Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 8 (August 1913)
- Article
- An biblischen Stätten auf den Spuren Maimonis
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 627 - 628 (sequence 4)
- Language
- German
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627 Dr. Max Grumvald: An biblischen Stätten auf den Spuren Maimonis. 628 erdigt liegen. Maimoni durfte noch die Höhle Machpela selbst betreten. Drei Tage weihte er in Fasten und Gebet den heiligen Erinnerungen dieser denkwürdigen Stätte. Dass es aber fanatische Mohammedaner sind, die an diesen Gräbern Wache halten, muss man noch als ein Glück bezeichnen. Was wäre sonst z. B. aus der Mumie Jakobs geworden? Vielleicht wäre sie längst in der Villa eines amerikanischen Milliardärs aufgetaucht oder in einem Museum neben mumifizierten Katzen und Papageien öffentlich der Schaulust preisgegeben. Eine Betrachtung, der wir uns in Aegypten hingaben, als wir in den Museen durch die Reihen berühmter Mumien — darunter Ramses' II. und seiner Tochter, der Retterin Moses — schritten und an das Testament Jakobs dachten: ,,Begrabe mich nur nicht in Aegypten \" Auch hier wandelten wir in den Spuren Maimonis. Von Mose zu Mose. Da Maimoni in Palästina keine Erwerbsmöglichkeit fand, wandte er sich zunächst nach Alexandrien. Unbeschreiblich schön ist der Anblick, den die gelblich schimmernde Stadt des grossen Orientbezwingers bei klarem Wetter dem nahenden Schiffer bietet. Wie eine Fata Morgana entsteigt sie den blauenden Fluten. Hier lebte ein Philo, hier entstand die erste Uebersetzung eines Buches, hier las man zuerst die Bibel in einer griechischen Mundart. Von der Herrlichkeit des jüdischen Alexandrien wissen talmudische Quellen viel zu erzählen. Bei der Unterdrückung des jüdischen Aufstandes unter Trajan wurde aber dieses berühmte Judenviertel dem Erdboden gleichgemacht und mit den Trümmern der alte Hafen Alexandriens zugeschüttet. Heute breiten sich über den klassischen Boden die Blumenbeete und Alleen des prachtvollen Nusha- Parkes aus. Als Reste jenes jüdischen Alexandrien der Vorzeit sind allenfalls einige, unverkennbar jüdische Züge tragende Porträts aus Gräbern der Ptolomäerzeit anzusprechen, denen man im Museum zu Alexandrien begegnet. Die heutige jüdische Gemeinde in Alexandrien hat vor vielen anderen den Vorteil, dass ihre Schulen und Spitäler von einzelnen hochherzigen Stiftern, besonders den Baronen Menasse, nicht nur errichtet wurden, sondern auch erhalten werden. Unter der Polizei zeigte man uns eine martialische Figur, einen Juden, der unter englischem Kommando in Indien gedient und dann, wie mehrere andere unserer Stammesgenossen, einige selbst in höherem Rang, eine Stelle im Zivildienst erhalten hat. Von Alexandrien reiste Maimoni nach Fostat, dem heutigen Alt-Kairo. Es wurde ihm zur zweiten Heimat. Hier fand er die Verhältnisse der Juden in einem kläglichen Zustand. Parteien unter den Rabbaniten befehdeten sich bis aufs Messer. Daneben behaupteten die Karäer eine mächtige Stellung. Auch heute herrscht in Kairo Unfriede zwischen Sephardim und Äschkenasim. Die allerdings bereits stark zusammengeschmolzenen Karäer beteten und sammelten während des russisch-japanischen Krieges für die russischen Truppen — aus Dankbarkeit dafür, dass bei den Pogroms die Karäer verschont bleiben. Im Jahre 1172 tritt uns Maimoni als Nagid, als religiöses Oberhaupt der Juden Aegyptens, entgegen, seit 1198 auch als Leibarzt des Sultans. Wie er erzählt, ritt er die 27a Kilometer von