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Ost und West · 1913-06-01 · Heft 6 (Juni 1913) · p. Seite 451 - 452

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 6 (Juni 1913)
Article
Die Lehrerin
Date
1913-06-01
Page
Seite 451 - 452 (sequence 4)
Language
German
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451 A. Warszawsld, Warschau: Die Lehrerin. 452 und zermürbt mit leeren Händen heimkam, fand er ein warmes, stilles, friedliches Nest. Die Söhne besuchten das Gymnasium und waren davor gerettet, ungebildete Handwerker oder Krämer zu werden. Die Tochter. . . . nein, die Vorsehung war zu gütig und hatte ihn einen vollen Triumph erleben lassen. Das Kind war herrlich emporgeblüht und bildete den Stolz der Familie. Sie galt als die begabteste Schülerin der höheren Mädchenschule, wo die Töchter der gebildeten Familien erzogen wurden. Sie hatte zu Hause einen Flügel, besuchte -das Konservatorium und nahm teure Klavierstunden. Sie machte Gedichte und schrieb Novellen, von denen eine sogar im ,,Nachtwandler" veröffentlicht wurde. Als der Vater das Blatt zur Hand bekam, ass und schlief er drei Tage und drei Nächte nicht und ging wie im Taumel umher. Mit besonderem Stolz erfüllte es ihn, dass er kein Wort von dem verstand, was seine Tochter druckte. Die Tochter machte indessen riesige Fortschritte. Sie bestand alle Prüfungen mit Auszeichnung. Sie konnte sich nicht satt tun im Ablegen von Prüfungen. Wollt ihr das Lehrerinnenexamen? Hier habt ihr das Lehrerinnenexamen, mit Auszeichnung. Gymnasialmatura? Hier habt ihr Gymnasialmatura, mit Auszeichnung. Dann kam die Universität und das Doktorexamen. Natürlich ebenfalls mit Auszeichnung. „Eine Prüfung zu machen ist bei dir, wie eine Semmel zu verzehren," sagten die Kolleginnen mit einem Gemisch von Neid und Bewunderung. Sie lächelte nur . . . . . . Und nun sass sie da, und man verlangte von ihr, sie solle diesen übelriechenden Proletarierkindern alle Morgen die L . . . . herausnehmen . . . Dazu also hatte sie Homer und Plato gelesen, Dante, Moliere und Voltaire. . . . Sie seufzte tief und schob das elegante Frühstückskörbchen mit einem zornigen Ruck beiseite, so dass die Schinkenbrötchen herausrutschten. Da lag die zarte, appetitliche Scheibe Schinken, gekrönt von einem schneeweissenStreifen Speck ... Sie wusste, welches Opfer es die Mutter kostete, ihr jeden Morgen dieses Frühstück zu bereiten, mit welchem Ekel sie das Schweinefleisch auf die Buttersemmel legte . . . Aber die Aerzte hatten es empfohlen, gegen die zunehmende Nervosität und Ueberanstrengung. Die alte Frau fastete dafür jeden Montag und Donnerstag, um die schwere Sünde der Tochter zu tilgen. (DieTochter hatte das in einem ergreifenden Gedicht besungen.) Doch was nützte das? Nun war ihr auch das Frühstück verekelt, nämlich durch die Erinnerung an die L . . . . , die man von ihr forderte, und all das andere Schulelend, das sie hier auszustehen hatte. Noch nicht ein Jahr war sie hier und fühlte sich schon ganz gebrochen. Ha, wenn sie keine Jüdin wäre, nur keine Jüdin wäre, sie sässe jetzt in einer höheren Mädchenschule und würde den höheren Töchtern die höheren Wissenschaften vortragen. Zu etwas Höherem sind wir geboren, wie Schiller sagt Aber als Jüdin! . . . Den ganzen vieltausendjährigen Judenschmerz mit seinem ganzen unendlichen Weh fühlte sie jetzt bis in die Fingerspitzen hinein (sie wollte das in einem flammenden Leitartikel beleuchten). Und sie hatte schon in diesem Paradies weilen dürfen, volle drei Jahre lang. Volle drei Jahre lang wurde sie als Aushilfskraft in den höheren Schulen und in den vornehmen Pensionaten zugelassen. Man war entzückt von ihr. Die vornehmsten Damen luden sie ein, ihrer feinen Manieren und gewählten Umgangsformen wegen. ,,Eine wahre Prinzessin'*. Aber einen festen Posten? Nein! ,,Ach, wenn Sie keine Jüdin wären!" Sie warf leise ihren stolzen Kopf zurück und lächelte. „Das nicht!" ... Sie wollte diese Festung schon nehmen. Sie sollte die erste und einzige Jüdin sein, die triumphierend in sie einzog.... Sie sah vor sich die Bankreihen, angefüllt mit höheren Töchtern, wohlgekleidet, schön frisiert, gut genährt, in eine Atmosphäre von Bildung, Wohlhabenheit und Sorglosigkeit gehüllt. Freilich, auch hier hatte das Leben seine Dornen, das Leben ist so schwer! Die Mädchen waren nur zu häufig frech, höhnisch, undankbar, roh. Die Lehrerin galt ihnen nicht viel mehr als ein besseres Dienstmädchen. Aber man spürte trotzdem, dass sie aus gebildeten Häusern kamen. Sie hatten daheim Poesie, feine Wäsche, Klavier, parfümierte Seife, eine Gouvernante und andere Bildungsutensilien. Es war schön. Doch der Mensch braucht einen festen Halt im Leben, und ein festes Gehalt. Sie musste also die Belagerung der Festung aufgeben und in die jüdische Proletarierschule ziehen, wohin alle jüdischen Kandidatinnen gesteckt wurden, und nicht nur wirkliche, sondern auch getaufte Jüdinnen, — denn solche wurden erst in der zweiten Generation gewürdigt, an allgemeinen Schulen zu unterrichten — und nicht bloss Jüdinnen, sondern auch Christinnen, die anderswo etwas angestellt hatten, oder augenblicklich keinen Platz fanden. Die Christinnen betrachteten diese Ghettoschule als eine Art Strafkolonie. Der Direktor führte ein strenges Regiment und sah es als seine höchste Aufgabe an, die Kinder zu Menschen zu erziehen und ihnen gleich vom Anbeginn alles Jüdische auszutreiben. Er lag darob im fortwährenden Kampf mit dem alten Religionslehrer, der mit seiner Greisenstimme immerfort meckerte: „Machen wir sie nur zu guten Juden, dann werden sie schon gute Menschen sein!" Die hohläugigen, abgemagerten, ewig hungrigen Kleinen waren scheu und gedrückt und ahnten in jeder Lehrerin eine Feindin, die ihnen etwas austreiben wollte. Aber mit Grauen dachte die junge Lehrerin an die Mütter, die jeden Samstag kamen, um sich nach den Fortschritten ihrer Kinder zu erkundigen. Unter diesen Weibern gab es keine Dirnen und keine abgestraften Verbrecherinnen, aber sie rochen alle nach altem Hering, faulen Aepfeln und ranziger Butter, und sie schnatterten und kreischten alle nur Jüdisch. Die christlichen Lehrerinnen ver-

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