Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 8 (August 1913)
- Article
- An biblischen Stätten auf den Spuren Maimonis
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 623 - 624 (sequence 2)
- Language
- German
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623 Dr. Max Grumvald: An biblischen Stätten auf den Spuren Maimonis. 624 Noch heute kann man, wie er, bei klarem Wetter von dort aus mit blossem Auge das ganze Land bis. zum Hermon und zum Libanon überblicken. Einen besonderen Reiz bietet der Besuch der uralten Stadt Jericho, die vor kurzem von Professor Sellin ausgegraben worden ist. Dicht daneben fliesst die Quelle Elisas, und gerade gegenüber erblickt man ein griechisches Kloster, wie überhaupt die historischen bedeutsamsten Punkte Palästinas mit russischen Klöstern besetzt sind. Man zählt dort bereits über 90 russische Kirchengemeinden und über 40 Schulen, in denen etwa 60000 Kinder russische „Kultur" erlernen. Es ist die höchste Zeit, dass wir Juden uns mit allen Kräften an dieser friedlichen Eroberung Palästinas beteiligen. Vor allem wichtig ist es, für die Besserung der klimatischen Verhältnisse des Landes zu sorgen. Als Maimoni von Akko nach Jerusalem reiste, kam er, wie er berichtet, durch dichte Wälder. Diese Nachricht muss jeden überraschen. Heutzutage steht dort mitunter meilenweit kein Baum mehr. Die Laubbäume werden als Brennholz benützt, die Fruchtbäume, aber von den Besitzern selbst gefällt, weil die Regierung auf die Ernte unerschwingliche Abgaben gelegt hat. In ältester Zeit muss Palästina "dicht mit Wald bedeckt gewesen sein. Aus einer alten ägyptischen Quelle erfahren wir, dass im 13. und 14. Jahrhundert grosse Flotten nach Endor kamen, um für das holzarme Aegypten Holz einzukaufen. Und selbst die heute besonders holzarme Gegend südlich von Jerusalem war, nach Berichten der Kreuzfahrer und aus späterer Zeit, reichlich mit Wald bestanden. Nachdrücklich sollte man der türkischen Regierung nahelegen, nicht allein dem verhängnisvollen Baumfrevel Einhalt zu tun, sondern auch das Land von neuem aufzuforsten. Das wäre von entschieden günstigem EinfTuss auf das Klima des Landes. Die Fortschritte der jüdischen Kolonisten zeigen uns, was durch energisches Eingreifen zu erreichen ist. Der Wert von Grund und' Boden in der Umgebung von Jerusalem ist z. B. während 25 Jahren auf das Hundertfache, von 6 Pfennig auf 6 Mark, gestiegen. Besonders die prächtigen Bewässerungsanlagen sind von grossem Segen. Von W asser armut kann überhaupt nur-, in gewissen Gegenden, besonders Judaeas, die Rede sein. Schon ein wenig nördlich von Jerusalem, in Nablus, dem einstigen Sichern, herrscht geradezu Wasser reicht u m. Bekanntlich hat an jener Stelle eines der wirkungsvollsten nationalen Schauspiele stattgefunden, von denen die Geschichte weiss. Nach Eroberung des Landes zog das ganze Volk unter Josuas Führung nach Sichern. Ein Teil stellte sich auf dem nördlich gelegenen Ebal, der andere auf dem Garisim südlich davon auf. Die Priester und Leviten hielten mit der Bundeslade in der Talenge zwischen den beiden Bergen. Sie lasen dem Volke aus der Thora die Scgensverheissungen und Fluchandrohungen vor und bei jedem Segensspruch antwortete das Volk auf dem Garisim mit Amen, bei jeder Fluchverkündigimg ebenso die auf dem Ebal. Weshalb der Unterschied? Weshalb auf dem Garisim Segen, auf dem Ebal Fluch? Spät in der Nacht trafen wir in Nablus ein und schon von weitem hörten wir ein Rauschen, wie von einem Wasserfall. Unser Führer erklärte