Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 9 (September 1913)
- Article
- Ein halber Trost
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 675 - 676 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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675 Achad Haam: Ein halber Trost. 676 hinzu, und wird auf diese Weise selbst ein Teil derselben. Und so gross ist die Macht dieser Uebereinstimmung, dass meistenteils sogar derjenige, der selbst der Gegenstand derselben ist, ihrem Banne sich nicht entziehen kann. Wenn die „ganze Welt" von irgend jemandem behauptet, dass er besonders klug oder besonders fromm sei, oder, wenn sie ihm eine sonstige gute oder schlechte Eigenschaft andichtet, so wird er selbst schliesslich daran glauben müssen, auch wenn er anfangs von jenen Eigenschaften nicht das geringste in sich verspürt hatte. Dieser Einfluss der „Uebereinstimmung" geht sogar soweit, dass er allmählich auf seinen Charakter einwirkt und ihn nach und nach dahin bringt, jener Stellung, die ihm die „ganze Welt" zuschreibt, tatsächlich nahezukommen jedenfalls aber ihr nachzustreben. Daher warnen die Pädagogen mit Recht davor, die Kinder am Anfang ihrer Entwicklung auf ihre moralischen Mängel aufmerksam zu machen oder ihnen gar Fehler anzudichten, die sie gar nicht haben. Die Folge könnte sein, dass die Kinder in^ jenen nur noch bestärkt, für diese aber nur noch empfänglicher gemacht werden. Es versteht sich von selbst, dass die „ganze Welt" nicht für jeden dasselbe sein kann. Finden Menschen besteht seine Welt nur in der Gesellschaft, als deren Glied er sich fühlt, und deren einzelne Individuen ihm in irgendwelcher Beziehung nahestehen. Hingegen legt er nicht den mindesten Wert auf die Uebereinstimmung seitens der Gesellschaft, deren Geist ihm vollständig fremd ist, und mit deren Gliedern er keinen inneren Zusammenhang hat. So geben bei uns die Orthodoxen und Freisinnigen nicht das geringste auf ihre gegenseitige Uebereinstimmung, selbst in Dingen, die nicht religiöser Natur sind. Der Spott und die Verhöhnung der einen Partei macht auf die andere gar keinen Eindruck, die eine existiert überhaupt nicht für die andere. Erst wenn sie durch die Verhältnisse gezwungen werden, fortwährend miteinander in Verbindung zu treten, und sich allmählich daran gewöhnen, vor allem das Menschliche in dem Gegner zu achten, dann erst erweitert sich auch ihre „Welt", und ihre gemeinsamen Anschauungen unterliegen nunmehr dem Einfluss der Uebereinstimmung der neuen und umfassenderen gemeinschaftlichen „Welt". Daher kam es auch, dass, solange die Juden ihre „Auserwähltheit" in buchstäblichem Sinne begriffen, sie in ihrem inneren Wesenswert von den Beschimpfungen seitens der Völker unbeeinflusst blieben. Sie waren sich ihres Wertes bewusst, und die allgemeine Uebereinstimmung ausserhalb ihrer Gemeinschaft ging sie absolut nichts an; denn der Kreis der „Uebereinstimmenden" erschien ihnen nicht anders als eine besondere Menschengattung, die von ihnen grundverschieden war, und sich mit ihnen in gar keinen Zusammenhang oder selbst Vergleich bringen Hess. Der Jude konnte mit unerschütterlicher Seelenruhe all die sittlichen Mängel und verbrecherischen Taten anhören, die ihm die Uebereinstimmung der Völker andichtete, ohne irgend welche Scham oder Erniedrigung innerlich zu empfinden. Was lag ihm denn daran, was diese „Nichtjuden" über ihn dachten? Wenn sie ihn nur in Ruhe lassen möchten. — In unserer Zeit ist aber die Sache anders geworden. Jetzt hat unsere „Welt" eine bedeutende Erweiterung erfahren, und die europäische Uebereinstimmung beeinflusst uns sehr beträchtlich auf allen Gebieten des Lebens. Da wir nicht mehr wie früher die nichtjüdische „Welt" aus unserem Kreise ausschliessen, müssen wir notwendig beeinflusst werden, wenn diese „Welt" uns aus ihrem Kreise ausschliessen will. Ein russischer Schriftsteller stellte dieser Tage die naive Frage: Da doch nun einmal die ganze Welt die Juden hasst, ist es denn denkbar, dass die ganze Welt unrecht und nur die Juden recht hätten? Und eine derartige zweifelnde Frage schleicht sich auch jetzt gar manchem von uns ins Herz. Ist es denn denkbar, dass all die hässlichen Eigenschaften und schlechten Taten, die die ganze Welt den Juden zuschreibt, nichts weiter wären, als Trug und Verleumdung? Und ein derartiger Zweifel, sobald er einmal erregt ist, findet mit Leichtigkeit eine Stütze in jenen falschen Verallgemeinerungen, die bei der grossen Menge so häufig sind. Die bekannte Anekdote von dem englischen Reisenden, der, als er in eine italienische Stadt gekommen und in einem Hotel einem stotternden Kellner begegnet war, in sein Tagebuch schrieb: „Die italienischen Kellner stottern", will uns in witziger Form den Gedankengang der grossen Menge bei ihren Verallgemeinerungen zeigen. Alle Erscheinungen, die sie an irgendeinem Einzeldinge wahrnimmt, schreibt die Menge gewöhnlich der Gesamtheit zu, der jenes Ding seinem gewöhnlichen Namen nach angehört. Sie weiss nicht, dass ein Einzelding gleichzeitig vielen Gesamtheiten angehören kann, dass es. mit anderen Worten, die eine Eigenschaft mit den Einzeldingen der einen Gesamtheit und eine andere Eigenschaft mit denen einer ganz anderen Gesamtheit gemeinsam haben kann, während der Name, den das Einzelding trägt, nur dessen Verhältnis zu einer Gesamtheit in einer Beziehung, nicht aber in allen Beziehungen kennzeichnet. Zu derartigen Fehlschlüssen vermag und pflegt tatsächlich die allgemeine Uebereinstimmung zu greifen, wenn es sich um Juden handelt. Diese und diese sind ihrem Namen nach Juden und ihrer Eigenart nach Betrüger. Daraus folgt, dass die Juden ihrer Eigenart nach Betrüger sind. Der logisch Denkende freilich würde ihnen darauf einwenden, dass selbst, wenn es ausgemacht wäre, dass sämtliche Juden Betrüger sind, es auch dann nicht erwiesen wäre, daß die Juden als solche Betrüger sind, d. h., dass die Eigenschaft des Betrügers, die jedem Juden innewohnt, mit dessen Zugehörigkeit zur Gesamtheit „Juden" zusammen-