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Ost und West · 1913-09-01 · Heft 9 (September 1913) · p. Seite 677 - 678

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 9 (September 1913)
Article
Ein halber Trost
Date
1913-09-01
Page
Seite 677 - 678 (sequence 3)
Language
German
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677 Achad Haain: Ein halber Trost. 678 hängt und nicht mit einer anderen Gesamtheit (etwa der Gesamtheit „Kaufleute"), der er gleichzeitig mit anderen, die mit der Gesamtheit „Juden" nichts zu tun haben, als Einzelglied angehört. Um nun die Sache festzustellen, müsste man zunächst jene anderen untersuchen, die gemeinsam mit den Juden irgendeiner Gesamtheit angehören. Erst nachdem man festgestellt, dass man die Eigenschaft des Betruges keiner anderen Gesamtheit, die in sich Juden und Nichtjuden enthält, zuschreiben könne, erst dann hätte man das Recht, den Sc.hluss zu ziehen, dass das Judentum die Quelle des Betruges sei. Aber, wie gesagt, der grosse Haufe pflegt derartige Untersuchungen gewöhnlich nicht anzustellen. Und wir dürfen dasselbe auch unserer Menge nicht zumuten. Diese hört das Urteil, das die allgemeine Uebereinstimmung über sie gefällt hat, und sie sieht gleichzeitig, dass viele in unserer Mitte tatsächlich dieses Urteil rechtfertigen. Dies genügt, dass sie selbst ihre Uebereinstimmung damit bekundet. So werden die „jüdischen Charaktereigentümlichkeiten" als gangbare Münze in Umlauf gesetzt, und sie gehen allmählich aus der äusseren Uebereinstimmung der Völker in die innere Uebereinstimmung unseres eigenen Volkes über, mit dem Unterschiede freilich, dass jene unsere schlechten Eigenschaften mit lautem Applomb und hämischer Schadenfreude nacheinander aufzählen, während wir ihnen mit leiser Schamhaftigkeit und demütiger Rechtfertigung Wort für Wort nachsprechen. Die Völker vergleichen uns mit einem tönernen Gefäss, das man nicht anders als zerschmettern muss, wir aber vergleichen uns mit eisernem Geschirr, das durch Reinigen und Glühen noch immer instand gesetzt werden kann . . . Dieser Zustand kann uns, wenn er anhält, einen grossen moralischen Schaden zufügen. Sowohl für ein Volk als auch für den einzelnen ist nichts so gefährlich, als Sünden einzuräumen, die man nicht begangen hat. Denn wer tatsächlich sich versündigt hat, dem steht ja die Rückkehr offen, und bei gutem Willen kann er den Schmutz von sich abschütteln. Wie aber soll derjenige, der durch andere dahin gebracht ist, an seine Verworfenheit zu glauben, sich in seinen eigenen Augen reinigen können! Einerseits glaubt er an das Urteil der „ganzen Welt", die ihn verschiedener Fehler bezichtigt, andererseits fühlt er, dass er diese Fehler nicht abschütteln kann, da sie ja nur in der Einbildung existieren, und so befindet er sich in der komischen Lage jener Monomanen, bei denen sich aus irgendeiner Ursache der Glaube eingewurzelt hat, dass an ihrer Nase eine grosse Last hänge, die sie natürlich unter keinen Umständen abwerfen können. Ja, manchmal bringt ein derartiger Glaube den Menschen dahin, dass er sich tatsächlich die hässliche Charaktereigenschaft aneignet, die nach seinem Glauben seiner Gesamtheit als solcher innewohnt, obwohl er seiner individuellen Anlage nach dazu absolut nicht geneigt ist. Es steht, um nur ein Beispiel anzuführen, ausser allem Zweifel, dass in einem Volke, aus dessen Schosse ein Maimonides hervorgegangen, sich auch jetzt Männer befinden, die einen klaren, ruhigen Blick mit einer Vorliebe für Ordnung und System in allen Dingen verbinden, und die, wenn sie im öffentlichen Leben stünden, diese ihre Eigenschaften zum Ausdruck bringen und in diesem Sinne auch auf ihre Mitarbeiter wirken könnten. Was soll nun aber geschehen, nachdem die „Uebereinstimmung" einmal entschieden hat, dass Systemlosigkeit eine jüdische Eigenschaft ist, und nachdem wir selbst jener Uebereinstimmung recht gegeben haben? (Obwohl es noch durchaus nicht ausgemacht ist, ob diese Eigenschaft, die tatsächlich einem grossen Teile unseres Volkes innewohnt, auf Konto der Gesamtheit „Juden", oder, was wahrscheinlicher ist, der Gesamtheit „Cheder"-Zöglinge zu setzen ist.) So erschlaffen diese Ordnungs- und Systemliebenden unter uns, indem sie von vornherein daran verzweifeln, gegen eine eingewurzelte Volkseigenschaft ankämpfen zu können, und wenn sie gar noch jüdische Patrioten sind, werden sie mit Gewalt die ihnen innewohnende Ordnungsliebe, die dem Volkscharakter angeblich widerspreche, aus ihrem Herzen zu reissen und ihr ganzes Tun so einzurichten suchen, dass es dem Charakter eines „wahren" Juden angemessen erscheine . . . Es muss also ein Mittel gesucht werden, das uns dem Banne der allgemeinen Uebereinstimmung, soweit sie unsere Eigenschaften und unsere moralische Minderwertigkeit betrifft, entziehen könnte, damit wir nicht in unseren eigenen Augen verächtlich werden und uns einreden, dass wir schlechter seien als alle anderen Menschen, und durch diesen falschen Glauben im Laufe der Zeit tatsächlich dahin gelangen, in Wirklichkeit das zu werden, was wir bis jetzt nur in der Einbildung gewesen sind. Und dieses Mittel gibt uns jene „allgemeine Uebereinstimmung" selbst durch die Blutbeschuldigung an die Hand. Diese Beschuldigung ist die einzige, bei der uns die allgemeine Uebereinstimmung nicht irremachen kann. Hier, wo die Beschuldigung durchweg auf einer Lüge beruht, und wo der Fehlschluss von dem einzelnen auf die Gesamtheit nicht angängig ist, hier können wir auch keinen einzigen Augenblick daran zweifeln, dass die ganze Welt unrecht, und dass wir allein recht haben. Jeder Jude, der unter Juden erzogen wurde, weiss ganz genau, dass in der Gesamtheit der Juden auch nicht ein einziges Individuum ist, welches Menschenblut zu religiösen Zwecken missbraucht. Und diese feste Ueberzeugung von der Irrtümlichkeit der „allgemeinen Uebereinstimmung", die durch das Auftauchen der Blutlüge fortwährend in uns erneuert wird,

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