Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 9 (September 1913)
- Article
- Ein halber Trost
- Date
- 1913-09-01
- Page
- Seite 679 - 680 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2584033-2584043-2605046--14815-2605106- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
679 Acluid Haam: Ein halber Trost. müssen wir uns gründlich ins Gedächtnis einprägen, damit wir uns auch in anderen Dingen dem Banne der allgemeinen Uebereinstimmung entziehen können. Mag die Welt noch so oft unsere moralische Minderwertigkeit behaupten, wir wissen, dass diese Uebereinstimmung nur auf einer vulgären Gedankenverbindung beruht, der jede wissenschaftliche Grundlage abgeht. Denn wer ist wohl in das Innere unserer Seele gedrungen und hat den Juden an sich beobachtet? Wer hat Juden und Nichtjuden, die auch in den anderen ,,Gesamtheiten" einander vollständig gleich sind: Kaufleute gegen Kaufleute, Unterdrückte gegen Unterdrückte und Hungrige gegen Hungrige abgewogen und hat das Zünglein der Wage nach einer bestimmten Seite hin sich neigen sehen? Ist es aber möglich, dass die ganze Welt unrecht und die Juden allein recht -haben?" Gewiss ist es möglich, und die Blutlüge ist der Beweis. Ein Jude und Blut?! Gibt es denn zwei grössere Gegensätze als diese? Und dennoch . . .*) *) (Aus den soeben unter dem Titel ,,Am Scheidewege" erschienenen gesammelten Aufsätzen von Achad Haam. I. Band. Aus dem Hebräischen übersetzt von Prof. Israel Friedländer. Jüd. Verlag, 1913.) DIE SAMARITANER. Von Dr. S. Weissenberg, EHsabethgrad. Als ein Beweis mehr dafür, dass die geschichtliche Entwicklung des Judentums, die von der Bibel ausgeht und durch die sich immer verjüngende mündliche Lehre stets neue Stütze gewinnt, kein Irrweg, sondern ein zielbewusster Lebensinstinkt ist, hat die Tatsache zu gelten, dass das so sehr geschmähte und schwache Judentum noch jetzt feststeht und trotz seines mehrtausendjährigen Bestehens von keinem Sektengeist zersetzt wird, der das mächtige und stolze Christentum seit seinem Anbeginn zerfleischt und untergräbt. Wohl hatte auch das Judentum seine Sekten, als notwendige Folge des ewig grübelnden menschlichen Geistes, aber diese wurden schnell überwunden und verschwanden von der Oberfläche. Dabei gereicht es dem Judentum zur besonderen Ehre, dass diese schmerzlichen Prozesse nicht wie sonst durch rohe Gewalt, sondern durch das Leben selbst vollzogen wurden, das durch seine mannigfachen Beziehungen der, wie es scheint, unerschütterlichen Lehre zu ihrem Rechte verhelfen hat. Zwei Sekten sind es aber, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten haben, nämlich die der Samaritaner und die der Karäer. In ihrem Bestehen ist jedoch nur eine Bestätigung der Richtigkeit der obigen Worte zu erblicken, da beide, mit dem ewig kämpfenden und stets fortschreitenden Judentum verglichen, geistig als ziemlich unfruchtbar, jedenfalls aber als minderwertig zu betrachten und auch physisch infolge der Entartung und Sterilität schon seit längerer Zeit auf den Aussterbeetat gesetzt sind. Indem ich hier auf Grund eigener Beobachtungen im Jahre 1908 die Samaritaner schildern will, behalte ich mir vor, später auch die Karäer zu beschreiben, die ich in mehreren ihrer Sitze kennen gelernt habe. Ueber die Entstehung de;' Samaritane/ wird in 2. Kö. 17, 24—41, berichtet. Danach siedelte der König von Assyrien nach dem Falle Samarias verschiedene Völkerschaften aus Babel, Kuta, Ava, Hamat und Sefarvajim in den Städten der Kinder Israel an. Da sie aber den Herrn nicht fürchteten. Hess der Herr gegen sie Löwen los, worauf sie sich an den König von Assyrien um Hilfe wandten. Dieser gebot, einen von den weggeführten Priestern dahin zu senden, um das Volk die Weise des Landesgottes zu lehren. Die einzelnen Völker Hessen aber auch ihre eigenen religiösen Riten nicht ganz fallen, „und so blieben diese Völker: sie beteten den Herrn an und dienten ihren Götzenbildern". Es bildete sich somit nach Zusammensetzung und Religion ein Mischvolk heraus. Als nun später der Rest Judas von Cyrtis die Erlaubnis bekommen hatte, den Tempel wiederherzustellen, wollten auch die Samaritaner daran teilnehmen und erschienen vor Serubabel mit der Bitte: „Wir wollen mit euch bauen, denn wie ihr wollen wir euern Gott suchen", worauf ihnen aber zur Antwort wurde: ,,Es kommt euch nicht zu, mit uns unserm Gotte ein Haus zu bauen" (Esra 4, 2—3). Das war der Anfang der Spaltung zwischen Judentum und Samaritaner tum, die sich allmählich iinüberbrückbar gestaltete. Obgleich nun die Samaritaner von Hass erfüllt, die Juden im weiteren Verlauf der Dinge auf jede Weise zu stören und zu schädigen suchten, haben sie doch, wie es scheint, durch längere Zeit hindurch die Hoffnung auf friedliche Beilegung des Streites nicht ganz aufgegeben. Denn als etwa 100 Jahre darauf Nehemia in Palästina erschienen ist, hören wir ilm zu den Bewohnern des Landes sprechen: „Ihr habt keinen Teil und kein Recht und keine Erinnerung an Jerusalem (Nehemia 2, 20). Zur vollkommenen Scheidung scheint es erst gelangt zu sein, als Nehemia mit unerbittlicher Strenge zur Auflösung der Mischehen zwischen Juden und Samaritanern schritt, was schon zur Zeit Esra s bestimmt, aber nicht ausgeführt wurde. Durch die Trennung der Ehen wurden sehr viele, darunter auch sehr bedeutende und sogar priesterliche Familien getroffen. Es bildete sich auch untc den Juden eine Klasse von Unzufriedenen hieraus, die bei den Samaritanern Zu flucht sucht en und fanden. J e strenger die Absonderung auf jüdischer Seite durch geführt wurde, desto mehr wurde dies als Unrecht von den Samaritanern empfunden, und der längst gehegte Hass verdichtete sich zur heftigen Feindschaft. Die Samaritaner vergalten Gleiches mit Gleichem, indem sie ihrerseits die Juden als die wahren Ketzer ansahen, die durch eine Scheidewand ferngehalten werden müssten, was durch die Konstituierung einer selbständigen Gemeinde mit eigenem Tempel erreicht wurde.* So entstand die samaritanische Sekte. Der Name der Samaritaner stammt von der durch Omri gegründeten Stadt Samaria, deren Bezeichnung mit der Zeit auf das ganze Gebiet Mittel- Palästinas überging. Die Samaritaner selbst nennen