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Ost und West · 1913-06-01 · Heft 6 (Juni 1913) · p. Seite 447 - 448

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 6 (Juni 1913)
Article
Die Lehrerin
Date
1913-06-01
Page
Seite 447 - 448 (sequence 2)
Language
German
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4.47 A. ^Varszawski, Warschau: Die Lehrerin. sie, ais sie eine dicke schwere Schale mit braunem Kaffee und ein mächtiges Butterbrot hereinbrachte und rief: „Fräuleinchen, Frühstück!" Das Fräulein fing an, mit kräftigem Appetit loszukauen, während sie die Hefte vornahm. Gleich das erste Heft machte sie stutzig. Was war das? . . . Das Thema hatte gelautet: „Jede hat ihre beste Freundin.zu beschreiben, welche sie am meisten von allen lieb hat, aber ihr Name darf nicht genannt werden". Da schrieb nun die rote Marie, die man allgemein die Rübe nannte: Meine beste Freundin, die ich am meisten von allen lieb habe, ist sehr schön, und hat ein schwarzes Kleid und -schenkt mir Aepfel und Bücher, und als ich krank war im Spital, kam sie zu mir und schenkte mir Aepfel und Bücher und eine Puppe, aber die ist gestorben und hatte den Bauch voll Hobelspäne, und sie lachte mit mir und sang und sprach zu mir: meinVögelchen, sei nicht traurig, ich habe dich sehr lieb und bald wirst du gesund, dann nahm sie mich auf den Arm und trug mich hinaus" . . . Das schwarzäugige und hohlwangige Aennchen schrieb: Meine beste Freundin ist schön wie die Muttergottes, aber sie hat nicht eine so garstige Blechkrone um den Kopf, sondern süsses schwarzes Haar und ich habe sie sehr lieb, und als mich der schlimme Peter bei der Mühle schlug, packte sie ihn und gab ihm hundert Prügel und schleppte ihn in die Schule und gab ihm Milch und Brot und Hosen und er geht jetzt in die Schule und er schlägt mich nicht mehr, und ich hab sie sehr lieb, und sie hat so schöne weisse Hände und sie sagt, mein Vögelchen, sei nicht traurig." . . . ,,Meine beste Freundin war meine Mutter, aber sie ist schon tot, schon sehr lange, mehr als ein Jahr, mehr als zehn Monate, und jetzt habe ich gar keine beste Freundin, aber ich hab doch eine beste Freundin, und die nimmt mich auf den Schoss und singt mir ein Liedchen und ich schlafe ein, dann erwache ich und rufe ,,Mama!" und dann liege ich auf ihrem Schoss" . . . Das Fräulein hörte auf zu essen und versenkte sich in die Lektüre; ihr Rotstift ruhte, und wagte nicht an diese Geständnisse der Kinderseelen zu rühren. Ein glutvoller Hauch stürmischer Kinderliebe wehte sie an. Scham und Glückseligkeit und Gewissensbisse beschlichen sie, es war ihr, als hätte sie durch Schlauheit diesen Kinderherzen ihre tiefsten Geheimnisse entlockt. Die grüne Hedwig, ein Findelkind, seltsam frühreif und vernünftig, mit ausgesprochenem Schriftstellertalent, schrieb: „Ich hatte eine beste Freundin, die hab ich am meisten von allen geliebt, aber ich liebe sie nicht mehr, ich will sie nicht lieben, denn sie hat mich verraten und sie geht weg von uns auf immer und ich liebe sie nicht mehr, denn wir lieben sie alle sehr, sehr und wir werden alle sterben und wir sind alle traurig und . . ." Das Fräulein besann sich, dass die Kleine in den letzten Tagen so seltsam scheu zu ihr war und sie immer fragend anblickte. Sie musste wohl von dem bevorstehenden Abgang eine Ahnung haben? . . : Das Fräulein stützte den Kopf in die Hände und sann und sann und Tränen kamen ihr in die Augen und allerlei Gedanken gingen ihr durch die Seele. Dann richtete sie sich auf. Sie hatte einen Entschluss gefasst. Ihr Gesicht erhellte ein fröhliches Lächeln. „Du sollst nicht sterben, kleine, närrische, grüne Hedwig." Sie schrieb auf eine Visitenkarte: „Sehr geehrter Herr Direktor! Entschuldigen Sie, dass ich heute ausbleibe. Es ist das erste und soll auch das letzte Mal sein. Lassen Sie mich, durch eine Kollegin vertreten. Meine Resignation ziehe ich hiermit in aller Form zurück. Ich bleibe." Dann schlich sie sich leise aus dem Zimmer. Sie: wollte heute ihren Schülerinnen nicht in die Augen sehen. * * * Und drüben auf der anderen Seite des Flussesragte mitten im jüdischen Armenviertel die Gemeindeschule, und in einem der leeren Schulzimmer sass ein schlankes, stolzes Mädchen mit braunen Haaren und königlichem Gang. Sie galt als die tüchtigste Lehrerin der Stadt und war sogar Doktor der Philosophie . . . Die Schule war leer, denn die Kinder hatten heute einen Ausflug. Die Lehrerin hatte sich verspätet und war recht froh darüber, denn sonst hätte sie ihre Klasse begleiten müssen und das war ihr eine grosse Qual. Nichts verletzte so sehr ihren angeborenen und durch unablässiges Studieren und. Verfeinerung hochentwickelten ästhetischen Sinn,, als wenn sie einmal gezwungen war, sich öffentlich an der Seite ihrer Schülerinnen zu zeigen. Dieses. Geklapper der ausgetretenen Absätze und das. Schlürfen der abgewetzten Sohlen über das Pflaster verwundete ihr feines musikalisches Gehör (sie war eine berühmte Chopinspielerin). Der Anblick der verschlissenen und armseligen Kleidchen,, der schlechtsitzenden Schürzen, der hässlichen. Frisuren kränkte ihr wählerisches Auge bis zum; Schmerz. Fürwahr, es war doch genug und übergenug, dass sie fünf oder gar sechs Stunden täglich, gezwungen war, die schrecklichen Ausdünstungen dieser kleinen Proletarierinnen einzuatmen, und. Gott allein war Zeuge, dass sie Ströme von Parfüm auf sich ausgoss, um mitten in dieser grauenhaften Atmosphäre gleichsam in einem Panzer von Duft dazustehen. Und seit kurzem verlangte man gar von ihr, sie solle alle Tage vorder Schule die Köpfe der Kleinen untersuchen, um . . . um . . . um das Ungeziefer zu entfernen t Brr! Sie schüttelte sich vor Ekel! Nein. Das. konnte sie sich nicht bieten lassen. Das ging denn doch zu sehr gegen die Menschenwürde. Diese Tatsache allein war imstande, ihr den ganzen Lehrerberuf zu verekeln, den sie sich ehemals, als das höchste Lebensideal erträumt. Ehemals, ja, als sie' noch ein kleines Mädel war und dort weit draussen im Dorfe, in der rauchigen Stube mit den Kindern Lehrerin spielte, da hatte sie sich die Sache anders, ach, viel, anders ausgemalt..

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