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Ost und West · 1913-09-01 · Heft 9 (September 1913) · p. Seite 715 - 716

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 9 (September 1913)
Article
Mose ben Maimon
Date
1913-09-01
Page
Seite 715 - 716 (sequence 3)
Language
German
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715 [Dr. Simon Bcmfeld: Afose bcn Maimon. 716 Recht, und Gerechtigkeit; aber der Zauber ihrer Sprache, die hinreissende Gewalt ihrer von ethischem Pathos getragenen Rhetorik war ihm nebensächlich. In der Agada fand Maimonides philosophische Weisheit in volkstümlicher Ausdrucksweise; der poetische Gehalt dieser Volksdichtung, ihre einzigartige Schönheit und ihr Reichtum der Empfindung blieben seinem Verständnis fremd. Der grosse Denker zeigte sich nur besorgt, dass manche poetische Redewendung der Propheten und der Volksdichter .in der Agada vielleicht wörtlich genommen und verstanden — wichtiger: missverstanden werden könnte, wodurch der philosophischen Wahrheit, die das Judentum lehrt, Abbruch geschehen würde. Ihm waren das Judentum und die philosophische Wahrheit identisch. Wahrheit bedeutet W i s s e n und Erkennen, wie eben Wissen und Erkennen die Wahrheit bedeuten. Judentum und Philosophie fordern dies; im Judentum ist das wahr, was in der Philosophie wahr ist: Wissen und Erkennen; darauf ist auch die Ethik begründet, wie aucli die religiöse Wahrheit nichts anderes als philosophische Wahrheit ist. Alles andere ist Schein, d. h. es widerspricht dem Wissen und der Erkenntnis, ist somit falsch und unsittlich. Während Bachja ibn Pakuda, einer der ersten jüdischen Religionsphilosophen des Mittelalters, zwei Wege kennt, die zu Gott führen: den Weg der philosophischen Erkenntnis und den der religiösen Intuition, die beide zu demselben Ziel führen, kennt Maimonides nur den einen Weg zu der wahren Gotteserkenntnis — den der philosophischen Wahrheit. Der Prophet, dem Bachja dieselbe Gotteserkenntnis zuschreibt wie dem Philosophen, erkennt Gott in voller Wahrheit, wenn er die philosophische Klarheit erlangt; sonst ahnt er bloss Gott. Allerdings hat es nach Maimonides auch solche Propheten gegeben, die Gottes Wesen nach seiner wahren Natur erkannt haben; ihre Gottesahnung hat sich zu einer Gotteserkenntnis erhoben. Dieser höhere Grad der Prophetie ist eben der der philosophischen Erkenntnis. Mit tiefem psychologischem Verständnis gibt Maimonides das Wesen der Prophetie in ihren verschiedenen Abstufungen an (More II, 45). Er unterscheidet zwischen der gelegentlichen prophetischen Sendung, die durch die eigenartige Seelenstimmung des Propheten unter aussergewöhnlichen Zeitverhältnissen veranlasst wird, und der prophetischen Natur jener Gottesmänner, die ihre ganze Persönlichkeit und ihr Leben in den Dienst der heiligen Sache gestellt haben und von ihrer prophetischen Aufgabe ganz erfüllt und beherrscht waren. Als den Propheten in diesem Sinne kann er J e r em i a bezeichnen, der von sich sagte, er habe oft seiner prophetischen Sendung entsagen, „nicht mehr in Gottes Namen reden" wollen, aber der prophetische Drang war wie ein ,,in seinem Innern loderndes Feuer", das er nicht ertragen konnte; der prophetische Geist war seine Natur und sein Schicksal. Aber der Prophetismus ist immer nur eine A h n u n g und ein S c h a u e n , während die philosophische Erkenntnis Wissen ist. Zu diesem Grade der philosophischen Erkenntnis kann nur der ganze Prophet gelangen, der die Prophetie beherrscht und nicht von ihr beherrscht wird, bei dem sie nicht V o r s t e 11 u n"g , sondern Erkenntnis ist. Zu der prophetischen Begabung, uie angeboren seih muss, gehört eine strenge sittliche Selbsterziehung und Selbstdisziplinierung. Die wahre Prophetie darf nicht Stimmung sein, kein psycho-pathologischer Vorgang. Die höchste Stufe hat M ose erreicht, der Gottes Wesen erkann t und nicht g e s c h a u t hat (Jesode ha-Thora, Kap. 7). So zeigt Maimonides geradezu Misstrauen gegen die religiöse Poesie, und selbst die philosophische Lyrik Salomo ibn Gabirols, die tief in das geheimnisvoll Göttliche drang und alles Sein mit dichterischer Intuition umspannte, erschien ihm als ein Verstoss gegen die philosophische Wahrheit tadelnswert (More I, 59). Maimonides hat die Herrschaft der Vernunft proklamiert; die wahre Gotteserkenntnis und die höchste Sittlichkeit, die beide für ihn identisch sind, wurzeln in ihr. Was nicht durch die Vernunft begründet werden kann, ist unvernünftig und unsittlich. In dieser Einseitigkeit liegt aber unstreitig die bezwingende Macht seines Systems. Es ist dies dieselbe logische Geschlossenheit, die wir auch bei Spinoza finden. Im übrigen muten uns manche wesentliche Bestandteile der spinozistischen Philosophie wie Entlehnungen von Maimonides an; in der Ethik ist Spinoza zweifellos vielfach Maimonides gefolgt. Mose ben Maimon gehört zu den grössten Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte. Er war ein Fürst im Reiche der Wissenschaft, die er in allen Zweigen nach dem damaligen Stand der Forschung souverain beherrschte. Sein Wissen war vielseitig und gründlich in der Philosophie, Astronomie, Mathematik und Medizin. Dazu beherrschte er das rabbinische Judentum mit seltener Meisterschaft. Er übersah alles mit grösster Klarheit und drang in alle Einzelheiten mit seinem systematisierenden Geist. In der systematischen Erfassung des Judentums wurde er von niemand zuvor und nachher auch nur im entferntesten erreicht. Durch ihn erhielt das Judentum seine wissenschaftliche Grundlage. Der Einfluss, den Maimonides mit seinen grossen Werken auf seine Zeitgenossen und auf die späteren Geschlechter ausgeübt hat, ist unermesslich. Namentlich sind es seine beiden Hauptwerke, der grosse Religionskodex „Mischne Thora" und der philosophische „Führer der Irrenden" (More Nebuchim), die über ihre literarisch-wissenschaftliche Bedeutung hinaus als geschichtliche Erscheinungen zu bewerten sind. Sie haben Jahrhunderte hindurch dem jüdischen Volk als geistige Nahrung gedient und hielten dessen geistige Regsamkeit im Ghetto unter den ungünstigsten materiellen Bedingungen wach. Das philosophische Hauptwerk des Maimonides leuchtete bis auf die Gqgenwart in das dunkelste Ghetto hinein. Den denkfähigen und denkbegabten Juden war es in der Tat ein „Führer der Irrenden". Jn der rabbinischen Wissenschaft bildete Maimonides' „Mischne Thora" einen Damm gegen die haarspaltende Dialektik, die oft über die scharfsinnige Differenzierimg das behandelte Thema vergessen liess und sich förmlich in Spitzfindigkeiten überschlug. In diesem Meer der Sophistik, von dessen Wellen sich der Talmud gelehrte gern forttragen liess, bildete Maimonides' systematische Arbeit gleichsam den Leuchtturm, zu dem man hinaufblickte

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