Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 8 (August 1913)
- Article
- An biblischen Stätten auf den Spuren Maimonis
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 629 - 630 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2584033-2584042-2604962--14774-2605008- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
629 Dr. Max Grunwakl: An biblischen Stätten auf den Spuren Maimonis. G30 unsere Väter Leim Auszuge aus Aegypten zurückgelegt haben. Die Bahn, die wir benutzten, wurde zum Teil von jüdischen Ingenieuren gebaut und es ist wohl anzunehmen, dass sie daran dachten, dass einst jüdische Sklaven unter ägyptischen Vögten dort i'rohnden mussten, wo nun unter ihrer Leitung, freilich in ganz anderen Formen, ägyptische Arbeiter am Werke waren. In dieser Gegend, dem alten Gosen, wohnten einst nach Aussage der ägyptischen Inschriften Semiten, die als höchsten Gott den Sonnengott, den Baal, in Gestalt eines goldenen Kalbes verehrten. Von diesen Semiten schloss sich eine Schar als „Erebh rabh" den ausziehenden Hebräern an. So erklärt sich das goldene Kalb in der Wüste. Im Museum zu Kairo fiel mir das Steinbild einer Kuh auf. Es stellt die Hathor, die Göttin des ungezügelten Genusses, dar, die Mutter der Sonne, deren Gott Baal die semitischen Nachbarn der Aegypten wie soeben bemerkt, in der Gestalt eines Kalbes verehrten und den die Aegypter mit Set-Typhon identifizierten, dessen Farbe das R o t war. Ahe die Beziehungen, die von der jüdischen Ueberlieferung zwischen dem Opfer der roten Kuh und dem goldenen Kalb aufgedeckt werden, unter anderem der diesem Opfer unterlegte Gedanke, dass die Mutter (die Kuh) für die Sünde des Kindes (des Kalbes) zu büssen habe, scheinen dem Hathormythos nahe zu stehen. Im Museum zu Kairo sahen wir auch vergoldete Tiergötzen, ferner Skelette von Apisstieren, denen das gewaltige Mausoleum des Serapeums in der Lyrischen Wüste hei den Pyramiden von Sakkära geweiht ist. Der Mann, der es entdeckt und nach 3700 Jahren als Erster betreten hat, der berühmte Mariette, schildert uns seine Gefühle, als er nach Jahrtausenden noch im Sande die frischen Fussspuren der Maurer vorfand, die diesen Bau geschlossen, der Ochsen als Grabstätte dienen sollte. Und bedenkt man, dass durchschnittlich jeder der zu diesen Riesenbauten Hunderte von Kilometern weit an Seilen von Sklaven herbeigeschleiften Steine ein Menschenleben und die Bestattung jedes einzelnen Apisstiers eine halbe Million gekostet hat, so ermisst man die erdrückende Macht des ägyptischen Klerus, gegen die Mose nichts in die Wagschale zu werfen hatte, als seinen Stab. In den Strassen von Kairo, auch in Alexandrien, zeigen Schlangenbändiger ihre Kunststücke. Sie wickeln z. B. eine Schlange um den Arm, werfen sie dann weit fort und die Schlange wird fest und steif. Man kann sie als Spazierstock benützen. In der Hand des Bändigers wird aber der Stab wieder zur Schlange. Das war, nach dem Midrasch, schon zur Zeit der Pharaonen ein alltäglicher Vorgang, der sich daraus erklärt, dass die Kobraschlange am Nacken eine Drüse hat, auf die man nur zu drücken braucht, damit sie in einen Starrkrampf verfällt. Einige magnetische Striche machen sie wieder beweglich. Die 10 Plagen Aegyptens, von denen die Bibel erzählt, sind vereinzelt in Aegypten noch heut an der Tagesordnung. „Kinnim" z. 13. sind die Moskitos, vor denen in den Plotels die Schlafenden durch Gazevorhänge geschützt werden. Und „Orauw" ist die Himdsfliege, die das Trachomgift verbreitet. Ein Aberglaube verbietet, sie zu verjagen. Eine noch weit ärgere