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Ost und West · 1913-07-01 · Heft 7 (Juli 1913) · p. Seite 559 - 560

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 7 (Juli 1913)
Article
Die Juden Italiens
Date
1913-07-01
Page
Seite 559 - 560 (sequence 6)
Language
German
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559 Prof. Dr. Ermanno Locvinson, Rom: Die Juden Italiens. 5G0 •war ihm Dänemark darin vorangegangen. Neben Luzzatti ist noch ein anderer israelitischer Abgeordneter als Apostel des italienischen Genossenschaftswesens zu bezeichnen, Leone Wollemborg; 1901/03 war er Finanzminister undhat sich um dieBegründunglandwirtsohaftlicher Darlehnskassen verdient gemacht. Gegenwärtig ist in demselben Ministerium der radikale Abgeordnete Angelo Pavia, Unterstaatssekretär, während, wie schon oben bemerkt, der gemässigte Baron Elio Morpurgo zweimal Unterstaatssekretär im Postministerium gewesen ist. Leone Romanin-Jacur, der seit 33 Jahren der Deputiertenkammer angehört-und auch Interesse an jüdischen Angelegenheiten hat, bekleidete vor mehr als einem Jahrzehnt das Unterstaatssekretariat im Ministerium des Innern. Als Ingenieur ist er eine Autorität auf dem Gebiete des Wasserbaus und der Bonifizierungen. Die .Stellung in seinem Wahlkreis ist unerschütterlich, da. '''Romanin-Jacur mit dem gegenwärtigen Papste, Pius X., noch von der Zeit her, als dieser einfacher Pfarrer war, befreundet ist: das Kirchenoberhaupt sorgt nun dafür, dass auch die strengen Katholiken ihre Stimmen für den Juden gemässigter Richtimg abgeben. Der gemässigten Partei gehört auch, ebenso wie einst sein oben genannter Onkel, der Vertraute des Grafen Cavour, Isacco Artom, welcher übrigens der erste Israelit Italiens gewesen ist, der in den Senat berufen wurde (1876), der Abgeordnete Ernesto Artom an. Sein Hauptgebiet ist die äussere Politik; ausserdem widmet er sieb noch den Fragen, die auf die körperliche Ausbildung der Jugend Bezug haben. Von sonstigen Abgeordneten jüdischen Ursprungs seien genannt der gemässigte Hierschell de'Minerbi, der Professor Ugo Ancona, einer der besten Kenner der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Eisenbahnen, der Rechtsanwalt Dario Cassuto, eine Autorität auf dem Gebiete des Seerechts, und endlich der demselben Stande angehörige radikale Riccardo Luzzatto, gegenwärtig das einzige Mitglied der Deputiertenkammer, das zu den 1000 Freischärlern gehörte, die vor 53 Jahren mit Garibaldi zur Eroberung Siziliens auszogen. Man hat letzthin versucht, ihn in den Prozess wegen Vergeudung öffentlicher Gelder bei Erbauung des Justizpalastes in Rom zu verwickeln; die Untersuchungskommission konnte ihm aber nichts anderes nachweisen, als dass er die Interessen seiner Auftraggeber auch dem Staate gegenüber aufs gewissenhafteste wahrgenommen hat, ganz ebenso wie Tausende von Deputierten vor ihm! Abgesehen von Riccardo Luzzatto hat kein anderer Jude mit diesem Finanzskandal irgend etwas zu schaffen gehabt. Nur dass der schon genannte Oberstaatsanwalt Mortara dem ehrenvollen Auftrag der Untersuchungskommission nachkam, ihr einen genauen Bericht über die Veruntreuungen öffentlicher Gelder zu erstatten. Was im allgemeinen die italienischen Politiker jüdischen Ursprungs auszeichnet, ist ihre kluge, berechnende Zurückhaltung. Ein bezeichnendes Beispiel bot seiner Zeit der beste Kenner der komplizierten italienischen Finanzen, Isacco