Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1913)
- Article
- Ein volkstümlicher Religionsphilosoph
- Date
- 1913-07-01
- Page
- Seite 565 - 566 (sequence 2)
- Language
- German
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565 Dr. Simon Bentfeld: Ein volkstümlicher Keligionspbilosoph. 566 Sohar, die Kabbai isten und in späterer Zeit auf den grübelnden Isaak Lurja Innzuweisen, die alle Zeugnis davon ablegen, mit welcher Ekstase stimmungsvolle Männer im Judentum zu verschiedenen Zeiten Gott gesucht und gefunden haben. Nur war den Juden, durch die bleibende erzieherische Kraft des Judentums, jene Mystik fremd, die den religiösen Wahnsinn förderte und dabei das religiöse Leben zu einer Raserei verzerrte. Im Judentum trat die Religionsphilosophie in verschiedenen Formen sehr früh auf und sie verfolgte verschiedene Zwecke. Nach der einen Seite zeigte sie sich bestrebt, das Judentum zu einer Religion des Wissens und des Erkennens zu machen, ihm jede mythologische Vorstellung und jeden Aberglauben fernzuhalten. Nach der andern Seite hin ging die jüdische Religionsphilosophie danach aus, das Judentum zu verinnerlichen, es zu einer Religion der sittlichen Gesinnung zu machen, bei der jede Handlung des Menschen, jede Tat, nicht nur die religiöse Zeremonie, von einem sittlichen Beweggrund, geleitet sein muss. Das Judentum stellte das ganze menschliche Leben in den Dienst des göttlichen Ideals, der Gesittung, und die jüdische Religionsphilosophie betrachtete es als ihre Aufgabe, in die Religionslehre, in den religiösen Geboten und Verboten und in der religiösen Uebung diese idealen Ziele klarzulegen und den Weg zu zeigen, wie man sich ihnen nähern kann. Und entsprechend diesem hohen Ideal des Judentums, dass es nicht bloss die Religion von wenigen Eingeweihten sein wollte, sondern dem ganzen Volk, klein und gross, hoch und niedrig, gehörte, bemühte sich die jüdische Religionsphilosophie auch in volkstümlicher gemeinverständlicher Weise den ethischen Gehalt der Religionslehre und der Religionsübung zu erläutern. Auf einen volkstümlichen jüdischen Religionsphilosophen, dessen frommes, tief religiöses Buch, „Die Herzenspflichten", Jahrhunderte hindurch einen erhebenden sittlichen Einfluss auf das jüdische Volk ausgeübt hat, auf B a c h j a ibnPakuda, lenkt jetzt eine gediegene wissenschaftliche Arbeit unsere Aufmerksamkeit.*) Dieses phiolophische Sittenbuch, das um die Mitte des 11. Jahrhunderts in Spanien unter dem Einfluss der arabischen Kultur entstanden ist, war ursprünglich für die arabisch redenden Juden in dieser Sprache abgefasst. Es fand aber gleich durch hebräische Uebersetzungen Eingang bei der ganzen Judenheit. Die grösste Verbreitung erlangte das Buch durch die hebräische Uebersetzung des Juda i b n T i b o n , die das arabische Original im Laufe der Zeit ganz verdrängt hat. Die Judenheit kannte diese von tiefer Religiosität beherrschte Schrift unter dem Titel *) A. S. Yahuda, Al-hidaja 'ila fara'id al-quhib des Bach ja ibn Josef ihn' Paquda aus Andalusien. — Im arabischen Urtext zum ersten Male nach der Oxforder und Pariser Handschrift, sowie den Petersburger Fragmenten herausgegeben. — Leiden, C. J. Brill, 1912. Diesem umfangreichen Werk gingeine kleinere Schrift desselben Verfassers voran: — Prolegomcna zu einer erstmaligen Herausgabe des Kitab al-chidaja 'ila fara'id al (julub von Bachja ihn Josef ibn Paquda aus dem 'Andalus, nebst einer grösseren Textbeilage. — C. F. Wintersehe Buchdruckerei in Darmstadt. „Chobot ha-lababot" (Herzenspflichten), und mit welchem Eifer sie von allen Volksklassen überall gelesen wurde, ist schon aus dem Umstände zu ersehen, dass dieses Volksbuch zu den ältesten jüdischen Druckwerken gehört. Es wurde bereits im Jahre 1490 in Neapel gedruckt und erschien seitdem häufig in verschiedenen Formaten, oft erläutert und erklärt, in neuerer Zeit auch in moderne Sprachen übersetzt. Den Inhalt und die Tendenz dieses Buches lässt schon der Titel erraten. Der Gedanke der Herzensreligion ist zwar nicht neu, vielmehr wird er von den Propheten Israels und später auch von der talmudischen Ethik aufs lebhafteste vertreten. Das Judentum ist keine gedankenlose Religionsübung, kein Zeremonialgesetz, das der Jude ohne sittliche Folge getreulich und pünktlich erfüllt, sondern eine Religion der sittlichen Gesinnung, die durch die fromme Tat ihren Ausdruck erhält. Von diesem Gesichtspunkte aus eiferten ja die Propheten gegen den Opferkultus und in Mischna und Talmud befinden sich zahlreiche ethische Sprüche, die alle die Lehre enthalten, dass es bei der religiösen Uebung hauptsächlich auf das H e r z , d. h. auf die Gesinnung ankommt. Ohne ethische Gesinnung ist die religiöse Uebung bedeutungslos. Dem Religionsphilosophen Bachja ibn Pakuda gebührt nun das Verdienst, dass er dies alte Grundprinzip des Judentums systematisch in einem volkstümlichen Buche dargelegt hat, und zwar in einer Sprache, die ihres herzlichen Tones wegen in das Herz des Volkes dringen musste. Er hebt die Bedeutung der Herzenspflichten gegen die „Gliederpflichten" hervor. Religion ist Frömmigkeit, und fromm sein heisst nicht bloss alle Gebote treulich erfüllen, sondern dies aus frommer Gesinnung, aus Liebe zu Gott tun. Die Quelle der wahren Religiosität ist nach Bachja ibn Pakuda die Gotteserkenntnis, d. h. das Streben, Gottes wahre Natur, sein Wesen und sein Walten, zu erkennen, soweit der Mensch seiner Beschaffenheit nach diesem Ziele nahekommen kann. Für die jüdische Religionsidee ist ein Ausspruch dieses frommen Religionsphilosophen bezeichnend, der für die Erlangung der Gotteserkenntnis zwei Wege kennt — den des Prophetismus, des ingeniösen Gottesschauens, und den der Philosophie, d. h. die Erfassung des göttlichen Wesens durch philosophische Klarheit. Bachja ibn Pakuda, der die Religion zu einer frommen Gesinnung macht und auf die Erfüllung der Herzenspflichten drängt, warnt den sittlichen Menschen vor zwei Klippen, an denen sein Streben nach sittlicher Vervollkommnung scheitern kann. Die wahre Religiosität kann nicht in gedankenloser Erfüllung des Zeremonialgesetzes gefunden werden, aber auch nicht in der blossen Vernunftoperation. Bacha verwirft die aristotelische Ethik, die die Erkenntnis zur Haupttugend stempelt. Religiöse Ethik ist die Gesinnung, das fromme Gemüt, das Gott sucht und sich Gott nähern will. Deshalb stellt er an die Spitze seiner Ethik die Erörterung über Gottes Wesen, über die Einheit Gottes, die er streng philosophisch definiert. Darauf folgt eine Abhandlung über die Art und Weise, wie der Mensch die Ereignisse in der Natur und im Leben und das Walten Gottes in allem zu betrachten