Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1913)
- Article
- Die Juden Italiens
- Date
- 1913-07-01
- Page
- Seite 555 - 556 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2584033-2584041-2604819--14673-2604899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
555 Prof. Dr. Ermanno Loevinson, Rom: Die Juden Italiens. 556 fchulen zu prämiieren. — Die Tatsache, dass die Zeitungen während des italienisch-türkischen Krieges wiederholt von kühnen Rekognoszierungen einzelner Militärflieger mit echt jüdischen Namen, wie Sacerdote und Foä, berichtet haben, bringt uns auf die seit langer Zeit in Italien durchgeführte Gleichberechtigung bei Zulassung zur Militär- und Zivilverwaltung, sowie bei den Beförderungen zu höheren Stellen. Ein nicht zu unterschätzendes Verdienst in dieser Beziehung gebührt dem grossen., leider viel zu früh (1861) dahingeschiedenen Staatsmann Graf en Camillo Cavour. Wie wir früher bereits an anderer Stelle1) gezeigt, war er es, welcher sich der Juden in den delikatesten Vertrauensstellungen bediente: nur der Tod hat ihn daran gehindert, seinen Kabinetsckretär Isacco Artom zum Generaldirektor im Ministerium des Aeussern zu ernennen. Zur Ergänzung mag hier noch nachgetragen werden, , dass derselbe Staatsmann auch mit dem Plane umgegangen ist, einen - Israeliten, den ehemaligen Republikaner Giuseppe Finzi. zum Staatsminister ernnenen zu lassen, woran er nur durch einen Wahlmisserfolg Finzis gehindert wurde. Als Resultat der Cavourschen Politik den Juden gegenüber und ihrer natürlichen Weiterentwicklung haben wir es zu betrachten, wenn wir heute unter den Offizieren des italienischen Heeres einen verhältnismässig hohen Prozentsatz von Israeliten antreffen. Erwähnenswert ist die Tatsache, dass sich unter den Stiftungsgeldern, die die jüdische Gemeinde Livornos zu verteilen hat, auch Fonds befinden, die zur Unterstützung solcher jungen Leute bestimmt sind, die sich der Militärlaufbahn widmen wollen. Um nur einige echt semitische Namen aus dem Militärjahrbuch für 1912 herauszugreifen, sei auf die 17 Levis des aktiven Heeres, von denen einer Hauptmann im Generalstab, sowie auf die 37 Levis, die Reserveoffiziere sind, hingewiesen; ferner auf die 9 Luzzattis und Luzattos des aktiven Heeres, unter denen zwei Hauptleutc im Generalstab, auf die 8 desselben Namens, auf die 9 Coens und die 14 Sacerdotes und Sacerdotis unter den Reserveoffizeren. Ein Blick in das Jahrbuch der italienischen Kriegsmarine gibt uns dieselben Beweise für die Gleichstellung des jüdischen Elements an die Hand: wir finden einen Coen Kapitän zur See und 5 Levis vom Grade eines Seekadetten bis zu dem eines Kapitäns.2) Ja, ein jüdischer Kapitänleutnant ist Adjutant des Marineministers! Und es erregte keineswegs irgendwelches Aufsehen, als vor einigen Jahren bei seiner Trauung durch den Oberrabbiner von Rom unter andern hohen Gästen auch der Marineminister in Person erschien. In der Landarmee haben es die Juden bekanntlich noch weiter gebracht: unvergessen ist die Ernennung des Generals Giuseppe Ottolenghi (1838—1904) zum Kriegsminister. Sie fand im Jahre 1902 statt und war als erster Fall in der Weltgeschichte um so be- *) Für italienische Leser ..Nuova Antologia" anno 45. Roma. 1910. S. 453—464. mit Abbildungen: für deutsche ..Im Deutschen Reich". Jahro-. 16. Nr. 10. Oktober 1910. S. 648—1561. 2) lieber die Teil nah ine des jüdischen Elements am italienisch-türkischen Krieg siehe ..Ost und West". Jahrg. XII, Heft 6. merkenswerter, als König Viktor Emanuel III. in der Zeit, da er noch Thronfolger war, Ottolenghis treffliches Organisationstalent aus eigener Anschauung' schätzen gelernt hatte, weil dieser sein Adjutant gewesen war. Welchen lebhaften Anteil der König an der Amtsführung des jüdischen Ministers nahm, geht aus folgender Tatsache hervor, die hiermit zum ersten Male an die Oeffentlichkeit gelangt: Nach einigen Jahren sprach Viktor Emanuel einem judischen Finanzmann gegenüber seine Genugtuung aus, dass der Präsident der französischen Republik, Loubet, bei seinem Besuche in Rom auf den Fall Ottolenghi als auf den besten Beweis für die in Italien herrschende Toleranz hingewiesen hatte; denn selbst in Frankreich, so hätte der Präsident gemeint, würde man die Ernennung eines Juden zum Kriegsminister nicht wagen dürfen! Uebrigens gab es bis zum vorigen Jahre, in dem er zur Reserve überging, auch einen aktiven Brigadegeneral namens Achillc Coen. Ein schöner Zug dieses seltenen Mannes, der im afrikanischen Feldzuge von 1896 Bataillonkommandeur und später als Oberstleutnant zum militärgeographischen Institut kommandiert wurde, ist es, dass er als Schriftsteller zur deutschen Antisemitenfrage das Wort ergriff und seinen Glauben offen und frei kundgab, als nach demselben von der preussischen Regierung gefragt wurde, bevor man ihm den Roten Adlerorden mit Stern verlieh. Uebrigens hat dies vorherige Forschen nach der Religion seitens der Regierung des Landes, welches einen Kant und manch anderen Denker hervorgebracht, schon bei mehr als einem italienischen Offizier Verwunderung erregt! Auch was die Zivilverwaltung anbelangt, gibt es kaum einen Verwaltungszweig oder ein Ministerium, in dem nicht Juden angestellt sind. So ist der Chef des gesamten Beamtenpersonals der Deputiertenkammer ein Israelit; und mehr als einmal ist es vorgekommen, dass ein solcher die höchste Zivilbeamtenstelle einer Provinz, nämlich die eines Präfekten (Regierungspräsidenten würde man in Preussen sagen) bekleidet hat. Manchem deutschen oder russischen Aristokraten, welcher am Tiberstrand dahinschied, würde der Abschied von dieser ^Yelt wohl noch schwerer geworden sein, hätte er vermuten können, der erste Polizeibeamte, welcher mit Versieglung seiner Habe, sowie mit den übrigen Formalitäten betraut werden würde, könnte ein Jude sein. Tatsächlich ist dies schon häufig der Fall gewesen, da ein solcher im vornehmsten Fremdenviertel Roms als königlicher Polizeioffiziant angestellt ist und sein Amt zur vollen Zufriedenheit seiner Vorgesetzten und der Bürgerschaft versieht. Niemand findet auch etwas dabei, wenn ein jüdischer Regierungsrat gerade der Präfektur von Livorno, also einem Mittelpunkt jüdischen Lebens, zugeteilt ist. Würden nicht nach den scheinheiligen Normen, welche die Bureau kratie so manchen Landes nördlich der Alpen ausgebildet hat, die Grundfesten der christlichen Weltordnung ins Wanken geraten, wollte man einen ungetauften Juden zum Staatsanwalt oder gar Oberstaatsanwalt ernennen! Obwohl nun aber in Italien die katholische Religion sogar Staatsreligion