Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1913)
- Article
- Das neue Palästina
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 479 - 480 (sequence 12)
- Language
- German
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479 Dr. Max Grnnwald: Das neue Palästina. 480 Petach Tikwah (Jüdische Kolonie). Verlag f,0ud. Ztg." Marktplatz in Petach Tikwah. Das Rohmaterial zum Bauen, selbst Holz und Stein, muss ans Europa beschafft und für die Bearbeitung des Bodens Kunstdünger eingeführt werden. Für einen jüdischen Chemiker böte sich hier eine sehr ergiebige Einnahmequelle. Ferner wurde mir geklagt, dass es noch keine jüdische Agrarbank gebe. Der einzelne Kolonist bekommt Geld selten unter 9—1172%. Zum Schluss sagte mir dieser Talmud-Bauer" in Rechoboth, was uns jeder Neu-Palästinenser beim Abschied zurief und was uns jedesmal schwer aufs Herz fiel: „Vergessen Sie nicht Erez Jisroel!" Er knüpfte daran eine scherzhafte Bemerkung: „Wer unsere Kolonien sieht, fasst die schönsten Vorsätze. Auf dem Rückweg übers Meer gehen aber, wie manches andere, meist auch diese guten Vorsätze über. Bord." Ich konnte hn beruhigen: „Wir haben ein Mittel gegen die Seekrankheit." Wenn man das Leben einer jüdischen Kolonie recht kennen lernen will, dann muss man dort eine Sabbati'eier mitmachen. Wir kommen am Freitag nachmittag vor der Kolonie an. Schon vor dem Dorfe hört man fröhliche arabische Weisen ertönen. Die F'elJachen, die arabischen Hilfsarbeiter, ziehen heim. Vor Sabbat wird ja die Arbeit eingestellt. Trotzdem erhalten diese Tagelöhner ihren Arbeitslohn auch für den Ruhetag. Im Dorfe selbst herrscht die Sabbatruhe, wie die Heilige Schrift sie fordert und beschreibt. Das Meli tummelt sich auf der Weide, das . Pferd wälzt sich wiehernd im Grase, die Kinder spielen im Freien. Es ist ein Sabbat für den Herrn, für den Knecht, für das Vieh und den Fremdling in den Toren. Nach dem Gottesdienst am Sabbatmorgen finden wir auf einem der Kinder - Petach Tikwah. Orangentransport. Spielplätze eine grosse Schar schulfreier Knaben und Mädchen in einer ungemein erregten Debatte. Die Kinder schelten einander auch auf Hebräisch. Ein Beispiel. Ein Schulknabe will zu Hause nicht recht an die Schulaufgaben. Er tut aber vor dem Schwesterchen, als ob er täte. Sie tadelt ihn: „Lama titasse!" Eine solche Form „titasse" von „assah" „tun" kennt das Hebräische bisher nicht. Unser Befremden beruhigt die Kleine aber schlagfertig: „Es heisst doch im Liede Davids ,im chasid titchasad' und bald darauf ,tittamam', ,tittabar£, »tittapal'. Warum soll man da nicht sagen können: Lama titasse? ,,Warum tust du, als ob du tätest?" Diese Kinder, so glückliche Sprachschöpl'er, sind ungemein bibelfest. Man fragt einen Knaben nach einem Wort in dem wenig gelesenen Propheten Zephania und er lässt sich durch keine Querfrage beirren. Es steht im „Zephania", ausser — es müsste in seiner Bibel das Blatt versetzt sein! Die Kinder auf jenem Spielplatz streiten darüber, Aver der grössere Held gewesen sei, Simson oder Hannibal. Die einen sind für Hannibal. Simson war ja doch nur ein Recke, an Körperkraft gewaltig. Hannibal aber war ein Genie. Die anderen hingegen treten für Simson ein. „Weshalb ist denn Hannibal aus seiner Vaterstadt zum König Antiochus nach Syrien geflohen? Warum ist er nicht den Heldentod gestorben, wie Simson der Recke?" Einer unserer Freunde bemerkt, dass arabische Kinder, die gerade vorbeigehen, Aron einigen Judenkindern gehänselt werden, wie bei uns die kleinen Juden von den Christenkindern. Er weist die Kleinen zurecht: „Was tut ihr, wenn die Araber euch überfallen? Ihr Juden Verlag rJüd. Ztg.", Wien.