Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1913)
- Article
- Ein volkstümlicher Religionsphilosoph
- Date
- 1913-07-01
- Page
- Seite 567 - 568 (sequence 3)
- Language
- German
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567 Dr. Simon Berufckl: Ein volkstümlicher 'Religionsphilosoph. 5C8 hat. Die wahre Erkenntnis Gottes und seines Waltens in der Natur lehrt den Menschen, Gott dienen, und zwar nicht aus Furcht vor Gott und nicht um Lohn, sondern aus innerer Frömmigkeit, aus der Liebe zu Gott. Ihm dient man hauptsächlich durch inniges Vertrauen und Bachja widmet diesem Grundprinzip des Judentums ein ausführliches Kapitel. Mit grosser Schärfe betont unser Religionsphilosoph, dass die wahre Frömmigkeit sich in allem menschlichen Tun bekunden muss. Er bekämpft den Gedanken, dass der Mensch Gott nur durch bestimmte religiöse Uebungen zu dienen habe, vielmehr muss sein ganzes Leben, alles Tun und Lassen, nach diesem Ziele gerichtet und darauf abgestimmt sein. In allem Tun soll man an Gott denken und darin eine religiöse Uebung finden. Die echte Religiosität lehrt nach Bachja die Demut vor Gott, dass der Mensch sich in alle göttlichen Schickungen demütig füge und sich niemals anmasse, das Walten der göttlichen Vorsehung zu bekritteln. Ferner soll der Mensch stets bussfertig sein und nicht aus Trotz bei einer Verfehlung beharren. Bachja gibt die Anweisung für eine unablässige Selbstschau, wie der Mensch sein Seelenleben stets beobachten kann und soll, um seine Seele moralisch gesund zu erhalten. Den Höhepunkt der Sittlichkeit lässt Bachja durch Enthaltsamkeit und Genügsamkeit erklimmen. Der Mensch soll sich an Bedürfnislosigkeit gewöhnen, denn je geringer die Ansprüche an das Leben sind, desto freier ist er von den leidenschaftlichen Regungen und von seiner Umgebung. Die Enthaltsamkeit und Genügsamkeit ist die wahre Freiheit. Das Schlusskapitel dieses Sittenbuches ist der Liebe zu Gott gewidmet, dem Endziel aller Tugendbestrebungen. Die Sittenlehre Bachjas klingt in einem herrlichen hebräischen Gedicht aus, das gleichsam die in dem Buche niedergelegte Ethik in dichterischer Form zusammenfasst. Warum das Buch über die Herzenspflichten im Laufe der Zeit eine solche Volkstümlichkeit erlangt hat, lässt sich leicht erklären. Trotz seines philosophischen Inhalts wurzelt die in ihm niedergelegte Sittenlehre tief im Judentum, wie schon die zahlreichen Zitate aus Bibel und Talmud zur genüge beweisen. Manches ist zwar an sich dem Judentum fremd, in erster Reihe das Ideal der Enthaltsamkeit, das Bachja stark übertreibt. Das Judentum kennt eine gesündere Betätigung des Lebens, die bei aller Lebensbejahung .einem sittlichen Zweck zu dienen hat. Aber unstreitig finden sich in Mischnah und Talmud auch Sprüche, in denen die Tugend der Genügsamkeit gepredigt wird. Daraus konnte Bachja zur Lehre der Enthaltsamkeit und sogar zur Askese gelangen. Weis die jüdischen Volksmassen zu diesem Buch hinzog, das ist hauptsächlich die innige Frömmigkeit, die sich in einem warmen, der Volksseele wohltuenden Ton ausdrückt. Es war die Frömmigkeit, die jedermann aus dem Volke begreifen und beherzigen konnte. Die Lektüre des Buches wirkt auf das fromme Gemüt erwärmend und erhebend. Es wurde in der Folge ein Andachtsbuch, dass man immer von neuem las und in dem man immer von neuem religiöse Anregung IV-nd. *;H * Dieses Buch, das mehr als acht Jahrhunderte dem jüdischen Volke soviel religiöse Belehrung und religiöse Erhebung geboten hat, hat jetzt seine wissenschaftliche, ich möchte noch hinzufügen, liebevolle Bearbeitung in einem umfangreichen Werk gefunden, in dem zum ersten Male der gesicherte Urtext der Bachjaschen Schrift gegeben ist. Das arabische Original befindet sich noch handschriftlich in der Bodleyana zu Oxford. Der bekannte Arabist A. S. Yahuda, der die arabische Sprache wie seine Muttersprache beherrscht, hat sich der grossen Mühe unterzogen, diese Handschrift nicht nur abzuschreiben, sondern sie auch zurück in arabische Schriftzeichen zu transkribieren. Denn die Juden pflegten bekanntlich früher das Arabische mit hebräischen Lettern zu schreiben. Zur Sicherstellung des Textes hat Yahuda noch eine etwas lückenhafte Handschrift der Nationalbibliothek zu Paris herangezogen und einige Bruchstücke, die in der kaiserlichen Bibliothek in Petersburg aufbewahrt sind. An sich wäre dies bereits eine sehr verdienstvolle Arbeit. Denn durch die Kenntnis der Urschrift lassen sich viele Mängel in der hebräischen Uebersetzung nachweisen und beseitigen. Und manches, das in der tibonischen Uebersetzung keinen rechten Sinn gibt, wird durch einen Vergleich mit dem arabischen Original aufgehellt. Aber so wertvolldiese Arbeit auch sein mag, so tritt sie an Bedeutung gegen eine andere zurück, die Yahuda in der Einleitung zu der arabischen Ausgabe dieses Buches bietet. Der Verfasser beherrscht nämlich mit seltener Sicherheit die arabische Literatur und wird dabei A'on einem kulturgeschichtlichen Verständnis unterstützt, das ihn den inneren Zusammenhang der Erscheinungen in der Welt des Geisteslebens sehen lässt. Dadurch ist die Einleitung über den Rahmen seiner Arbeit herausgewachsen und man wird vielleicht bedauern, dass Yahuda nicht diesen Stoff selbständig und ausführlicher behandelt hat. Man sieht, dass er auf diesem Gebiete viel weiss, und was noch bedeutungsvoller ist, viel versteht. Er bemüht sich, das reichhaltige Material in aller Kürze zu behandeln, möglichst viel in knapper Darstellung zu geben. Wenn auch sonst die Kürze bei einem wissenschaftlichen Buch ein Vorzug ist, in diesem Falle bedauert man sie. Denn man möchte von dem, was der Verfasser bietet, noch mehr wissen, zumal er das Gebotene interessant darzustellen weiss. Wenigstens ist es mir so gegangen. Ich habe die Einleitung, etwa 115 Seiten* stark, in einem Zuge gelesen, und hatte, als ich zu Ende war, das Gefühl, dass die Lektüre frühzeitig abgebrochen wurde. Yahuda will nämlich die Quellen, aus denen Bachja geschöpft hat, freilegen. . Er geht dabei von dem sehr richtigen Standpunkt aus, und das ist eine erfreuliche Ehrenrettung unseres Religionsphilosophen, dass Bachja wohl von der islamitischen Literatur, von den islamitischen Geistesströmungen seiner Zeit stark beeinflusst war, aber trotzdem die Ethik des Judentums aus diesem selbst selbständig geschöpft hat. Man war früher geneigt, das Buch der Herzenspflichten für eine Art freier Umarbeitung eines bekannton islamitischen ethisch - religiösen Volksbuches