Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 8 (August 1913)
- Article
- Kritik der Kritik
- Date
- 1913-08-01
- Page
- Seite 611 - 612 (sequence 1)
- Language
- German
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611 612 KRITIK DE Von Dr. Sim> Der seit Jahren mit grosser Lebhaftigkeit geführte Streit über die Frage, ob Jesus gelebt habe, d. h. ob seine Persönlichkeit geschichtlich sei, hat aufs neue, über den engern Kreis der Fachgelehrten hinaus, die Aufmerksamkeit auf die bekannte Stelle in den „Jüd. Altertümern" (XVIII, 3,3) des Josephus gelenkt, in der ein Bericht über die Person Jesu und sein Wirken gegeben wird. Diese Stelle lautet in wortgetreuer deutscher Uebersetzung wie folgt: „Zu dieser Zeit (während Pontius Pilatus Landpfleger von Judäa war) lebte Jesus, ein weiser Mann, wenn man ihn anders einen Menschen nennen soll. Er war nämlich ein Täter wunderbarer Werke, ein Lehrer der Menschen, die mit Freuden die Wahrheit aufnehmen. Und viele Juden und viele Hellenen zog er zu sich heran. Er war der C h r i s t o s. Und als ihn auf die Anklage unserer ersten Männer Pilatus mit dem Kreuze bestraft hatte, Hessen die, welche ihm zuerst gefolgt waren, von ihm nicht ab. Denn er erschien ihnen nach drei Tagen wieder lebendig, nachdem die göttlichen Propheten dieses und tausend anderes Wunderbare über ihn gesagt hatten. Noch bis heute hat die Gemeinschaft derer, die nach ihm Christen genannt sind, nicht aufgehört." Wenn dieser Absatz in Josephus' Geschichtswerk, das um das Jahr 93 geschrieben wurde, von diesem Geschichtsschreiber herrühren würde, so hätten wir darin das älteste nichtchristliche Zeugnis für.die Geschichtlichkeit der Person Jesu und seines Wirkens. Denn was Tacitus in den Annalen über Jesus und das Christentum aussagt, ist um etwa ein Vierteljahrhundert jünger, da die Annalen erst um das Jahr 117 entstanden sind. Und was die vielberufene Stelle bei Sueton (Das Leben Claudius, cap. 25) betrifft, der vom Kaiser Claudius berichtet, er habe die Juden aus Rom verwiesen, weil sie durch Chrestos andauernd aufgewiegelt wurden,*) so ist dabei zu beachten, dass Sueton selbst noch viel jünger als Tacitus war (er wurde nach dem Jahre 70 unter der Herrschaft des Kaisers Vespa- *) Ich gebe diese Stelle hier wörtlich im lateinischen Urtext wieder, weil sie vielfach inhaltlich aufgebauscht wurde; und selbst ein so gewissenhafter und objektiver Forscher wie Emil Schürer paraphrasiert die Worte Suetons (Geschichte d. jüd. Volkes, Bd. III, S. 63) dahin, dass Claudius die Juden wegen Unruhen, welche „infolge der Predigt von Christo im Schosse der Judenschaft entstanden waren," aus Rom verwies: Claudius Judaeos impujsore Chresto assidue tumultuantes Roma expulit. Im hegten Fall kann dies nur bedeuten, dass die Juden in Rom durch irgend einen Pseudo-Messias andauernd aufgewiegelt wurden, worauf sie Claudius vertrieb. In einigen Handschriften lautet der Name Cherestus, ein Name, der damals häufig vorkam und mit dem Messias nichts gemein hat. R KRITIK. in Bernfeld. sian geboren), und ausserdem ist diese kurze Notiz viel zu unbedeutend, als dass sie geschichtlich verwertet werden könnte. Bei der Wichtigkeit des Zeugnisses Josephus' ist es zu begreifen, dass er, der jüdische Schriftsteller, das ganze Mittelalter hindurch in der christlichen Kirche grosses Ansehen genoss, und diesem Umstände haben wir wohl die Erhaltung seiner wertvollen Schriften zu verdanken. Im 16. Jahrhundert begann sich jedoch der Zweifel gegen die Echtheit dieser Aussage zu regen, und vor gerade 100 Jahren unterzog sie Eichstadt in Jena einer geradezu vernichtenden Kritik, indem er nachwies, dass Josephus diese Worte nicht geschrieben haben konnte, und dass sie unmöglich schon gegen Ende des ersten Jahrhunderts in diesem Geschichtswerk gestanden haben. Seitdem ist über diese Frage eine umfangreiche Literatur entstanden. Manche Forscher bemühten sich, das Zeugnis des Josephus in seiner Echtheit gelten zu lassen. Zu diesen gehörte auch Leopold Ranke, der allerdings auf dem Gebiete der jüdischen Geschichtsforschung sich nicht gut zurechtfand. Andere wiederum, so z. B. Heinrich Ewald, traten mit der Behauptung auf, Josephus habe wohl etwas über Jesus geschrieben, aber der betreffende Absatz habe durch eine christliche Hand eine starke Aenderung erfahren; man müsse alle Sätze streichen, in denen Josephus angeblich Jesus als ein göttliches Wesen bezeichnet, ihn den Christus nennt, und von ihm aussagt, dass er seinen Jüngern drei Tage nach seiner Kreuzigung lebendig wieder erschienen sei, wie dies von den göttlichen Propheten geweissagt wurde. Diese Worte rühren unmöglich von Josephus her. Wenn man sie aber wegstreicht, und man kann das sehr schlecht tun, wenn man den Zusammenhang nicht zerreissen will, so ist alles andere bedeutungslos. Daher haben sich in der letzten Zeit alle ernsten Forscher dazu entschlossen, den ganzen Absatz für eine Interpolation durch Christen zu erklären. Es genügt, auf Reuss, Ernst Gerlach, Keim, Höhne, Niese (den verdienstvollen Herausgeber eines kritischen Textes des Josephus) und Schürer hinzuweisen. Für diese Annahme, dass der Absatz bei Josephus unecht ist, sprechen verschiedene innere und äussere Gründe. Josephus ist Jude geblieben, und alle Kirchenschriftsteller behandeln ihn als solchen; er kann daher Jesus nicht als ein übermenschliches Wesen bezeichnet haben, und ebensowenig war Jesus für ihn der Christos, d. h. der von den Juden erwartete Messias. Und vollends unmöglich ist es, dass Josephus von Jesus ausgesagt haben soll, dieser sei drei Tage nach seiner Kreuzigung seinen Jüngern lebendig wiedererschienen, wie dies und tausend anderes Wunderbare die göttlichen Propheten zuvor geweissagt