Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 8 (August 1913)
- Article
- Jüdische Wohlfahrtsanstalten in Wien
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 639 - 640 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2584033-2584042-2604963--14780-2605013- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
639 E. E.: Jüdische Wolilfahrtsanstalten in .Wien. 640 Mädchenwaisenhaüs des Waisen Vereins. Stabübungen im Turnsaal. Bergwerkes, eines Hochofens, eines Hauses, eines Hausbaues, eines Ziegelwerks, einer Sagemühle, einer Schmiede usw. bilden die Grundlage technologischer Unterweisung. Die von den Zöglingen selbst angefertigten Modelle einer Scheune, eines Schiffes, einer Kettenbrücke, eines Windmotors, einer Gasanstalt usw. sind kleine Meisterwerke. Ein Zögling kam auf die Idee, aus dünnen Eisenbändern auf kaltem Wege die verschiedensten Gegenstände, wie Leuchter, Lampen, Rahmen, Blumenständer usw. herzustellen; er ist jetzt als Lehrer für diesen Gegenstand bestellt. Es wäre aber ein schwerer Fehler, anzunehmen, dass in diesem Institute nur auf die manuelle Ausbildung der Zöglinge Wert gelegt werde. Wäre dies der Fall, dann könnte aus der Anstalt nicht ein Zögling hervorgegangen sein, der die strenge Lehramtsprüfung aus der französischen und englischen Sprache mit bestem Erfolg ablegte, ein andrer, der ausserdem von der Universität in Dijon das Brevet und das Diplom als Lehrer der französischen Sprache erhielt. Dass der Musikunterricht auf einer hohen Stufe steht, muss als bekannt vorausgesetzt werden; weniger bekannt dürfte es sein, dass absolvierte Zöglinge der Anstalt gutfrequentierte Musikschulen — für Sehende leiten. Die letztangeführte Tatsache ist der höchste Triumph der Anstalt: Blinde, Mädchenwaisenhaus die Sehende unterrichten. Schlaf; Das Taubstummen-Institut. Es liegt eine traurige Konkurrenz in der Frage, wer bedauernswerter ist, der Blinde oder der Taubstumme. Gewiss werden die meisten zunächst dem Blinden die Palme des Mitleids zuerkennen, wohl deshalb, AveiL dessen Gebrechen auch für den flüchtigen Beobachter klar zutage tritt, während der Taubstumme sich äusserlich von seinem Nebenmenschen durch nichts linterscheidet. Dafür aber in desto höherni Masse innerlich. Fehlt ihm doch jene Gabe, die den Menschen vom Tier hauptsächlich unterscheidet, die Sprache und damit das wichtigste Instrument zur Aufnahme und zum Austausch geistiger Werte. Das blinde Kind wird im Kreise seiner Familie mithören, mitsprechen und mitdenken lernen; das taubstumme Kind bleibt selbst unter seinen Angehörigen ein ewig Fremder, ein Ausgestossener, nicht viel mehr als ein Tier. Die meisten äusserlichen Eindrücke werden uns durch das Auge vermittelt; der Blinde, dem diese Eindrücke verloren gehen, wird dies gewiss schmerzlich empfinden, wird aber sich seiner Mängel nicht in jedem Augenblick bewusst werden; anders der Taubstumme. Er, dem sicli alle Eindrücke förmlich aufdrängen, "der alles sieht, ohne es zu begreifen, ohne den Zusammenhang zu kennen, der seinen Wünschen, seinem Willen und Verlangen keinen Ausdruck geben kann, muss sich in jedem Augenblick des Waisenvereins. saal.