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Ost und West · 1913-06-01 · Heft 6 (Juni 1913) · p. Seite 449 - 450

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 6 (Juni 1913)
Article
Die Lehrerin
Date
1913-06-01
Page
Seite 449 - 450 (sequence 3)
Language
German
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441) A. Warszawskij Warschau: Die Lehrerin. 450 Die Lehrerin erschien ' ihr damals in demselben Glanz und derselben Hoheit wie die Frau Gräfin, die vierspännig fuhr und schöne Kleider hatte, und ein Stubenmädchen und einen Lakai. Eine Lehrerin war eine gebildete Dame. Und als Kind wünschte sie sich nichts so sehr, wie eine gebildete Dame zu werden. In ihrem Heimatsdorfe gab es keine gebildeten Damen ausser der Gräfin, aber im Städtchen daneben war die Frau Doktor, die Frau Apotheker, die Frau Rechtsanwalt und die Frau Bezirksrichter, lauter sehr gebildete Damen, in Handschuhen und Hüten, mit Schleier vor dem Gesicht, und sie trippelten so fein in glänzenden Lackschuhen über das Pflaster, in der einen Hand den Sonnenschirm, mit der andern die Röcke hochgerafft. So oft die Kleine mit ihrem Vater aus dem Städtchen heimkehrte, war sie berauscht und entzückt von dem Anblick der gebildeten Damen, und daheim erschienen ihr alle, besonders die Mutter und die ältere Schwester, sehr wochentäglich und gemein, mit ihren roten, abgearbeiteten Händen, ihren groben Kleidern und ihrer gewöhnlichen Sprache. Bei den gebildeten Leuten war immer Sabbat und Feiertag. Einmal ging sie mit dem Vater durch eine stille Gasse. In einem Garten lag ein kleines Haus. Durch die offenen Fenster drangen seltsame Töne. Die Kleine blieb wie angewurzelt stehen ... Da sang es so wunderbar mit hundert Stimmen zugleich, bald dünn und zart, bald tief und dunkel, sang und spielte und lachte und weinte . . . Das Kind stand wie verzaubert und war die ganze Zeit nicht wegzubringen. Sie lauschte, während die Tränen ihr über die braunen Bäckchen rannen. Die schlummernde musikalische Begabung war in ihr erwacht. „Das ist die Lehrerin, eine sehr gebildete Dame," sprach der Vater weihevoll. Seitdem stand der Entschluss in ihr fest, ebenfalls eine sehr gebildete Dame zu werden, womöglich sogar eine Lehrerin. Ihr Vater schwärmte ohnehin für Bildung, er besass einen Haufen alter, abgegriffener Bücher, nach denen er in den wenigen freien Stunden langte, um aus ihnen Bildung zu schöpfen und etwas davon auch seiner Frau und älteren Tochter beizubringen. Aber vor Uebermüdung fielen ihm immer die Augen alsogleich zu und er fing an, gottesjämmerlich zu schnarchen, ein gleiches taten Mutter und Schwester, und das musikalische Gehör der Kleinen litt höllische Qualen. „Meine Kinder sollen gebildete Menschen werden!" pflegte der Vater immer zu sagen. „Für meine ältere Tochter ist das leider schon zu spät, dafür werde ich ihr einen gebildeten Mann geben. Nicht Reichtümern, nicht Ehren soll man nachtrachten, sondern nur der Bildung. Das lehren auch unsere Weisen, gesegnet sei ihr Andenken. Unsere Weisen waren alle blutarme Menschen, aber sie haben nur der Weisheit nachgestrebt. Besonders in unserer Zeit, da wird die Bildung am höchsten geschätzt. Ein Gebildeter hat alle Ehre. Reichtümer braucht man ja nicht, nur dass man seine Familie anständig und ehrlich ernährt und seine Kinder zu gebildeten Menschen erzieht. Und so ein Doktor der Rechte oder der Medizin, was glaubt ihr da, dass der, wie unsereins, von jedem Windhauch abhängig ist?" Wenn er das Wort Doktor aussprach, kam ein warmer Ton und ein ehrfürchtiges Zittern in seine Stimme und er verfiel in den gebildeten Stil. „So ein Doktor, meine lieben Kinder, der verdient sich überall und immer sein Brot, und braucht niemanden zu betrügen und zu belügen. Und was ist das für eine schöne Tätigkeit] Der eine macht die Kranken gesund und rettet sie vom Tode, der andere verteidigt die Unschuld und schützt das gekränkte Recht. Und ein Lehrer erst! Der verbreitet die Bildung unter den Menschen. Was würde die Welt ohne Lehrer anfangen? Unsere Weisen sagen ja schon: die Welt steht nur auf dem Mundhauch der Schulkinder!" So sprach er, während er mit würdigen, begeisterten Schritten in der niedrigen, rauchigen Stube auf und ab ging. „Meine Tochter bekommt einen gebildeten Mann und meine jüngeren Kinder sollen gebildete Menschen werden. Nichts ist verächtlicher, als ein ungebildeter Mensch!" Und die aufgeweckte Kleine fing an, die Ungebildeten gründlich zu verachten. Sie wollte nichts mit ihnen gemein haben und sich in allem und jedem von ihnen unterscheiden. Der Vater gönnte sich nicht den Bissen, schlief nicht die Nächte, trug zerrissene alte Kleider, arbeitete für zehn und stürzte sich in Schulden, um nur seinen Kindern teuer bezahlte Hauslehrer zu halten, ihnen Lehrbücher zu kaufen und sie sauber zu kleiden, wie es-sich für gebildete Menschen ziemt. Und gerade als die Kinder heranwuchsen, die höhere Schule zu besuchen anfingen und die Bildung sehr kostspielig wurde, kam einer jener Windhauche, die er so sehr fürchtete, und fegte ihn weg. Nachdem er alles verkauft und seine Gläubiger bis auf Heller und Pfennig bezahlt hatte, „wie es sich für einen ehrlichen Menschen geziemt," blieb ihm noch auf eine Eisenbalmkarte zurück. Alle seine Ideale waren zerronnen. Er sah schon mit Grauen seine Töchter als Dienstmädchen und die Söhne als Lehrlinge bei einem Schneider oder Schuster. Aber er hoffte und ging in die weite Welt, um sein Glück zu suchen. Mittlerweile raffte die ältere Tochter die letzte Habe zusammen, zog in die Grossstadt, mietete sich eine kleine Stube, kaufte eine alte Maschine zur Herstellung grober Wirkwaren und etwas Wolle, und fing zusammen mit der Mutter zu arbeiten an. Sie war sich ihres ganzen Unwertes als ungebildeter Mensch voll bewusst und sie zweifelte keinen Augenblick, dass ihre einzige Aufgabe darin bestand, ihr Leben der angebeteten kleinen Schwester und den jüngeren Brüdern zu widmen. Sie schindete sich die Finger wund und wachte sich die Augen rot, um die Geschwister zu gebildeten Menschen aufzuziehen. Der Traum ihres geliebten Vaters durfte unter keinen Bedingungen zerrinnen. Und als der Vater nach jahrelangem Umherirren, müde

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