Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 9 (September 1913)
- Article
- Das neujüdische Palästina
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 723 - 724 (sequence 2)
- Language
- German
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723 Nachtun Goldmann: Das neujüdisclie Palästina. 724 Kraft und Schaffensfähigkeit des Judentums zu verlieren, dann braucht man nur auf dieses neu jüdische Leben in Palästina zu verweisen, um allen Pessimismus zu verscheuchen. Nichts ist so geeignet, unsere Kräfte und unsere Ausdauer in der Arbeit fürs Judentum so sehr zu stärken, wie ein Blick auf die Geschichte und den Stand des neujüdischen Palästina. I. Entwicklung der jüdischen Kolonisation in Palästina. Das Jahr 1882 bedeutet den Beginn der jüdischen Kolonisation in Palästina. In diesem Jahre wurden vier Kolonien gegründet, die heute zu den bedeutendsten des Landes gehören. Rischon-le-Zion, Pethach-Tikwah , Sichron - Jakob und in Obergaliläa Rosch-Pinah. Die Art und Weise, wie sie gegründet wurden, war überall die gleiche (Pethach-Tikwah als Gründung Jerusalemer Juden bildet die einzige Ausnahme). Es war die Zeit der Chowewei-Zion. Unter dem gewaltigen Eindruck der Pogrome der achtziger Jahre war diese Strömung zu einer mächtigen Flut angeschwollen, und überall, in Russland, Galizien und Rumänien bildeten sich Gruppen, die den Zweck hatten, eine grössere Auswanderung nach Palästina zu organisieren. Diese Gruppen sandten Delegierte nach Palästina, diese kauften Boden, und dann schickte man eine Anzahl von Emigranten, unter die der Boden verteilt wurde. Es war klar, dass diese Kolonisation zu keinem Erfolge führen konnte. Begeisterung und Zionsliebe sind in der Landwirtschaft wertlose Artikel. Rationelle Düngung und gute Beackerung sind von viel grösserem Einflüsse auf die Erzielung einer guten Ernte. Davon aber verstanden die meisten dieser Kolonisten herzlich wenig. Als sie herkamen, stellten sie sich die Landwirtschaft als die denkbar einfachste Sache in der Welt vor. Man streut Samen aus, und dann wächst Getreide, man kauft sich eine Kuh, und die gibt Milch, man besitzt ein paar Hühner, die legen Eier. Aus Getreide bereitet man Brot, Milch und Eier sind da, und die Existenz ist gesichert. Es dauerte nicht lange, und die Kolonisten wurden gewahr, dass dies alles doch nicht so leicht und einfach wäre, wie sie es sich <gedacht hatten. Ihre Unkenntnis des Ackerbaues, das neue, ungewohnte Klima, die fortwährenden Störungen und Ueberfälle seitens der Araber bewirkten es, dass bereits nach einem Jahre von den vier Kolonien drei am Ruin standen. Pethach-Tikwah, •dessen Kolonisten bereits dem Lande akklimatisiert waren, konnte sich allein noch einige Zeit halten. Die Lage war äusserst ernst. Die jüdische Kolonisation Palästinas stand vor ihrer Schicksalsfrage: Sein oder Nichtsein. Die Kolonisten selbst hatten keine Mittel, die Chowewei-Zion aus Russland konnten auch nicht allzuviel senden, es war klar, dass ohne eine mächtige Unterstützung durch das Ausland die Kolonien dem Untergange geweiht wären. Da fand sich der Retter in der Not, ,,hanadiw hajodua", der bekannte Wohltäter, wie er im allgemeinen in Palästina genannt wird: Baron Edmund Rothschild in Paris'. Mit seinem Eingreifen in die Geschichte der palästinensischen Kolonisation beginnt das zweite Stadium ihrer Entwicklung. Anfangs nur kleinere Unterstützungen gewährend, stieg das Budget seiner Arbeit in Palästina rasch in die Millionen. Rischonle-Zion, Sichron-Jakob und Rosch-Pinah übernahm er ganz, in Pethach-Tikwah erhielten die meisten Kolonisten Unterstützung, 1883 gründete er Ekron, und seitdem hat es wohl keine Kolonie gegeben, die nicht mehr oder minder, direkt oder indirekt auf seine Unterstützung angewiesen war. Da der Ackerbau zu keinen Erfolgen führte — was zum erheblichen Teil auch an dem für Getreide ungeeigneten Sandboden lag — beschloss der Baron, Pflanzungen anlegen zu lassen. Der Boden erwies sich als sehr geeignet für Weinkultur, und so fasste er den Gedanken, einen grossen Handel palästinensischen Weines zu organisieren. Fieberhaft wurden überall grosse Weinberge gepflanzt, in Rischon wurden die grossartigen Weinkellereien erbaut, und alles schien auf das herrlichste zu florieren. Die Trauben gediehen vorzüglich, der Baron kaufte sie den Kolonisten zu hohen Preisen ab, der Wein Avar gut, fehlte nur eins: ein entsprechend guter Absatz des Weines. An diesem letzten Glied in der Kette aber versagten alle Experimente. Im Lande selbst war keine Absatzmöglichkeit vorhanden. Dem Mohammedaner ist der Weingenuss verboten, der Jude war nie ein Held im Zechen, und die Christen erhalten ihre Weine aus ihren Heimatländern; so musste der Wein exportiert werden. Die allgemeinen Schwierigkeiten, für ein neues Produkt einen Markt zu schaffen, die hohen Kosten des Transportes, in vielen Ländern die bedeutenden Zölle und zu alledem — und dies als Hauptgrund — der durchaus unkaufmännische Betrieb des Ganzen, das auf philantropischer Grundlage aufgebaut war, machten einen grossen Absatz unmöglich, und so kam, was kommen musste: eine grosse Krise. Die Kellereien in Rischon waren von Wein überschwemmt, in vielen Häfen Europas lagen grosse Weinladungen unbenutzt da, so begann man denn einen grossen Teil der Weinberge zu vernichten und andere Pflanzungen anzulegen: Mandeln, Oliven und Orangen. Nunmehr hätte eine wirkliche Blütezeit der Kolonien anbrechen sollen: hätte nicht der andere grosse Misserfolg der Methoden des Barons es unmöglich gemacht. Mit dem äusseren, finanziellen Fiasko war noch ein zweiter, Aveitaus schlimmerer, weil moralischer, verbunden. Dadurch, dass das Ganze rein philantropisch betrieben wurde, dass man den Kolonisten die Trauben zu hohen Preisen abkaufte, während der WTein nicht verkauft werden konnte, dass jeder ausserdem andauernd Unterstützungen erhielt, wurden die Kolonisten nach und nach zu Schnorrern erzogen. Sie hatten keine Sorgen, keine Mühen: sie wussten ja, der Baron wird helfen. Krepierte eine Kuh, so ging man zum Administrator und erhielt eine neue, missriet die Ernte, so ging man zum Administrator und erhielt Geld, fehlte Boden, so gab der Administrator neuen; welches Wunder, wenn die Kolonisten allmählich alles Selbst arbeiten verlernten? Wenn der Baron gibt, wozu sich dann noch selbst anstrengen? Hierzu kam ein zweites: die Administratoren waren meist junge französische Juden, die für Judentum und Hebraismus nur Hohngelächter übrig hatten und den Montmartre in Paris als den Gipfel aller Kultur ansahen. Diese Kultur in die Kolonien zu verpflanzen, hielten sie für ihre Mission.