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Ost und West · 1913-08-01 · Heft 8 (August 1913) · p. Seite 631 - 632

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 8 (August 1913)
Article
Jüdische Wohlfahrtsanstalten in Wien
Date
1913-08-01
Page
Seite 631 - 632 (sequence 1)
Language
German
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631 632 JUEDISCHE WOHLFAHRTSANSTALTEN IN WIEN. Von E. E., Wien. Die Wiener Juden werden von den Juden anderer Grossstädte ein wenig von oben herab angesehen, als nicht gleichwertig betrachtet. Es wird ihnen vorgeworfen, dass ihnen — namentlich in Sachen der Wohltätigkeit, die über die lokale Betätigung hinausgeht, — der „grosse Zug" mangle. Etwas Wahres ist ja daran. Aber haben sich jene, die mit dem abfälligen, geringschätzigen Urteil so rasch fertig sind, auch bemüht, den Ursachen dieser Erscheinung nachzuforschen? Leicht ist man geneigt, mangelnde Opferwilligkeit des Einzelnen als die Ursache hinzustellen. Dem ist aber nicht so. Das Sprichwort von dem goldenen Wiener Herzen kann auf die Wiener Juden sogar mit dem üblichen Zuschlag für das jüdische Herz volle Anwendung finden; denn ganz bedeutend sind die Opfer, die die Wiener Juden auf dem Altare der Nächstenliebe darbringen. Aber sie werden meistens von Einzelnen für Einzelne dargebracht, es herrscht Zersplitterung im Geben und Empfangen, die zahlreichen Opterflämmchen vereinigen sich nicht wie anderwärts zu einer grossen, weithin sichtbaren Flamme und daher kommt unser schlechter Ruf. Keine andere Gemeinde steht und leidet unter so eigenartigen Verhältnissen, wie die Wiener jüdische Gemeinde. Ihre territoriale Lage in der Nähe der grossen jüdischen Elends-Zentren macht sie meist zur ersten Zufluchtsstätte der Auswandernden oder Ausgewiesenen. Der Zug nach dem Westen führt die meisten über Wien und nicht selten nur bis Wien. Viele besitzen die Kraft und Ausdauer, uns nur als Durchzugsstation zu betrachten und die dornenvolle Wanderung, die oft ins Ungewisse führt, fortzusetzen. Bei vielen aber reichen Mut und Geld nur bis hierher und nicht weiter. Und so siedeln sie sich mit all ihrem Elend, mit allen ihren Gebrechen in Wien an, führen ein jammervolles Dasein, füllen die Spitäler, überschwemmen die Wohltätigkeitsanstalten und lasten schwer auf der jüdischen Mildtätigkeit. Auf der einen Seite die bodenständige Wiener jüdische Bevölkerung, die unter dem Drucke des Antisemitismus leidet und verarmt, auf der anderen Seite die erdrückende Masse der zugereisten Juden — und die Erklärung ist gefunden, warum uns für andere allgemein-jüdische Zwecke nicht viel übrig bleibt. Was aber in Wien selbst von den Wiener Juden geleistet wird, ist gross und bedeutend. Selbst eine blosse Aufzählung der Wiener jüdischen Wohlfahrtsanstalten würde in dem gegebenen Rahmen zu weit führen, und so müssen wir uns nur auf die Erwähnung der grössten Institutionen beschränken, ohne selbst ihnen und ihrem segensreichen Wirken voll gerecht werden zu können. Das Juden-Spital. Im Volksmunde heisst es „Rothschild-Spital", weil Gebäude und Einrichtung von den Wiener Rothschilds gewidmet wurden; offiziell heisst es „Spital der israelitischen Kultusgemeinde", die es erhält. Die einen nennen dieses Spital ein fürstliches Geschenk der Rothschilds, die anderen, die an die immensen Erhaltungskosten denken, ein Danaer- Geschenk. Beide haben recht: es ist ein fürstliches Danaer-Geschenk, das der Wiener jüdischen Gemeinde mit dem Spital gemacht wurde. Der glänzende