Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 8 (August 1913)
- Article
- Jüdische Wohlfahrtsanstalten in Wien
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 637 - 638 (sequence 4)
- Language
- German
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637 E. E.r Jüdische "Wohlfahrtsanstalten in Wien. 638 Mädchenwaisenhaus des Waisenvereins. Beim Mittagsmahl. tropen Jonas Freiherrn von Königswarter das Institut. Unter der Leitung eines Direktors, der auf dem Gebiete des Blindenunterrichts eine hervorragende Autorität ist und der von verständigen, gebildeten Lehrern tatkräftig unterstützt wird, wurden im Laufe der Jahrzehnte Hunderte und Aberhunderte der geistigen Nacht entrissen. Mit welcher Hingebung, mit welchem Scharfsinn wird der Natur auf der einen Seite abgerungen, \va:j sie auf der andern Seite versagt! Die blinden Kinder sagen, wenn sie mit den Fingern lesen, sie sehen. Die Lehrer sprechen vom „Anschauungsunterricht", nach dessen Prinzipien hier gelehrt wird. Und wahrhaftig! Die blinden Kinder erschauen das, was sie „seilen", was sie mit den Fingern greifen, viel gründlicher, als die sehenden Kinder. In ihrem Geist bildet sieh ein vollkommen richtiger Begriff des Gezeigten. Ein Beispiel dafür: ein kleiner Knabe ist imstande, nach dem grossen Modell eines Löwen vollkommen frei aus dem Gedächtnisse eine ganz kleine Nachbildung herzustellen. Ueberhaupt ist die manuelle Geschicklichkeit der Kinder eine ganz; staunenswerte. Und man wird um so erstaunter, wenn man vernimmt, dass die in Laienkreisen verbreitete Anschauung, Mädchenwaisenhaus des Waisenvereins. Vestibüle. dass die Blinden von Natur aus mit ""grösserer Handfertigkeit ausgestattet seien, unrichtig ist. Auch liier gibt die Natur nichts freiwillig, sie muss bezwungen werden. Und sie wird bezwungen. Ein kleiner kaum Ojähriger Knabe sitzt vor seinem Buche. Den toten'Blick wie* in weite, weite Fernen gerichtet, gleiten seine Eingerannt staunenswerter Schnelligkeit über die aus erhöhten VPunkten' zusammengesetzte Blindenschrift — er liest. Ein anderer zeigt uns an einem Reliefplane Wiens die Hauptstrassen, die hervorragenden Gebäude, Brücken Wiem viel, viel besser, als manches sehende Kind, das diese Strassen, Gebäude, Brücken wirklich kennt. Ein andrer gibt uns an der Hand einer Relief - Alp3iikarte eine kleine Geographielektion. Man weiss nicht, wen man mehr bewundern soll: die Lehrer oder die Schüler. Diese Bewunderung steigert sich, je mehr man Einblick in das Getriebe der Anstalt bekommt. Im Modellieren leisten die kleinen Blinden ganz Erstaunliches, der Handfertigkeitsunterricht steht auf hoher. Stufe. Es gehört zum Lehrprinzip des Direktors, dass die Schüler die Lehrmittel sich selbst erzeugen, und diesem Prinzip verdankt das Institut eine Lehrmittelsammlung von ungewöhnlichem Umfang. 176 zerlegbare Modelle, darunter die eines