Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1913)
- Article
- Ein volkstümlicher Religionsphilosoph
- Date
- 1913-07-01
- Page
- Seite 569 - 570 (sequence 4)
- Language
- German
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5ßy Dr. Simon Bentfeld: Ein volkstümlicher Religionsphilosoph. 570 zu halten, in der bloss die Sprüche aus dem Koran durch solche aus Bihel und Talmud ersetzt worden seien. Yahuda weist dies zurück, indem er die innere Seih ständigkeit unserer ethischen Schrift hervorhebt. Namentlich die Kapitel über das Vertrauen zu Gott und über die Enthaltsamkeit weichen erheblich von der islamitischen Ethik, von dem Sufismus ab. Die Tugend des Gottesvertrauens, die im Sufismus geradezu zum Quietismus oder gar zum verbrecherischen Spielen mit dem Leben übe.'trieben wird, lehrt Baclija ganz im Sinne des Judentums. Vertrau auf Gott, aber arbeite und schütze dein Leben. Ebenso artet bei ihm die Tugend der Enthaltsamkeit nicht in Zynismus aus, wie im Sufismus. Die Genügsamkeit ist eine hohe Tugend, aber sie darf nicht zur Verachtung von Sitte und Anstand führen. In der religiösen Ethik selbst weist Yahuda auf einen wesentlichen Unterschied zwischen der Auffassung der jüdisch-arabischen Religionsphilosophen, auch Bachjas, und der islamitischen Theologen hin. Während in der islamitischen Ethik stets die Nachahmung der Propheten und der Heiligen gelehrt wird, keimt die jüdische Ethik nur Gott als das Ideal der Vollkommenheit, dem der Mensch zu nähern sich bestreben soll. Baclija frei, wenn er Von Heiligenverehrung hält sich auch das Verdienst der Propheten nach Gebühr würdigt. Indem aber Yahuda die Selbständigkeit Bachjas betont, kommt er doch darauf, die vielen Entlehnungen im Buche über die Herzenspflichten quellenmässig nachzuweisen. Bachja führt nämlich in seiner Schrift häufig Sprüche und Anekdoten von weisen Männern und Herrschern an, ohne deren Namen anzugeben. Damit sind in den meisten Fällen islamitische Weise und Herrscher gemeint. Wie jüdische Schriftsteller dazu kommen konnten, Sprüche aus der religiösen Literatur des Islam gewissermassen zu judaisieren, dafür gibt uns Yahuda eine ausreichende Erklärung. Der Islam hat bekanntlich sehr viel vom Judentum und von dessen Schrifttum übernommen. Manches trägt noch so deutlich das Signum des Original?, dass man dies auch an sprachlichen Eigentümlichkeiten, an Hebräismen erkennen kann. Abgesehen von dem Vielen, das sich im Koran findet, enthält auch die spätere islamitische Literatur mannigfaltige jüdische Bestandteile. Allerdings werden Sprüche aus Talmud und Midrasch in den islamitischen Schriften dem Gottesgesandten, den ersten Kalifen oder sonstigen berühmten Persönlichkeiten des Islam in den Mund gelegt. Das erklärt sich nach Yahuda dadurch, dass jüdische Konvertiten ihren neuen Glaubensgenossen vieles aus dem jüdischen Schrifttum mitteilten, es aber für Aussprüche von Muslimen ausgaben. Wenn jüdische Schriftsteller später diese Aussprüche als dem Judentum entnommen erkannten, so konnten sie leicht auf den Gedanken kommen, dass noch vieles andere dem Judentum entnommen wäre, wenn sie auch dessen jüdische Quelle nicht kannten. Aus diesem Grunde übernahmen sie. in der Tat eine grosse Zahl von Sprüchen und Lehrsätzen aus der islamitischen Literatur, zumal wenn sie dem Inhalte nach mit jüdischen Sprüchen und ethischen Lehrsätzen Aehnlichkcit aufwiesen. Von diesem Gesichtspunkte ausgehend zeigt uns Yahuda durch zahlreiche Beispiele, wie sich Meinungen und Ideen der verschiedenen Volker oft begegneten und dann in der merkwürdigsten WTeise durch sinnige Sprüche und Anekdoten weitere Verbreitung fanden. Es ist dies ein interessantes Stück Kulturgeschichte, von dem uns der Verfasser eine Fülle von lehrreichen Proben gibt, und es ist schade, dass es bei diesen Proben sein Bewenden haben muss. Es würde den Rahmen einer Besprechung A-erlassen und ich müsste den mir gewährten Raum zu sehr überschreiten, wenn ich dies durch einige Beispiele beleuchten wollte. Ich kann daher nur mit dem Wunsch schliessen, dass Yahuda schon in nächster Zeit durch eine selbständige Arbeit uns in diese Welt der sinnigen Erstes Blatt der Pariser Handschrift des Originals von „Chobot-ha^lababot" in arabischer Sprache und hebräischer Schrift.