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Ost und West · 1913-06-01 · Heft 6 (Juni 1913) · p. Seite 453 - 454

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 6 (Juni 1913)
Article
Die Lehrerin
Date
1913-06-01
Page
Seite 453 - 454 (sequence 5)
Language
German
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453 A. Warszawski, Warschau: .Die Lehrerin. 454 standen kein Wort, die getauften Jüdinnen taten, wie wenn sie nicht verständen, und den ungetauften Jüdinnen, besonders ihr, die Doktor der Philosophie war, bereitete dieser schauderhafte Jargon wahre Höllenqualen. Er erinnerte sie an ihre Kindheit, an ihr Heimatsdorf, an das Städtchen. Auch dort sprachen die gebildeten Damen nicht mehr Jüdisch, und wenn jemand aus dem Pöbel sie in diesem Idiom anredete, sagten sie: „Wie, bitte? Drücken Sie sich verständlich aus!" und gingen weiter. Hier aber musste sie häufig den Dolmetsch machen. Jeden Samstag entrollten sich vor ihr Bilder tiefsten Elends und ergreifender Not. Sie hatte diese Bilder in einer Reihe erschütternder Gedichte festgehalten, und auch mehrere Artikel darüber geschrieben, die alle in dem von ihr herausgegebenen „Blumengarten", Wochenschrift für die Jugend, nebst der Beilage „Neue Bahnen", die für die neue Bewegung kämpfte, veröffentlicht wurden und grosses Aufsehen gemacht hatten. Und wie sie hier dasass vor den frischen Schinkenbrötchen, fühlte sie ein tiefes, warmes Mitleid in ihrem Herzen aufsteigen, welches es ganz ausfüllte, bis hinauf zu dem eleganten Stehkragen, ein Mitleid mit sich selber, dass sie in diesem Elend dasitzen und verkümmern musste. Eine starke Sehnsucht überkam sie, nach einem fernen sonnigen Land, wo es kein Elend gab, und keine Juden, oder nur sehr wenige, die auf den höchsten Höhen der Bildung wandelten, abends ins Theater fuhren und auf die grossen französischen Revuen abonnierten und nicht Jüdisch redeten. Wäre es doch wenigstens Hebräisch! Es war auch ein Zeichen von Distinktion, Hebräisch zu parlieren, Französisch und Englisch sprach heutzutage schon jede Mamsell. Leider dängten sich auch an das Hebräsiche schon viele Unwürdige heran. Bald wird man ein anderes Zeichen der Vornehmheit haben müssen, um sich vom Pöbel zu unterscheiden. Sie zog sich immer mehr in sich selbst zurück. Daheim sprach sie kein Wort mehr, und alle schlichen scheu um sie herum. Sie wollte ihnen keinen Zutritt zu ihrem heiligsten Innern gewähren, die würden diesen Tempel doch nur entweihen. Sie wollte sein wie jenes Mädchen, welches Georg Brandes geschildert hat: „Sie schwieg wie die Wand und hatte doch die kühnsten Bücher des Jahrhunderts gelesen." Sie nahm sich vor, die kühnsten Bücher des Jahrhunderts zu lesen und schwieg wie die Wand. Sie fühlte immer tiefer die Kluft, die sie von allem trennte, was sie umgab. Alle grossen Denker ihrer Epoche, von Stanislaw Przybyszewski bis Felix Saiten waren einig darin, dass man seine Individualität auszuleben verpflichtet sei. Aber wie sollte sie ihre Individualität ausleben, wenn sie täglich fünf bis sechs Stunden die Ausdünstungen von fünfzig Proletarierkindern einatmen musste und nun auch noch ihnen die L . . . herausnehmen sollte? Ach, nur fort, nur weit fort aus diesem ganzen Lande, wo ihr Volk so unterdrückt war, wo sie keine Hoffnung hatte, so bald Mädchen aus höheren Kreisen unterrichten zu können, wo die Ideale mit Füssen getreten werden, wo man Homer und Plato und Dante und Nietzsche dazu verwendete, um kleinen Proletarierinnen die L . . . hinauszunehmen, wo die Weiber darbten und die Kinder hungerten und sie mit scheuen, flehenden Augen ansahen, wenn sie ihre Schinkenbrötchen verzehrte. Und da sassen ihre beiden Brüder draussen in der Provinz und rackerten sich und plagten sich und hatten es zu nichts gebracht und wollten für sie fünf Tausende zusammensparen, damit sie für sich selber eine Schule gründe, wo sie ganz allein nach ihrem Herzen walten durfte, die neue Schule, die Schule der Zukunft, die sie in so beredten Artikeln 'ausgemalt und gefordert hatte, die neue Schule, die Schule der Zukunft, die eine neue glücklichere und tapfere Generation aufziehen sollte. . . Nein, genug des Elends. . . Fort aus diesem herzbrechenden Elend, diesem Jammer und dieser Not und diesem greulichen jüdischen Jargon. Weit weg wollte sie von all dem sein und hoch darüber stehen, um es desto freier in ergreifenden Liedern besingen und in flammenden Leitartikeln schildern zu können, dass die Abonnenten ein Grauen erfasse. Nur weit weg, und zwar so schnell als möglich. ... Er hatte soeben in Paris einen Posten erhalten. Einen bescheidenen Posten zwar, als Reisender bei einer Fabrik von bunten Bändern, sehr bescheidene Stellung, aber wer konnte wissen, was die Zukunft brachte? . . . Wenn er nur nicht so schauderhalt hässlich wäre und nicht einen so grässlichen Geruch ausatmete! . . . Aber was ging sie das alles, was ging e r sie an? Und Paris! Das Zentrum der Kultur, und weit weg von hier, kein Jargon, keine L . . . und keine Juden . . . Wenn er nur nicht so abstossend hässlich wäre! Als er vor drei Monaten ihre Bekanntschaft machte — es ist ihr noch heute ein Rätsel, wie es kam — und ihr gleich nach drei Stunden einen Heiratsantrag stellte, hörte ihr Herz zu schlagen auf und Zorn und Empörung würgten sie. Wie konnte d e r es wagen! . . Ihr, die so stolz und unnahbar einherschritt, so königlich stolz ... zu stolz vielleicht . . . Aber gerade seine Frechheit hatte sie verwirrt und bald erwachte in ihr eine sündhafte, literarische Neugier, ob wirkliche Liebesbriefe wohl so klingen, wie sie in den Romanen vorkommen. Ganz ernst konnte sie ja dies im Grunde nicht nehmen ... Darum las sie seine Briefe anstatt, wie sie in der ersten Wallung des verletzten Stolzes beschlossen hatte, sie uneröffnet zurückzusenden. Sein Stil amüsierte sie. ,,Und so weiter, und so weiter, und so weiter", das wiederholte sich jede fünfte Zeile, sobald ihm das Wort ausging, war das ,,u. s. w." zur Stelle. Das war ganz der Stil des Dienstmädchens in den Hintertreppenromanen. Aber er wurde immer heisser, dringlicher,. drohte mit Selbstmord, wenn er nicht erhört würde. Das war freilich nicht ernst zu nehmen, aber ein Skandal konnte daraus erwachsen. Ein Skandal! Um Gottes willen, nur keinen

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