Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1913)
- Article
- Die Juden Italiens
- Date
- 1913-07-01
- Page
- Seite 557 - 558 (sequence 5)
- Language
- German
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ist. kann der nordische Staatsanwalt, der erst einige Jahrzehnte nach seiner Gehurt getauft ist, in Bologna einen Staatsanwalt und in Rom einen Oberstaatsanwalt am Kassationshof antreffen, die jene Handlung nicht nötig gehabt haben. Der Staatsanwalt von Bologna, Cesare Colombo. besucht die dortige Synagoge, und der Oberstaatsanwalt in Rom mit dem Titel Exzellenz, Ludovico Mortara, Sohn des Rabbiners Marco, hat sogar bei seiner Einführung ins Amt öffentlich darauf hingewiesen, dass er seiner Geburt nach v o r der Einigung und Befreiung seines Vaterlandes nicht hätte hoffen dürfen, je ein so hohes Amt zu bekleiden. Ludovico Mortara, den übrigens die Universität Neapel ehrenhalber zu ihrem Professorenpcvsonal zählt, ist einer der 12 Israeliten, welche gegenwärtig im Senat des Königreich s sitzen. Bekanntlich werden die Senatoren in Italien vom Staatsoberhaupt auf Lebenszeit ernannt und ihre Zahl ist eine beschränkte, so dass auch bei diesen Würdenträgern der Prozentsatz der Israeliten als ein sehr starker zu bezeichnen ist. Ausserdem schon genannten Alessandro D'Ancona, dem Nestor der italienischen Literaturhistoriker, und dem Oberstaatsanwalt Mortara sind es folgende: der berühmte Physiologe Giulio Fano, der Professor für pathologische Anatomie Pio Foä, Alessandro Lustig, bedeutend auf dem Gebiete der allgemeinen Pathologie und Schulhveiene. Oberleutnant Achille Levi-Bianchini (wegen seiner Verdienste im Krieg zum Hauptmann befördert). Yittorio Poiäccö, ausgezeichnet als Zivilrechtslehrer — er nimmt übrigens auch am religiösen Leben teil—,der hervorragende Mathematiker VitoVol terra, Lcopoldo Franchetti, eine Autorität auf dem Gebiete des Kolonialwesens, Giacomo Malvano. Oberpräsident des Staatsrats (etwadem Oberverwaltungsgericht entsprechend, an dem übrigens noch ein anderer Israelit Abteilungspräsident ist), der mit dem Patriziertitel geschmückte Ulderico Levi. einst ausgezeichnet als Reiteroffizier in den Befreiungskriegen Italiens, Baron Alberto Treves clei Bonfigi, aus einer Familie, die für die Befreiung des Landes und für wohltätige Zwecke grosse finanzielle Opfer gebracht hat, und schliesslich Giacomo Levi- Civita; er hat sich als Bürgermeister um seine Vaterstadt Padua grosse Verdienste erworben. Auch in der Deputiertenkammer ist die Zahl der Mitglieder jüdischen Ursprungs seit Jahren sowohl qualitativ wie quantitativ eine sehr bedeutende. Drei Parteiführer rechnen zu ihnen: der Sozialist Claudio Treves, von grossem Einfhiss auf die Arbeit er massen Mailands, der Republikaner Salvatore Barzilai, Vertreter des römischen Stadtteils Trastevere, in dem der Vatikan gelegen ist, und der gemässigt Konservative Luigi Luzzatti, berühmt als Nationalökonom. Letzterer war bekanntlich 1910/11 Ministerpräsident und Italien das zweite Land Europas, in welchem ein Spross aus jüdischem Stamme den Sitz eines solchen einnahm: denn um wenige Monate