uns: „Das sind die 22 Quellen des Garisim." Am nächsten Morgen sahen wir diesen Berg, von der Talsohle bis zum Gipfel mit frischem Grün bedeckt, den Ebal kahl, ohne einen Grashalm. Beide Berge stehen auf demselben Boden. Derselbe Regen, derselbe Tau fällt auf sie hernieder, es bestreicht beide derselbe Wind, und doch auf dem einen Segen, auf dem andern Fluch. Dort liegt nämlich die Wasserscheide; nach dem Mittelländischen Meere zu fliesst das Wasser so, dass es den Garisim reichlich tränkt, während es den Ebal nicht berührt. Dass der Schall der Worte bei der Enge des Tales auf den Bergen gehört wird, davon konnten wir uns überzeugen. Die Stelle, von der aus Jotham zum Volke gesprochen hat, wird noch heute in Nablus gezeigt. Wir besuchten auch den Rest der Samaritaner und fanden unter ihnen prächtige Gestalten. Die Priester leiten ihre Herkunft von dem Stamme Levi her. Wir gewannen den Eindruck, hier altjüdischen Typus vor uns zu haben. Die Josefsgeschichte beginnt bekanntlich bei einem Brunnen in der Nähe Sichems. Dieser, sowie das Grab Josefs, dieses allerdings in einem kläglichen Zustande, sind noch zu sehen. In Nablus wohnen heute keine Juden mehr. Dass nach dem biblischen Berichte einer der Herrscher Sichems den Namen Chamor (= Esel) geführt und dass Jakob in seinem Abschiedssegen einen seiner Söhne mit diesem Tiere vergleicht, ist uns als Kinder merkwürdig erschienen. An Ort und Stelle im Orient selbst konnten wir das sehr wohl verstehen. In der Tat, eines der am meisten sympathischen Tiere ist dort der Esel. Dem Armen ist er als Last- und Reittier ganz unentbehrlich. Trotz der schwersten Lasten, die man ihm aufbürdet, — oft sitzen zwei baumlange Kerle auf solch einem Tierchen, dass sie mit den Füssen den Boden berühren, — ist der orientalische Esel immer gutmütig. Unglaublich beweglich, blinzelt er vergnügt ausseinen klugen Aeuglein. Er ist unter den anderen Tieren der Bajazzo, mitunter aber auch der Führer. Wir sahen Karawanen von 20 bis 30 stumpfsinnig daherstapfenden Kamelen, geführt von einem einzigen kleinen Esel, Avie eine ganze Kette mehrmastiger Segelschiffe von einem kleinen Lotsendampfer in den Hafen bugsiert wird. Noch für eine andere Bibelstelle lieferte uns eine Erklärung die Bereicherung unserer zoologischen Kenntnisse, die wir unserer Reise verdanken. Es heisst nämlich im Hohenliedc (Kap. 4 Vers 2): „Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, deine Zähne sind wie eine Herde Schafe". Noch jeder Schrifterklärer wunderte sich , über diese sonderbare Farbenbestimmung. Eines Tages, auf einem Spaziergang vor den Toren Jerusalems, kamen wir an weidenden Ziegen A^orbei. Einer unserer Reisegefährten fragte den Führer: „Schulim, Avarum sind die Ziegen schwarz?" Er erhielt die Antwort: „Es gibt auch weisse Ziegen, aber dann sind es Schafe.'' So drollig diese Auskunft, so entspricht sie doch der Tatsache, dass für Jerusalem und seine Umgebung der Dichter des Hohenliedes ohne weiteres verständlich Avurde, wenn er die Haare der besungenen Schönen mit der Schwärze der Ziegen, ihre Zähne mit der Weisse der Schafe vergleicht. Zugleich ein Hinweis auf die Heimat des Sängers. Den Anblick eines echt patriarchalischen Hirtenbildes bot uns der eine unserer beiden jüdischen Kutscher, mit denen wir u. a. von Jerusalem nach Hebron fuhren, ein Bursche von 23 Jahren, aus Babil, einer Ansiedlung auf dem Trümmerhaufen des alten Babylon. Seine Eltern sind bemittelt und liessen ihrem Elijah u einen guten Unterricht angedeihen. Er handhabt die