Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 8 (August 1913)
- Article
- Jüdische Wohlfahrtsanstalten in Wien
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 633 - 634 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584033-2584042-2604963--14777-2605010- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
633 E. E.: Jüdische Wohlfahrtsanstalten in Wien. 634 Merores Mädchenwaisenhaus. Fassade. Die jüdische Versorgimgs-Anstalt. Sie bestellt aus einem Altersversorgimgsliaus und einer Siechen-Abteilung. Das Versorgungshaus wurde in seiner derzeitigen Gestalt im Jahre 1888 anlässlich des 40jährigen Regierungsjubiläums des Kaisers von der Kultusgemeinde Tinter werktätiger Mithilfe privater Wohltätigkeit errichtet, im Jahre 1898 — zur Feier des fünfzigjährigen Jubiläums — durch die Siechenabteilung ergänzt. Beide Abteilungen wurden im Jahre 1908 — wieder zum Kaiserjubiläum — durch die Stiftung einer hochherzigen Frau erweitert und beherbergen heute fast 300 Personen. Die Erhaltung besorgt die Kultusgemeinde. Man verbindet mit dem Begriff eines Altersversorgungshauses oft Trauriges, zumindest etwas Schmerzlich-Resigniertes. Man erwartet, bei dem Besuche eines solchen Hauses Leute anzutreffen, die vom Leben nichts mehr zu erhoffen h^ben als den Tod. Die Ueberzeugung vom Gegenteil bei dem Besuche unsres Altersversorgungshauses wirkt dann geradezu herzerfreuend. Ruhig und behaglich, beschaulich und zufrieden leben unsre Alten in diesem Haus, das ihnen |HH^ IMlaMsslr--." f . L i % 7^ m ff q SBH f : 1 pi' w .1 "... ■ .. . äs ■ "i RMllHkn ^mmm^^^m^T^ Merores Mädchenwaisenhaus. Vestibüle. oft Besseres bietet, als sie je im Leben genossen. Völlig sorgenlos, in vielen Fällen auch verschont von den Beschwerden des Alters leben sie dahin und erreichen ein hohes Alter. Ein 92jähriges Mütterchen meint auf eine Anfrage über ihr Befinden, es gehe ihr sehr gut. Den Wunsch, es möge ihr bis 100 Jahre so gut gehen, nimmt sie etwas zurückhaltend auf; die Erweiterung des Wunsches auf 120 Jahre quittiert sie mit einem zustimmenden, dankbaren Lächeln. Dieselbe unverwüstliche Lebensfreude ist bei den meisten der greisen Pfleglinge vorhanden; man hat die Empfindung, als wäre man in eine Familie geraten, in der sich zufällig lauter alte Leute zusammengefunden haben. Hier sitzen in einer lauschigen Gartenecke einige Männer und spielen Karten — angeblich nur um die Ehre, weil das Spielen um Geld untersagt ist; dort hat sich eine kleine Gruppe von Frauen zusammengefunden, die, an ihren Handarbeiten nestelnd, Lebenserinnerungen austauschen. Der benachbarte, nahezu 400 Jahre alte jüdisch? Friedhof hat für unsre Alten nichts Unheimliches, wie sonst ein Friedhof. Hat er seine Schrecken