Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1913)
- Article
- Die Lehrerin
- Date
- 1913-06-01
- Page
- Seite 455 - 456 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2583875-2584033-2584040-2604734--14582-2604764- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
455 A. Warszaw.ski. Warschau: Die Lehrerin. 456 Skandal! Ihr graute vor einem Skandal. Wenn es wenigstens ein Graf oder einUniversitätsdozent wäre! . . . Aber so, ohne' Poesie und Bildung . . . Ein gewöhnlicher Skandal ... Sie fühlte, dass langsam etwas Unsauberes und Brutales sich ihrer bemächtigte, aber sie war zu willensschwach, um]sich zu wehren. . . . Und Paris! Die Erlösung aus diesem Jammer ... Er hatte bald herausgefunden, dass die Brüder für sie fünf Tausende zusammensparten, mit denen sie die Schule der Zukunft begründen sollte. Fünf Tausende waren ein schöner Anfang. Man könnte beginnen, selber bunte Bänder zu fabrizieren, und wenn man buntejBänder fabriziert, kann man es in der Welt viel weiter bringen, als wenn man täglich den Dunst von fünfzig Proletarierkindern einatmet und den Blumengarten" mit den „Neuen Bahnen"redigiert . .. Und in der ferneren Perspektive erglänztevor ihr ein prächtiger Salon, mit schweren Teppichen und schwellenden; Sophas, ein eleganter eichener Schreibtisch mit silbernem Schreibzeug. Dort fern, in Paris, imZentrum der Kultur. Und sie in weissem, purpurgesticktem Hausgewand davor und sie redigiert von dort aus den „Blumengarten" mit den „Neuen Bahnen" und kämpft für die heiligsten Güter der Nation und erlöst das arme unglückliche, seit Jahrtausenden geknechtete jüdische Volk, ,,Ein Volk, welches solche Töchter hat, kann nie zugrunde gehen!" . . . Und an die Ihrigen schreibt sie von Paris ergreifende Briefe, ihre berühmten, wunderbaren Briefejeder ein kleines Kunstwerk, voll Zärtlichkeit und Sehnsucht. Weinen sollen sie vor Rührung! . . Ach, wenn er nur nicht so hässlich wäre, nicht ewig „usw." schriebe. . . . Aber es war das Verhängnis. Paris und die höhere Bestimmung riefen sie. . . Sie kämpfte einen schweren Kampf. Enttäuschung, ohnmächtiger Groll, unbefriedigter Ehrgeiz, Reue und Scham, Kraftlosigkeit und Gewissensbisse flössen in ihr zusammen und verdichteten sich zu einem bitteren Hass, der in ihr aufstieg und Herz und Hirn überflutete. Sie hasste den Vater, der es nicht verstanden hatte, ein Vermögen zu