Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 8 (August 1913)
- Article
- Jüdische Wohlfahrtsanstalten in Wien
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 635 - 636 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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635 E. E.: Jüdische Wohlfahrtsanstalten in Wien. 63(5 Merores Mädchenwatsenhaus. Auf der Veranda. verloren, weil er so alt ist, oder weil seine Nachbarn so alt sind? Wer kann es wissen? Sie leben sorglos wie die Kinder und auch ihr Gehaben hat meist etwas Kindliches. Ihr Leben fliesst ruhig dahin, und das Wort vom heitren Lebensabend wird hier zur Wirklichkeit. Anders ist das Bild in der benachbarten Siechenabteilung. Hier liegen Personen, die ein unheilbares Leiden ans Bett fesselt, denen die sorgsame Pflege, die sie erhalten, nur Linderung aber keine Heilung mehr zu bringen vermag. Sie sind nicht immer alt. In einem Bette liegt ein junger Mann, der aus Verzweiflung über den Tod seiner Mutter einen Selbstmordversuch beging und dabei „nur" beide Beine verlor; hier sind Menschen, deren Leben vom Tage ihrer Geburt nichts andres war, als ein langsames Sterben. Im Vergleich zu diesen Unglücklichen ist der Anblick jener, die nur die Last ihrer Jahre ins Bett drückt, beinahe tröstlich. In einer Saalecke liegt oder vielmehr sitzt in ihrem Bette eine 110jährige Frau; sie ist ehrlich entrüstet, wenn jemand Merores Mädchenwaisenhaus. Waschsaal. an diesem ihren Alter zweifelt. Dann bringt sie Daten aus ihrem Lebenslauf, über ihre Hochzeit, über ihre Kinder, die selbst hochbetagte Greise sind, schwelgt in ihren Erinnerungen, die bis zu Napoleon zurückreichen. Sie ist nicht unzufrieden mit ihrem Dasein und sehnt sich nicht nach dem Tode. Das israelitische Blinden-Institut. Auf der „Hohen Warte", an einem der schönsten Punkte Wiens, inmitten herrlicher Gärten und Villen, stellt ein grosser Bau; seine Bewohner aber wissen nichts von der sie umgebenden Pracht, denn sie sind — blind. Ex Oriente lux! Aus dem Osten kam auch das Licht für diese Unglücklichen. Auf seiner Jerusalemer Reise, im Angesicht der Verheerungen, welche teils angeborene, teils durch Krankheit hervorgo ■ rufene Blindheit unter den dortigen Juden anrichtete, entstand im Geiste des Dichters Ludwig August Frankl der Plan, in Wien ein jüdisches Blinden-Institut zu errichten. So entstand vor 43 Jahren mit Hilfe des Philan-