Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 8 (August 1913)
- Article
- An biblischen Stätten auf den Spuren Maimonis
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 625 - 626 (sequence 3)
- Language
- German
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625 Dr. ^\hix Grumvald: An biblischen btütten auf den Spuren ZUaimonis. Schleuder auf die weiteste Entfernung hin mit einer Gewandtheit und Treffsicherheit, dass wir durch ihn erst die Furchtbarkeit dieser Waffe in der Hand eines David verstehen lernten. Als Knabe von 10 Jahren weidete einst Elijahu ha- Babli, wie wir ihn nannten, die Schafe seines Vaters. Da hörte er in der Nähe einen Streit, er eilte hin und kam gerade dazu, als ein Araber einem harmlosen Juden ein Ohr abriss. Elijahu — der Bub von 10 Jahren — stürzte sich, sinnlos vor Empörung, mit gezücktem Messer auf den Araber und stach ihn nieder. Er musste fliehen, denn im Orient gilt noch die Blutrache. Der Totschläger darf sich 15 Jahre lang nicht in der Heimat blicken lassen. Dann kann er zurückkehren, seine Sippe zahlt der des Erschlagenen ein Lösegeld, und der Scheikh, zu dessen Bezirk dieser gehört hatte, fasst den Heimgekehrten beim Ohr, zum Zeichen, dass dessen Leben eigentlich den Bluträchern verfallen sei. Eine Zeremonie, die an das Verfahren erinnert, das im alten Israel gegen den Sklaven beobachtet wurde, der nach sechsjähriger Knechtschaft von seinem gesetzmässigen Recht auf Freilassung keinen Gehrauch machen wollte. In einem Jahr wird auch Elijahu ha-Babli in seine Heimat nach Babil zurückkehren. Die Vorzüge des Charakters, die wir an diesem arabischen Juden wahrnahmen, besitzen in ganz; hervorragendem Masse unsere jemenitischen Stammesbrüder. Dieses Element dürfte in absehbarer Zeit in den jüdischen Kolonien Palästinas das Gros der Bevölkerung bilden, was wir nur mit Freuden begrüssen können. In ihrer Heimat ist bei Strafe des Bannes selbst den Kindern das Almosennehmen verboten. Sic lieben das jüdische Schrifttum mit Leidenschaft, studieren es vor Beginn ihres Tagewerkes, d. Ii. lange vor Sonnenaufgang, und mancher kauft lieber ein Buch als eine Frau. Man kennt nämlich dort nicht die Institution der Mitgift, in jenen Kreisen wird die Frau noch mit Gold aufgewogen. Für jede Beschäftigung zeigen diese Juden eine ausgesprochene Begabung, nur nicht für den Handel. In einer Ansiedlung von 150 Seelen leben zwei Krämer, und diese sind Araber. Die Jemeniten betätigen sich meist als Handwerker oder als landwirtschaftliche Arbeiter. Als im 12. Jahrhundert der Druck, unter dem diese Aermsten seit Menschengedenken zu leiden hatten, besonders arg wurde, da wandten sie sicJi an Moses ben Maimon. Er sandte ihnen ein Trostschreiben, den berühmten Iggereth Teman („Brief nach Jemen"), in dem er mit herzerquickender Klarheit und erwärmender Liebe ihnen Trost und Mut zusprach. Ihm gebührt ein grosser Anteil an dem Verdienst, dass die bis aufs Blut Verfolgten dem Judentum treu geblieben sind. Sie studieren noch heut mit Vorliebe Maimunis ,,Jad ehasaka", das berühmte talmudische Kompendium, und seinen Namen haben sie in das Kaddischgebet aufgenommen. Sie sagen darin ,,bechajjechon uwejomechon uwechajje derabbana Mosche ben Maimon" (bei eurem Leben und euren Tagen und dem Leben unseres Lehrers Mosche ben Maimon). Dreimal ist jener Brief Maimonis an die Jemeniten ins Hebräische übersetzt 'worden, einmal unter dem Titel „Pethach Tikwa" (,,Pforte der Hoffnung"), bekanntlich der Name der ältesten und grössten jüdischen Kolonie Palästinas, in