Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1913-08-01 · Heft 8 (August 1913) · p. Seite 621 - 622

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 8 (August 1913)
Article
Kritik der Kritik
Date
1913-08-01
Page
Seite 621 - 622 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2584033-2584042-2604956--14758-2605004
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

621 Dr. Simon Bernfeld: Kritik der Kritik. 622 In der längeren Abhandlung Harnacks finden wir sonst sehr beherzigenswerte Ausführungen über historische und literarische Kritik und gegen die Hyperkritik, die alles, was sie nicht versteht, für Fälschungen erklärt. Es sind dies nicht nur geistvolle, sondern auch wahre Worte, die man in gewissen Kreisen von Bibelkritikern beachten sollte. Die Echtheit des Absatzes bei Josephus kann aber auch dadurch nicht gerettet werden. Harnacks „Kritik der Kritik", wie er seine Ausführungen bezeichnet, müssen wir in diesem Falle, um ein Wort von Karl Marx zu gebrauchen, die „Kritik der kritischen Kritik" entgegensetzen. AN BIBLISCHEN STAETTEN AUF DEN SPUREN MAI MONIS. Von Dr. Max Grunwald. An einem Apriltage des Jahres 1165 bestieg im Hafen von Tanger eine jüdische Familie ein Schiff, welches nach Palästinasegelte. Der grosse Mose ben Maimon war es, der mit den Seinen, vom Fanatismus der Muslimen in Marokko bedrängt, im Lande der Väter eine Zuflucht suchte. Nach etwa vierwöchentlicher Seefahrt landete er in Akko im Anblick des Karmel. Dieses einzigen Mannes gedachten wir, als wir den durch die Tat des Propheten Elia in der jüdischen Geschichte verewigten Berg hinauffuhren, in gespannter Erwartung auch der herrlichsten Aussicht. Plötzlich hielt der Wagen. Welche Ernüchterung aus allen den grossen Erinnerungen und freudigen Hoffnungen! An einer Klosterpforte standen wir, Zoll mussten wir zahlen und uns belehren lassen, dass nahezu der ganze Karmel durch Bestechung eines Kaimakams für einen Pappenstiel an französische Mönche gekommen ist. Und was die Franzosen übrig Hessen, das haben die Deutschen in Besitz genommen. So harmonisch teilen sich dort Deutschland und Frankreich in altes jüdisches Erbe. In gleicher Harmonie unterhalten beide Staaten auch eine gemeinsame Postverhindung zwischen Jaffa und Jerusalem. Oben aber auf der Höhe des Karmel weicht aller Erdendruck. Uns beherrscht das Andenken an den gewaltigen Donnerer und Erwecker des jüdischen Gewissens, dessen Taten blitzartig einschlugen in die Geschichte seines Volkes, an Elia. Maimonis Spuren begegneten wir noch manchesMal, so in Damaskus, der Stadt, die sich den alten orientalischen Charakter am treuesten bewahrt hat, einer Stadt, in der noch immer die Hunde allein die Strassenreinigung besorgen und mitten im Gassenkot das Vieh geschlachtet wird, während daneben Blumenverkäufer ihre duftende Ware anbieten. Schmutz herrscht überall in Damaskus, am widrigsten im Judenviertel. Die Häuser erscheinen von aussen als windschiefe Lehmbaracken. Um so überwältigender ist die Pracht und der Luxus, der sich im Innern entfaltet. Wir treten durch ein niedriges Tor in einen Gang eng, finster, winklig, schmutzig. Kaum dass wir uns nach den Zurufen des Führers darin forttasten können. Wir erwarten nichts anderes, als in einen Stall geführt zu werden. Bald aber stehen wir wie geblendet und verzaubert vor einem strahlenden Wunder. Eine mit Mosaik gepflasterte weite Marmorhalle. In der Mitte ein Brunnen, umgeben von einem herrlichen Garten blühender Orangen- und Mandelbäume. Nicht umsonst bezeichnet Jude wie Moslem Damaskus als das Paradies der Erde. Der Rabbiner, dessen Sabbatgäste wir waren, rühmte das stets gleichmässig angenehme Klima seiner Stadt im Gegensatz zu unserer Heimat, wo er bei zweimaligem Besuche den Winter zu kalt und den Sommer zu heiss gefanden. Aus der herrlichen Empfangshalle tritt man in Prunkzimmer, die mit ihren Wanddekorationen und ihrer Einrichtung aus Alabaster. Silber, Kristall an das Kostbarste erinnern, was Versailles und die bayerischen Königsschlösser aufweisen. Diese Märchenpracht stammt aus der Zeit vor Erbauung des Suezkanals, als Damaskus noch ein Handelsemporium ersten Ranges war. Heute bilden die Juden von Damaskus, bis auf die wenigen Ausnahmen, die jene Paläste bewohnen, den ärmsten Teil der Einwohnerschaft. Sie zählen etwa 17 000 Seelen. Meist sind es kleine Handwerker. 1000 Juden arbeiten in der Fabrik einer christlichen Firma, die hauptsächlich die bekannten Damaszener Ziseleurarbeiten liefert. Die Prachtentfaltung, ein Zeichen naiven Gefallens an Flimmer und Glanz, wie es in Damaskus auch in anderen, z. B. christlichen Häusern, noch heute angetroffen wird, war durchaus kein Merkmal protzenhafter Eitelkeit jener älteren, jetzt ausgestorbenen Generation. Für den im übrigen anspruchslosen Ton dieses Geschlechtes spricht vielleicht ein alter Damaszener Friedhof, dessen Grabsteine, schlicht und einfach gehalten, selbst den Namen des Beerdigten verschweigen. Auf dem Hofe eines jener Paläste — die Erbauer haben mitunter ein grausames Schicksal erfahren, die Blutbeschuldigung im Jahre 1840 ist nur ein Beispiel von vielen, — fanden wir den Sohn des einstigen Besitzers in ärmlicher Kleidung bei einem recht frugalen Mahle. Doch keine Ungunst des Geschickes vermochte ihn, von dem glänzenden Erbe das Geringste zu veräussern. Ebenso treu hütet man in den Synagogen von Damaskus einige wertvolle alte Handschriften. In der Nähe von Damaskus, in dem Dorfe Dschobar, wird eine offenbar viele Jahrhunderte zählende Synagoge und darin eine Stelle gezeigt, an der angeblich Elia den Elisa zu seinem Nachfolger erkoren hat. Den Spuren beider Propheten begegneten wir auch auf dem Wege nach dem Toten Meere in der Wüste Juda und bei Jericho. Die W^üste Juda könnte man ein versteinertes Meer nennen. Dieser felsige Boden, darüber des Nachts die Sterne schier in greifbarer Nähe, — nur dort konnte ein Volk leben, berufen, den Gedanken des einig einzigen Gottes zu verbreiten. Das ist keine Gegend zum Tüfteln und Spintisieren, da ist nicht Berg noch Baum noch Quelle, — so recht die Geburtsstätte grosser, klarer Gedanken, wie der Idee des einzigen Weltengottes. Und in dieser furchtbaren und doch majestätischen Oede ein schwindelnder Abgrund: dort unten rauscht der Bach K'rith; dort unten grübelte und verzehrte sich in nagendem Zweifel Elia, der Feuerbrand. Das Tote Meer überraschte uns. Wir erwarteten nach den Berichten einen glatten Spiegel, fanden aber stürmische Wogen. Sie warfen vor unseren Augen tote Fische und Stücke Schwefel aus. Auf dem gegenüberliegenden Ufer erhebt sich das Gebirge Moabs mit der Spitze, auf der Mose sein Grab gefunden hat.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.