Fliegenplage fanden wir, um auch der Plagen Palästinas nicht ganz zu vergessen, .an der schmutzigsten der von unsjbesuchten historischen Stätten Palästinas, in Tiberias. Dort begriffen wir die furchtbare Macht des „Herrn der Fliegen", des Beelzebub. Noch heut taucht auch, wie in biblischer Zeit, im Philisterlande, z. B. in Ekron, ab und zu eine Rattenplage auf, die ebenso, wie sie auftritt, plötzlich schwindet. Dass „Dagon", der ,,Gott des Getreides", wie die Bibel berichtet, darunter litt, ist natürlich. Die biblische Erzählung von der Heimsuchung der Philister, als sie die Bundeslade erobert hatten, und die Bilder von „Achbarim" (Ratten?), die sie als Devotionalien darbrachten, erinnern an diese Verhältnisse. Tiberias ist bekanntlich die Stadt, die nach der Zerstörung Jerusalems der Mittelpunkt des ganzen jüdischen geistigen Lebens in Palästina geworden ist. Dort liegen Rabbi Jochanan im Kreise seiner berühmten fünf Schüler, dort der „Scheloh", dort Rab Ammi und Rab Aschi, nicht weit davon Rabbi Akkiba und Rabbi Meir begraben, und dort hat auch Maimonis sein Grab gefunden. In Kairo betraten wir einen engen Kellerraum, die sogenannte Rambam-Schul, wo sein Leichnam 7 Tage gelegen haben soll, bevor ihn seine Schüler nach Tiberias trugen. Das Volk glanbt, dass Kranke dort Heilung rinden. Ein Vorhang trägt den Namen „Josef ben Maimon". Ausser ihm erinnert nichts an die Benützung dieses Raumes als Synagoge. Als wir bei Tiberias am Grabe Maimonis standen, dieses Geistergewaltigen, der die gesamte Bildung seiner Zeit in sich aufgenommen und dieser Zeit um Jahrhunderte vorausgeeilt war, des Mannes, der mit so glühender Liebe am Lande seiner Väter hing, da kam uns auf die Lippen das Gebet, mit dem er selbst seinen Bericht über seine Reise im Heiligen Lande schliesst: „Gott stärke mich zu allem und stelle mir bei, meine Gelübde zu erfüllen, und so wie ich dort auf Trümmern gebetet habe, so sei es mir und ganz Israel vergönnt, bald das Heilige Land zu schauen, getröstet und aus seinem Verfall erhoben!" Ein Gebet, in das jeder Jude von ganzem Herzen einstimmen wird, der Palästina gesehen hat. Er wird begeistert von dem Neuen, das dort mächtig aufstrebt, in die Heimat zurückzxikehren. vYUein die Begeisterung gleicht bekanntlich einem Schnellzuge. Sie hält selten lange an. Wer für Palästina begeistert und entschlossen ist, für dieses Land etwas zu leisten, der darf nicht zögern, sondern muss sich beeilen, mit praktischer Arbeit einsetzen. Die für unsere jüdische Geschichte so bedeutsame Ebene Jesreel ist darum versumpft, weil sie eingeschlossen ist im Osten vom Karmelgebirge, im Westen von den Dünen des Mittelländischen Meeres. Das Wasser findet keinen Abfluss zum Meere. Menschenhand hat ihn noch nicht geschaffen, aber die Natur selbst hat dazu einen Anfang gemacht. Einem einzigen Flüsschen, dem Nahr es-Zerka, ist es gelungen, die Dünen zu durchbrechen. Dieses Flüsschen entsumpft die Umgebung und macht sie fieberfrei. In einer kleinen Gemeinde im deutschen Südwesten lebt ein Rabbiner, der sammelte jahraus jahrein kleine und kleinste Beträge für Palästina. Mancher schüttelte wohl den Kopf, wenn er in den jüdischen Zeitungen seine Ausweise über eingegangene Pfennige las. Auch ich glaubte nicht an einen grossen Erfolg und bewunderte nur die Ausdauer des Sammlers. Vor ganz kurzer Zeit hat er nun einen Abschluss veröffentlicht. Das Ergebnis waren 100 000 Mark. Wohlberaten hat er eine grosse Summe sehr vernünftigen Zwecken zugeführt. Dieser Rabbiner in dem kleinen deutschen Städtchen kann uns allen als Muster dienen.