Fostat nach Kairo, der Residenz des Fürsten, selbst als hoher Sechziger, jeden Werktag mindestens einmal hin und her. Wir legten dieselbe Strecke im Wagen zurück. In Alt-Kairo besuchten wir zuerst die Esra-Synagoge, deren Rumpelkammer, die sogenannte „Genisa von Kairo", weltberühmt geworden ist. Dort haben sich im Laufe der Jahrhunderte die wertvollsten jüdischen Manuskripte gesammelt. Dort fand man unter anderem auch die hebräische Urschrift des Sirach- Büches. Der Wiener Professor Bickell hatte mit genialem Blick aus der griechischen Uebersetzung dieses Buches erraten, dass das hebräische Original in Akrostichons verfasst sein müsste. Und diese Vermutung hat sich durch den Fund glänzend bestätigt. Einen Teil der dort entdeckten literarischen Schätze hat der jüngst verstorbene Erzherzog Rainer erworben. In der Esra-Synagoge zeigt eine Inschrift den Platz an, an dem Mose einst in Aegypten für seine Brüder gebetet haben soll. Man führte uns auch an die Stelle, wo nach der Ueberlieferung Moses von der Tochter des Pharao aus dem Nil gerettet wurde. Dort hatten wir, wie so oft auf unserer Reise, besonders lebhaft die Empfindung: „Wer die Bibel will verstehen, muss in der Bibel Lande gehen.'' 'Vor unserer Reise beschwor uns ein Freund, ein hoher Militär, wir möchten ihm von unserer Reise den unumstösslichen Beweis mitbringen, dass unsere Vorfahren wirklich in Aegypten gelebt haben. Hätte er sich an der Reise beteiligt, es würde ihm jeder Zweifel geschwunden sein. So deutlich, so wahr, so greifbar anschaulich tritt einem dort das Bibelwort auf Schritt und Tritt entgegen. Man kennt die Hebräer in den ägyptischen Inschriften unter dem Namen Apru, der zugleich als Bezeichnung für Ziegelstreicher gilt. Auf dem Ritt von Kairo nach Sakkara kamen wir über die Stätte, auf der einst der gewaltige Memphis gestanden ha.t. Dort sieht man noch Mauern aus Ziegeln, aus Nilschlamm und Strohhalmen gefertigt und an der Sonne getrocknet, wie sie die Bibel als .Arbeit unserer Väter in Aegypten schildert. Und im Staube liegen dort zwei Kolossalstatuen ihres Peinigers Ramses II. Die Krone ist ihm vom Haupt gerollt. In der einen Hand hält er noch das Symbol der Sklavenpeitsche, mit der er die Hebräer gepeinigt hat. Und einen seiner Vögte stellt eine Bildsäule im Museum zu Kairo dar, lebenswahr, wie aus dem Exodus herausgeschnitten. An Josef in Aegypten erinnert ein Brunnen auf der Zitadelle von Kairo, der als das Gefängnis Josefs bezeichnet wird. Auf der Reise von Alexandrien nach Kairo sieht man Reste jener Kornmagazine, die Josef in den 7 Jahren des Ueberflusses errichten Hess. Sein Wirken wird durch verschiedene inschriftliche Hinweise bestätigt. Heliopolis, der Wohnort seines Schwiegervaters, der Ausgangspunkt des solaren Monotheismus der Aegyptcr, ist jetzt eine Villen-, Hotel- und Vergnügungsstadt, wie man sie zum zweiten Male in der ganzen Welt vergebens suchen würde. Da sieht man, was sich mit europäischem Gelde selbst aus dem VVüstensande hervorzaubern lässt. Von dem Einzüge Jakobs und seiner Familie besitzen wir eine — man möchte sagen — photographisch-getreue Darstellung in einem prächtigen altägyptischcn Farbenbild (jetzt im Wiener Kunsthistorischen Museum). Der Führer dieser Gruppe in Aegypten einwandernder Semiten heisst allerdings nicht Jakob, sondern Abischa. Das ist aber auch das Einzige, was gegen seine Identität mit unserem Stammvater Jakob spricht. Die Fahrt von Kairo an den Suezkanal und dann hinauf nach Port Said führte uns den Weg, den einst