der jetzt zahlreiche Jemeniten Arbeit, aber leider noch kein Obdach gefunden haben. Schon die ältesten Nachrichten über die Juden Arabiens, die ja einstlmächtige Königreiche bildeten, schildern sie genau so, wie wir die Jemeniten noch heute finden. Um ein Uebermass von Treue zu bezeichnen, gebraucht der Araber die Wendung: ,,treuer als Samuel". Zu jener Zeit nämlich, da die Juden Arabiens in Burgen und Schlössern sassen, hatte eines Tages Imrulkais, der berühmte Dichter der Araber, bei dem jüdischen Dichter Samuel ben Adijja vorgesprochen und beim Abschied seine Waffen zur Aufbewahru ng zurückge 1 assen. Plötzlich zog ein Feind Imrulkais' vor die Burg. Das jüngste Kind Samuels, das gerade vor der Burg weilte, wurde als Geisel gefangen genommen. Der Feind forderte die Waffen Imrulkais', die Samuel zur Aufbewahrung übernommen hatte. Er drohte dem Burgherrn, wenn er die Herausgabe verweigere, mit der Tötung des gefangenen Kindes. Aber Samuel liess lieber sein Kind vor seinen Augen töten, als dass er die Treue verletzt hätte, wobei er ausrief: „Verrat ist ein Halsband, das nicht rostet". In den Kämpfen mit den Mohammedanern haben 700 dieser Juden auf einer Stelle, als man ihnen nur die Wahl zwischen Tod oder Abfall vom Glauben liess, den Tod vorgezogen. In der Gastfreundschaft gingen sie so weit, dass sie nachts die Türen offen Hessen, damit jeder verspätete Reisende eine Unterkunft finde. Die Mohammedaner haben diesen Edelsinn schändlich missbraucht. Die Jemeniten haben sich trotz beispielloser Not bis heute die Tugenden bewahrt, die vor 7y2 J ahrhunderten Maimonis an ihnen rühmt. Sie vereinen noch immer, wie er in seinem Iggereth Temen schreibt, „harmonisch Gottesfurcht und Menschenliebe zu einer edlen Charakterbildung." Einen krassen Gegensatz zu dieser lichten Erscheinung bildet der Eindruck, den wir auf der ersten Station auf dem Wege von Jerusalem nach Hebron empfingen. Wir standen vor einer der bedeutsamsten Erinnerungsstätten unseres Volkes, vor dem Grabe Rachels, das dort trist und einsam an der Landstrasse liegt. Der einzige Rest aus unserer nationalen Vergangenheit, übe)' den wir Juden noch verfügen, zu dem wir noch freien Zutritt haben. Keine Frauengestalt, die unserem Empfinden als Mutter unseres Stammes, als jüdische Mutter überhaupt, so nahe stünde, wie Rachel, Rachel, die in ihrem Grabe um ihre Kinder und über ihre Untreue weint, die vor Gott seihst eine Kühnheit der Rede gebraucht, wie sie nur ein gekränktes Mutterherz findet, die sich ihrer Kinder annimmt, wenn alle Welt, wenn sogar Gott sie verwerfen will. Und nun muss man ihr Grab sehen! Wenn uns der Anblick vor der Klagemauer in Jerusalem Entsetzen einflösste, so fühlten wir am Grabe Rachels die tiefste Beschämung. Ein schmutziger Boden, mit Lumpen und Fetzen bedeckt, die Wände mit unzähligen Namen von Besuchern bekritzelt, das Ganze ein grausiges Denkmal barbarischer Pietätlosigkeit. Und auf meine Frage nach dem Rechtstitel, auf den sich die Juden für dieses Grab als ihr Eigentum berufen könnten, hiess es, Moses Montefiore habe es gekauft, die der jüdischen Gemeinde in Jerusalem von ihm anvertraute Urkunde sei aber verloren gegangen! Wenn man hier nicht rechtzeitig eingreift, ist es nicht ausgeschlossen, dass es uns mit dem Grabe Rachels genau so ergehen wird, wie mit dem Grabe Davids oder gar den Gräbern der Patriarchen in Hebron, zu denen Nichtmohammedanern der Zutritt überhaupt verwehrt, wird. Nur einige Stufen der Treppe darf man betreten, die zu der Moschee führt, unter der die Stammväter be-