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Ost und West · 1913-06-01 · Heft 6 (Juni 1913) · p. Seite 457 - 458

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 6 (Juni 1913)
Article
Die Lehrerin
Date
1913-06-01
Page
Seite 457 - 458 (sequence 7)
Language
German
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457 A. Warszawski. Warschau: Die Lehrerin. 458 •erwerben; die Mutter, die so grässlich ungrammatikalisch sprach und ewig für die Gesundheit der Töchter zitterte; die Schwester, die unaufhörlich arbeitete, an unersättlichem Bildungshunger litt und alle freien Stunden über den Büchern verbrachte und immerzu fragte: „Was heisst das? Was bedeutet dies?"; die Brüder, diese Narren, die sich draussen abrackerten, um fünf Tausende zusammenzulegen, mit denen sie die Schule der Zukunft begründen sollte; die Schule und den Direktor, der die Kinder peinigte, und den alten Religionslehrer, der sie verteidigte und die Kinder, die soviel L . . . hatten und deren Mütter, die nach Zwiebeln rochen und entzündete Augen hatten und einen so schrecklichen jüdischen Jargon redeten. Am meisten aber hasste sie diesen garstigen Affen, der eine ewig verstopfte Nase hatte und seine kaltschwitzenden Hände aus der Ferne nach ihr ausstreckte und von ihr Besitz nahm ... Sie ergriff die Feder und schrieb: „An den Herrn Direktor! Ich verzichte hiermit in aller Form auf meinen Posten in Ihrer Schule!" . . . Doch halt! Nein, so ging das nicht. Niemand durfte auch nur durch einen Spalt ihrer Seele einen Blick in ihr Inneres werfen. Bis ans Ende durfte sie sich nichts von der Vornehmheit der Form und der Korrektheit der Haltung vergeben. Die Fahne der Bildung musste bis zum äussersten Moment hochgehalten werden, ganz wie in jenem Roman von . . . von . . . wie hiess er nur? . . . Sie schrieb: „Hochgeehrter Herr Direktor! Hiermit ersuche ich Sie, gütigst zur Kenntnis zu nehmen, dass ich mit heutigem Tage aus Ihrer Schule scheide, um mich einem höheren Berufe zu widmen. Mit Dankbarkeit werde ich stets an die schönen Zeiten zurückdenken, die ich in Ihrer Anstalt verbracht habe, und nach meinen bescheidenen Kräften mithalf, unsere Jugend zu besseren Menschen . . ." DAS NEUE PALAESTINA.*) Von Rabbiner Dr. Max Gr mural d. Wion. Es waren einmal ein Deutscher, ein Franzose und ein Engländer. Denen wurde bei irgendeinem Examen die Aufgabe gestellt, das Leben des Elefanten zu beschreiben. Der Deutsche ging in die Bibliothek, der Franzose begab sich naeJi dem Zoologischen Garten, der Engländer nahm die Büchse über den Arm und ging nach Afrika auf die Elefantenjagd. Auch über das Wesen des Judentums kann man heute eine Bibliothek zusammenlesen. Mancher studiert es am Golus-Juden und erfährt dabei vielleicht ganz genau, was das Golus ist, was es imstande ist, aus einem geraden, aufrechten Juden zu machen. Den natürlichen Juden wird er aber trotz aller Künste niemals daraus destillieren. Wer den Juden sehen will, wie er wirklich und wahrhaft ist, wie er sich frei und ungebunden in seinem natürlichen Milieu bewegt und entfaltet, der halte es mit dem Engländer, der greife, wenn auch nicht gerade zu Büchse und Blitzlicht, so doch zu Zeiss und Kodak und reise nach Palästina. Diese Reise ist viel leichter und viel billiger, als man gemeinhin glaubt. Mit uns reiste ein junger absolvierter Jurist aus Prag, um sich in Palästina eine Existenz zu gründen. Er brauchte für die ganze Reise auf einem E i 1 d a m p f e r des Oesterreichischen Lloyd nicht mehr als 100 Mark. Noch billiger stellt sich die Ueberfahrt auf der ,,S y r i e n"-Linie derselben Gesellschaft, die von erfahrenen Tonristen der Eillinie vielfach sogar vorgezogen wird. Eine fünfwöchentliche Palästinareise kann man ganz gut mit etwa 800—1000 Mark bestreiten. Die meisten Touristen gehen im Frühjahr, um Ostern, nach Palästina. Wir wählten die zweite Hälfte des Oktober, kurz vor dem Eintritt des Novemberregens, d^s Jore, wie die Bibel ihn nennt. Man *) Anm. d. Red. Wegen Raummangels erscheint der vorliegende Bericht, der ans noch im Januar zugegangen ist. erst jetzt. sieht dann das Land allerdings nicht grünen und prangen im Blumenschmuck. Aber wer ein Land studieren und ein Mädchen freien will, der darf sie nicht im Paradekleid sehen. Wer der Landessprache nicht mächtig ist, tut gut daran, sich mit einem Unternehmer ins Einvernehmen zu setzen, wie wir ihn in einem der jüdischen Gastwirte in Jerusalem zu unserer völligen Befriedigung gefunden haben. Unerlässlich ist auch ein nach Möglichkeit detaillierter Reiseplan, der zum mindesten mit der Pünktlichkeit eines Personenzuges innegehalten werden muss. Die Seefahrt, deren Unannehmlichkeiten viele abschreckt, kann man durch eine Eisenbahnfahrt bis Brindisi abkürzen. In absehbarer Zeit wird man vielleicht in einem und demselben Eisenbahnwagen von Kristiania über Jerusalem nach Johannesburg reisen können. Solche Bahnbaupläne liegen vor. Allein auch abgesehen von diesen Projekten braucht man für eine Seereise von Triest bisAlexanclrien etwa 70 Stunden und zirka 24 Stunden später ist man in Jaffa. Beim Eintreffen in J a f f a suchten wir zunächst das Postamt auf, um nach Briefen aus der Heimat zu fragen. Es gibt dort miteinander konkurrierende Postämter der verschiedenen europäischen Grossmächte, eine Konkurrenz, die insbesondere den Juden zugute kommt, die ihre Hauptklientel stellen. Der Wettbewerb zwischen dem deutschen und dem österreichischen Postamt , welches nebenbei einen jährlichen Reingewinn von 250 000 Frcs. verzeichnet, bewirkt es, dass diese beiden Postämter in Jaffa und den jüdischen Kolonien, sowie zwischen diesen Orten alle Post frei beiordern. Russland hat sogar, aus Rücksichten der Konkurrenz, einen Juden als Postmeister eingesetzt, während in Russland selbst bekanntlich kein Jude Briefträger werden kann. Dieser Postmeister zählte zu jenen russischen Studenten, die vor 30 Jahren

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