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Ost und West · 1913-08-01 · Heft 8 (August 1913) · p. Seite 619 - 620

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 8 (August 1913)
Article
Kritik der Kritik
Date
1913-08-01
Page
Seite 619 - 620 (sequence 5)
Language
German
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619 Dr. Simon Bernfeld: Kritik der Kritik. 620 A. PFEFFERMAXN-PANX". dem Gefühl heraus, dass er damit seiner ganzen Verteidigung den Boden entzieht, unternimmt er es, auch diese ganz unhaltbare Position zu retten. Er meint, Josephus habe ja jede nationale Hoffnung aufgegeben; er sei ein kosmopolitischer Jude geworden, der keinen messianischen Glauben mehr hatte, und somit auch die Weissagungen der Propheten nicht mehr für wahr nahm. Jude sei er trotzdem geblieben, denn als Jude brauchte er nur das Gesetz zu halten. Der Glaube sei überhaupt etwas Christliches, und ein Jude brauche ihn gar nicht. Was soll man darauf erwidern? Wenn Josephus so leichtfertig über die Weissagung der göttlichen Propheten hinweggegangen wäre und mit ihnen offenbar Spott getrieben hätte, so brauchte er zwar nicht Christ zu werden, aber er wäre, wie z. B. Tiberius Alexander, Heide geworden, um sich um so besser an der Gunst der römischen Machthaber zu sonnen. Aber Josephus war trotz mancher moralischer Fehler und unsympathischer Eigenschaften ein überzeugter Jude, der für das Judentum liebevoll und mit grossem Eifer gewirkt hat. Es ist geradezu undenkbar, dass er, der das Judentum so warm und so wirkungsvoll verteidigt hat, bloss um den Christen einige Freundlichkeiten zu sagen, solches unwürdige Spiel mit dem religiösen Schrifttum seines Volkes getrieben hätte. Für die Echtheit des fraglichen Absatzes führt Harnack auch den Beweis an, dass Tacitus ihn höchstwahrscheinlich gekannt und benutzt habe. Was Tacitus über Jesus und das Christentum sagt, müsse er von Josephus geschöpft haben, da sowohl er, wie auch Sueton eine andere Stelle aus einem andern Buch des Josephus gekannt und benutzt haben. Dieser Beweisführung wird man aber schwer folgen können. Josephus hat im „Jüd. Krieg" (VI, 5, 4) seine Volksgenossen entschuldigen zu müssen geglaubt, dass sie den Krieg gegen Rom unternahmen. Die Entschuldigung, die er vorbringt, ist recht geschmacklos. Er meint, seine Volksgenossen hätten eine Weissagung missverstanden, wonach aus Palästina ein mächtiger Herrscher hervorgehen würde; diese Weissagung bezöge sich aber auf Vespasian, der auf palästinischem Boden von den Legionen zum Kaiser ausgerufen wurde. Josephus muss seine abergläubischen heidnischen Leser intellektuell sehr gering eingeschätzt haben, dass er ihnen solchen Unsinn zu bieten wagte. Aber wie recht er damit hatte, zeigt ja der Umstand, dass Tacitus und Sueton ihm diese Albernheit einfach nachschrieben. Beim Zahnarzt. PARIS. Dass aber Josephus damit den messianischen Glauben seines Volkes, d. h. den Glauben an die Zukunft Israels aufgegeben hätte, ist durch nichts bewiesen. Jedenfalls aber ist es ganz und gar unbegründet, dass Tacitus seine Kenntnis, von Jesus und dem Christentum aus Josephus geschöpft hätte, zumal er über die Christen und das Christentum gerade das Gegenteil von dem sagt, was der Interpolator Josephus sagen lässt. Und wozu brauchte Tacitus im Jahre 116 oder 117 gerade Josephus, um dessen Worte zu verdrehen? Um diese Zeit war ja zum mindesten ein Teil der Evangelien bereits vorhanden, aus denen Tacitus die magere Kenntnis vom Christentum schöpfen konnte. Nimmt man an, dass er imstande war, lobende Worte des Josephus in Gehässigkeiten zu verwandeln, warum soll er es nicht ebensogut oder ebensoschlecht mit der evangelischen Erzählung gemacht haben können? Harnack führt noch einige philologische Kleinigkeiten ins Feld, um seine These zu verteidigen. Für den Begriff Gemeinschaft der Christen, Harnack übersetzt „Sippe", hat der griechisch schreibende Pseudo-Josephus das Wort „Phylon" und für den Begriff Freude, Harnack übersetzt Lust, das Wort „Hedone". Ein Christ, meint Harnack, müsste, wenn er diese in christlichen Kreisen ungewöhnlichen Worte gebraucht hätte, sehr schlau gewesen sein. Was beweist das aber? Erklären wir den Interpolator für einen geschickten Mann, obwohl er ausser dieser Kleinigkeit sehr wenig Geschick bekundet hat. Tatsächlich ist ein Beweis (der sich lediglich auf den Gebrauch von zwei griechischen Worten stützt, die bei christlichen Schriftstellern nicht oder nur selten vorkommen, überaus schwach. Er kann unmöglich das erdrückende Beweismaterial, das wir für die Unechtheit des in Rede stehenden Absatzes haben, aufwiegen. Harnack selbst legt wohl darauf wenig Gewicht, und ermeint wiederholt, dass er von einem Gefühl heraus für die Echtheit eintritt. * * *

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