Ruf der Wiener medizinischen Schule im allgemeinen, jener der an diesem Spital wirkenden Aerzte im besondern wirkt wie ein Magnet, der Kranke aus aller Herren Länder herbeizieht. Meist arme Kranke, die nicht allein geheilt, sondern auch unterstützt werden wollen und müssen. Viele von den Kranken, die unser Spital aufsuchen, bringen nebst der Krankheit, von Avelcher sie Heilung suchen, eine zweite fast konstitutionelle Krankheit der galizischen Juden mit: sie sind halb verhungert. Auf die Klagen, dass dieses Spital für die Verpflegung der Kranken mehr verwende, als andre Spitäler, erwiderte der verstorbene Direktor Hofrat Dr. 0 s e r ungefähr folgendes: „Streichen Sie, meine Herren, einen Teil der Medikamente; aber sparen Sie nicht bei der Kost. Sie ist das wichtigste Medikament für unsre Kranken, die erst genährt werden müssen, bevor sie geheilt werden können." In der Tat zeichnet sich das jüdische Spital durch besonders gute Verpflegung seiner Kranken aus. Im übrigen unterscheidet sich der Betrieb des jüdischen Spitales von dem andrer gutgeleiteter Spitäler nicht; es steht auf anerkannt wissenschaftlicher Höhe und verfügt über die modernsten Hilfsmittel. Vormittags belebt sich das Bild durch die zahlreichen Kranken, die ambulatorisch behandelt werden und einem althergebrachten schönen Brauche gemäss,. das verschriebene Medikament unentgeltlich auf Kosten der Kultusgemeinde erhalten, — auch etwas, das das jüdische Spital vor andren auszeichnet. Die besondere jüdische Note erhält das Spital aber erst am Nachmittag, während der Besuchsstunden. Da unterscheidet sich das Judcnspital wesentlich von andern. Nicht weil die Besucher Juden sind, sondern weil es kein Krankenbett gibt, bei dem nicht ein, meistens aber zwei oder noch mehr Besucher sitzen — das f-.prechendste Beispiel für den sprichwörtlichen Familiensinn der Juden. Die Anzahl der Krankenbesucher im jüdischen Spital übersteigt jene in andern Spitälern um ein Vielfaches. AVer keine Familienangehörigen liier hat, wird von Landsleuten besucht und wer auch diese nicht hat, erhält den Besuch von den Mitgliedern eines Vereins, dessen spezielle Aufgabe der Krankenbesuch ist. Das ist jüdische Seelsorge. Seit einiger Zeit fügt sich dem Betriebe unsres Spitales ein für Wien neues Bild ein: die jüdische Krankenpflegerin, eine Blüte des modernen jüdischen Golus. In den meisten Wiener Spitälern wirken seit einigen Jahren geistliche Pflegeschwestern, zumeist in menschenfreundlicher Weise. Manche von ihnen aber glauben, sich auch des seelischen Wohles ihrer jüdischen Pflegebefohlenen annehmen zu müssen und dies führt nicht selten, namentlich bei unheilbar Kranken, zu erfolgreichen Bekehrungsversuchen. Dass manche dieser Bekehrten geistig nicht vollwertig sind, verschlägt weiter nichts —. Das andere Wärterinnenmaterial ist nicht immer erstklassig. So entstand in Wien eine jüdische Pflegerinnenschule nach deutschem Muster. Die Ausbildung dieser Pflegerinnen erfolgt in unsrem Spital; einige daselbst ausgebildete Pflegerinnen versehen auch bereits dort den Krankendienst, und später wird auch die Abgabe jüdischer Pflegerinnen in die Privatkrankenpflege in grösserm Masse erfolgen. — Zur Illustration der eigenartigen Verhältnisse dieses Spitals und zur Bekräftigung der eingangs gemachten allgemeinen Bemerkungen diene eine Ziffer: unter ungefähr 2100 im Lauf eines Jahres veqDflegten Personen waren im ganzen 206, d. i. 12,0% geborene Wiener!

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