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Ost und West · 1913-08-01 · Heft 8 (August 1913) · p. Seite 613 - 614

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 8 (August 1913)
Article
Kritik der Kritik
Date
1913-08-01
Page
Seite 613 - 614 (sequence 2)
Language
German
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613 Dr. Simon Bcrni'okl: Kritik der Kritik. 614 hätten. Würde Josephus dieses geglaubt haben, so hätte er Christ sein müssen, was er, wie oben gesagt, niemals war. Aber wir haben auch klare Beweise dafür, dass diese Stelle bei Josephus, die übrigens dort den Zusammenhang der geschichtlichen Erzählung zerreisst, noch in der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts nicht vorhanden war, so dass sie Origenes dort nicht kannte, wo ersie, wenn sie bereits vorhanden gewesen wäre, hätte kennen müssen. Und ausserdem wissen wir, dass Christen etwa seit der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts, vielleicht sogar noch früher, an verschiedenen Stellen der geschichtlichen Werke Josephus' Zeugnisse für Jesus und das Christentum hineinschrieben. Origenes sucht nämlich die Zweifel an der Geschichtlichkeit Jesu zurückzuweisen, die sich darauf stützten, dass kein Jude etwas über Jesus berichtet. Er führt deshalb zwei andere Stellen von Josephus an: nämlich die eine, wo Josephus von dem Täufer Johannes berichtet, (Altert. XV III. 5, 2), deren Echtheit übrigens zum mindesten zweifelhaft ist, und die andere, wo er von der Hinrichtung des Jakobus, „des Bruders Jesu, des sogenannten Christos/' durch den Hohenpriester Anan IL spricht. Dieser Passus ist zweifellos eine Fälschung, da Origenes ihn in, einer anderen Fassung hat als die in unserer Josephusausgabe und in sämtlichen Handschriften. Ausserdem ist zu bemerken, dass die evangelische Erzählung, die diesem Anan II. alle möglichen Grausamkeiten und Schlechtigkeiten nachsagt, von der Hinrichtung des Jakobus durch ihn nichts weiss. Wir sehen daraus klar, dass erstens in ziemlich früher Zeit bereits Versuche gemacht wurden, in den Text der Geschichtsbücher des Josephus an passender und unpassender Stelle Zeugnisse für Jesus hineinzubringen, und dass ferner der in Rede stehende Absatz zur Zeit des Origenes noch nicht vorhanden war, da er ihn doch sonst in erster Reihe verwertet hätte. Zum ersten Male wird er im 4. Jahrhundert von Eusebius erwähnt, dessen Zeugnis für nichts weniger als einwandsfrei gelten kann. Jakob Burckhardt nennt diesen Eusebius den „ersten durch und durch unredlichen Geschichtsschreiber des Altertums". Seitdem befindet sich dieses Zeugnis des Josephus wohl in allen Handschriften und Druckausgaben. Aber Schürer macht mit Recht darauf aufmerksam, dass die Handschriften, auf die man sich zu berufen pflegte, gar nichts beweisen. Gerade die letzten drei Bücher der Altertümer (XVIII—XX) sind nur in drei Handschriften vorhanden, von denen keine vor dem 11. Jahrhundert entstanden ist. Da nun der betreffende Passus aus dem 4. Jahrhundert durch Eusebius bezeugt ist, so hat es natürlich nichts auf sich, wenn er auch in einer Handschrift aus dem 11. Jahrhundert vorkommt. Bei dieser Gelegenheit mag noch erwähnt werden, dass vor wenigen Jahren eine altslawische Uebersetzung einer anderen Schrift des Josephus, des „Jüd. Krieges", bekannt wurde. In dieser Uebersetzung, die aus dem griechischen Original geflossen ist, befinden sich mehrere Stellen über den Täufer Johannes und über Christus, die in keinem anderen handschriftlichen Kodex vorhanden sind. Dabei wurde durch die vielen Graecismen in der Uebersetzung deutlich nachgewiesen, dass diese Interpolationen nicht etwa durch den altslawischen Uebersetzer hineingekommen sind, sondern schon in der griechischen Urschrift in sehr früher Zeit, wahrscheinlich schon in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts, gestanden haben. Daraus ist zu entnehmen, dass beide Geschichtswerke des Josephus von christlicher Hand ergänzt wurden. * * * Im Juniheft der „Internationalen Monatsschrift" unternimmt es nun jetzt Adolph Harn a c k, gestützt auf eine neue Untersuchung des Engländers B u r k i 11, die Echtheit des Absatzes bei Josephus zu beweisen. Er tut dies mit jener glänzenden Beredsamkeit, die wir an ihm' oft zu bewundern Gelegenheit hatten. Und wenn wir seine lange Verteidigungsrede zu Ende gelesen haben, und dabei die Ueberzeugung gewinnen, dass er nichts bewiesen hat, so muss man tatsächlich mit Niese und Schürer annehmen, dass an der Sache nichts mehr zu retten ist. Hören wir also die Argumente Harnacks: Es müsste wunderbar erscheinen, dass Josephus über den Täufer Johannes und sogar über Jakobus, den Bruder Jesu, berichtet — über Jesus selbst aber schweigt. Dieser Beweis ist ganz bedeutungslos. Ob die Stelle über Johannes echt oder unecht ist, mag dahingestellt bleiben — die über die Hinrichtung des Jakobus ist aber gewiss unecht. Ich habe schon oben angeführt, dass die evangelische Erzählung von dieser angeblichen Schlechtigkeit Anans II. nichts weiss, und dass der Passus bei Origenes in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts eine andere Fassung hatte. Hier haben sich also zweifellos fremde Hände zu schaffen gemacht. Nehmen wir nun an, dass die Stelle über den Täufer Johannes echt sei, was übrigens von vielen bestritten wird, so würde sich daraus nur die Geschichtlichkeit der johannesepisode ergeben. Ueber Jesus hingegen schweigt Josephus, und es wäre ein logischer Trugschluss, wenn man zuerst mit Harnack die Geschichtlichkeit Jesu voraussetzen wollte, um dann daraus zu schliessen, dass Josephus Jusus hätte erwähnen müssen, da er ihn nicht mit Stillschweigen habe übergehen können. Die Voraussetzung selbst ist ja noch immer strittig. Ferner will es Harnack undenkbar erscheinen, dass ein Christ — und nur einen solchen dürfen wir uns als den Urheberder Interpolation denken — so einfach den Satz in die Welt hinausgeschickt hätte, Jesus habe Juden und Hellenen an sich herangezogen. Die Tatsache, dass Jesus nur unter Juden gelebt und gewirkt hat, war bekannt,

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