auf gleicher Stufe mit den Arabern stehend, auch so ziemlich den gleichen Lohn erhalten. Der aschkenasische Arbeiter soll dadurch dem Araber gleichwertig gemacht werden, dass ihm eine gediegene Ausbildung gegeben wird. Ein ausgebildeter jüdischer Arbeiter, der bereits an Feldarbeit gewohnt ist, an Verständnis und Verlässlichkeit aber dem Araber weit überlegen ist, bringt durch diese Vorzüge den Kolonisten grösstenteils das wieder ein, was er ihnen an höherem Lohn kostet. Diese Ausbildung geschieht teils in Lehrfarmen wie Ben- Schemen und Chulda, teils in Farmen, die einzelnen Arbeitergruppen zur selbständigen Leitung übergeben werden, so Merchawjah, wo das Oppenheimersche Projekt der Siedlungsgenossenschaft verwirklicht werden soll, Kinereth und Dagania am Tiberiassee. Das zweite Ziel der zionistischen Arbeit ist die Heranbildung des Typus des jüdischen Häuslers, d. h. eines Bauern, der als Besitzer einer kleinen Bodenfläche sich seine Lebensmittel durch eigene Wirtschaft erwirbt, das übrige zum Unterhalt nötige Geld aber (Kleider usw.) durch Arbeit bei anderen verdient. Ein solcher Häusler erhält 20—25 Dunam, ein kleines Häuschen sowie das notwendigste Inventar. Frau, und Kinder besorgen die Wirtschaft, er selbst verdingt sich als Arbeiter. Zur Ansiedlung eines Häuslers sind ca. 3000 Frcs. nötig. Diese Methode hat vor der von der Ica befolgten viel voraus. Die Ica pflegt einem Kolonisten, den sie ansiedelt, ca. 300 Dunam zu geben, ausserdem Haus und Inventar; alles zusammen stellt einen Wert von ca. 20 000 Frcs. dar, und so wird das Unnatürliche zuwege gebracht, dass ein Proletarier, der noch heute keinen Pfennig hat, morgen bereits ein wohlhabender Kolonist ist. Ferner aber ist beim« Häuslersystem die Erziehung zum Bauern, der Zwang zur Arbeit viel stärker als es bei der Ansiedlung von Kolonisten der Fall sein kann. Ein Kolonist der Ica kann, wenn er faul ist, seinen Boden durch Araber bearbeiten lassen, ja kann ihn ganz an Araber verpachten — wie es während meiner Anwesenheit in Metullah geschehen ist — und dann als Rentier leben. Ein Häusler hingegen wird nie seinen Lebensunterhalt bestreiten können, wenn er, sowie seine Familie nicht intensiv arbeiten. Solche Häusleransiedlungen sind bereits in Ein-Ganim bei Pethach-Tikwah durch die Chowewei- Zion, in Chederah durch die Berliner „Esra" ge-