Pesaro-Maurogonato, der bereits in der Revolutionszeit von 1848—49 die Finanzen der damals neuerstandenen Republik Venedig mit grossem Geschick geleitet hatte. Einige Zeit nach der Besetzung Roms durch die italienischen Truppen im Jahre 1870 wünschte der Ministerpräsir dent Minghetti seinen Eintritt ins Ministerium: König- Viktor Emanuel IL selbst und Minghetti wurden in diesem Sinne bei ihm vorstellig. Pesaro-Maurogonato lehnte ab, weil er voraussah, ihm würde als Finanzminister die Aufgabe zufallen, die Beschlagnahme der Kirchengüter durch den Staat vorzunehmen und das betreffende Gesetz mit zu unterzeichnen. Isacco Pesaro- Maurogonatos Verdienst ist es, den Klerikalen i:nd Antisemiten die Möglichkeit zu dem Vorwurf genommen zu haben, ein Jude hätte der Kirche ihre Güter geraubt. Würden doch überall und zu jeder Zeit die Juden so viel kühle Berechnung besitzen, um sich nicht dazu herzugeben, anderen Leuten die Kastanien aus dem Feuer zu holen! Etwa zwei Jahrzehnte später lehnte der oben genannte Abgeordnete Romanin-Jacur dem Ministerpräsidenten Marquis Di Rudini die Uebernabme des Portefeuilles der Oeffentliehen Arbeiten ab, weil bereits eine anderer Jude, Luigi Luzzatti, das Schatzministerium leitete! Ebenso erfreulich wie diese weise Zurückhaltung ist die Tatsache, dass man die meisten der jüdischen Parlamentarier keineswegs bemüht sieht, ihre Abstammung in Vergessenheit zu bringen. So Hess z. B. der Ministerpräsident Luigi Luzzatti, als sein ältester Bruder David in dem von Rom weit entfernten venezianischen Orte Conegliano hinschied, sämtliche Amtsgeschäfte ruhen und reiste dorthin, um der nach jüdischem Ritus vollzogenen Beerdigung beizuwohnen! Ebenso war er während seiner Ministerzeit mehrfach bei Trauungen von Verwandten, die nach demselben Ritus stattfanden, anwesend. * * * Wir sind am Schlüsse unserer Betrachtungen angelangt. Mit Genugtuung ist zu konstatieren, dass das unsauberste Exp'ortprodukt der mittel- und osteuropäischen Kultur, der moderne Antisemitismus, bei der Bevölkerung Italiens nicht viel Anklang gefunden hat, zum grossen Teil, weil ihr der gesunde Menschenverstand sagt, dahinter stecke einfacli Geschäftsneid und ganz gemeiner Rassenhass. Andererseits aber ist die fortschreitende Absorbierung des jüdischen durch das numerisch so ungeheuer vorwiegende katholische Element nicht abzuleugnen. Es scheint fast, wie wenigstens die jahrtausendlange Geschichte der Halbinsel lehrt, als ob die klimatischen Verhältnisse ihre Bewohner entweder zur absoluten Religionslosigkeit oder zum sinnberauschenden katholischen Kultus hindrängen. Hat doch auch seit Freigabe jeder Religionsübung und Propaganda die Zahl der Protestanten in Italien nicht wesentlich zugenommen! Trotz alledem ist noch heutzutage, wie unsere Darstellung gezeigt hat, in Turin ein religiöse!', in Mailand ein nationaler, in Florenz ein wissenschaftlicher und in Rom ein Bevölkerungsbrennpunkt für das Judentum vorhanden. Und wünschenswert erscheint uns die Erhaltung des letzteren für Italien als Reservoir des reinsten Monotheismus inmitten eines Heidentums, das nur mit dem Mäntelchen eines solchen bekleidet ist, ganz abgesehen davon, dass ein im jahrtausendlangen Kampf gegen jedwede Tyrannei gestähltes Volkstum als wertvolle Stütze der herrschenden demokratischen Staatsordnung zu betrachten ist.

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