Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Article
- Dow Ber Meisels
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 379 - 380 (sequence 4)
- Language
- German
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379 X. M. Gelber: Dow Bcr Meisels. 380 Röte trete, wenn er von Krakau, dem alten Sitze polnischer Könige, spricht. Nun kamen die Wahlen zum österreichischen Reichstag. Meiseis kandidierte in Krakau, aber trotz seiner Bemühung fiel er durch, und zum Abgeordneten wurde der getaufte Jude Dr. jakubowski gewählt. Wahrscheinlich spielte folgendes dabei mit: Meiseis war trotz seiner polenfreundlichen Gesinnung strengorthodox, und als sich in Krakau der „Klub zur Förderung der geistigen und materiellen Interessen der Israeliten" begründete, kam es zwischen demselben und Meiseis öfters wegen religiöser Angelegenheiten zu Konflikten. Für sie war Meiseis zwar ein guter Pole, aber unfähig, die Landesinteressen gehörig vertreten zu können.6) Die Mitglieder des Klubs sahen sehr ungern Meiseis Tätigkeit als Rabbiner, der öffentlich gegen die Vernachlässigung religiöser Vorschriften eiferte. So soll er in einer Predigt am Sabbat sehr eifrig gegen die sich „deutsch" kleidenden Juden gesprochen und ,,im Verfolge seines Kauderwelsch sich ausgedrückt haben, die Kinder solcher sich germanisierender Juden werden sich gewiss schmaden" (taufen).7'8) Als im Dezember 1848 Jakubowski auf sein Mandat verzichtete, bewarb sich Meiseis abermals um dasselbe. Gegen ihn kandidierte die jüdische Intelligenz den Dr. Ettinger. Seitens der Christen wurde Adam Potocki aufgestellt. Meiseis veröffentlichte nun in einem Aufrufe sein politisches,,Credo".9) In diesem versichert er, dass er in Kremsier nicht nur als Vertreter seiner Glaubensgenossen, sondern als nationaler Volksvertreter erscheinen werde. Er werde als Patriot und Demokrat ihre Interessen eifrig vertreten, denn nur HUGO KRAYX. BERLIN. Im Schlosspark. (Nach einem Farbcnholzschnitt.)' die nationale und demokratische Idee veranlassen ihn, sich um das Mandat zu bewerben. Er erhielt von den 57 Stimmen 31 und wurde somit zum Abgeordneten gewählt, gegen den Willen der jüdischen Intelligenz. Als Abgeordneter schloss er sich der Linken an. Bekannt ist folgende Anekdote: Als Meiseis vom Minister Stadion befragt wurde, warum er denn zu der Linken gehöre, soll er geantwortet haben: „Weil die Juden keine Rechte haben."10) Um diese Zeit hatte sich seine materielle Lage verschlechtert, er war gezwungen, für sein Rabbinat ein Gehalt zu verlangen, und als ihm die Krakauer Gemeinde infolge ihrer zerrütteten finanziellen Verhältnisse dies nicht gewähren konnte, nahm er die an ihn ergangene Einladung der Warschauer judenheit an imd übersiedelte nach Warschau, wo er die Stelle eines Oberrabbiners erhielt. Welche Verhältnisse er daselbst angetroffen hatte, ist schon früher geschildert worden. Von zwei Gruppen, den Chassidim und Fortschrittlichen, ist er mit Jubel empfangen worden. Den Chassidim bot seine Persönlichkeit, trotz seiner streng orthodoxen Anschauungen, die Gewähr, dass er sie nicht bekämpfen, ja, dass er sie gegen die Intoleranz der Orthodoxen in Schutz nehmen werde. Denn Meiseis hatte, obwohl er strengreligiös war, das Bestreben, zwischen den streitenden Parteien in der Judenheit den Frieden und die Einheit zu erhalten. Den Fortschrittlern aber galt er als der grosse Polenfreund und bot ihnen die Garantie, dass er in ihrem Sinne wirken werde. Die fortschrittlichen Juden, mit Matthias Rosen an der Spitze, konnten bisher die Volksmassen nicht für die Annäherung an die Polen gewinnen. Nun hofften sie, dass Meiseis, der zur Genüge gezeigt hatte, welcher politischen Meinung er sei, als Oberrabbiner eben den nötigen Einfluss haben werde, um die jüdischen Volksschichten polenfreundlich zu stimmen. Meiseis hatte, wenn er auch in der ersten Zeit keine so grosse Tätigkeit entwickelte, die Hoffnungen der Fortschrittler nicht getäuscht. Unter den herrschenden Zuständen konnte er zwar nicht offen für die Polen agitieren, aber im stillen wirkte er für deren Sache. Umfassender sollte seine Tätigkeit kurz darauf werden, als die Vorbereitungen zum Aufstande getroffen wurden. Da griff Meiseis akti\- ein und entfaltete eine riesige Tätigkeit zugunsten der polnischen Nationalsache. Ohne peinlich zu untersuchen, ob die von den Polen gepredigte Liebe zu den Juden aufrichtig sei und ob es auch für die Interessen der Juden angezeigt war, sich den Polen anzuschliessen, hatte er den festen Glauben, dass die Juden als Polen nur mit den Polen Hand in Hand gehen müssen. Bekannt ist folgende Anekdote: Einmal fragte ihn der damalige Statthalter Gorczakow, warum denn die Juden, die doch kaisertreu zu sein versichern, sich doch an die Polen anschliessen. Darauf gab ihm Meiseis folgende geistreiche Antwort: Der Zar sei der Vater, das Land (Russisch-Polen) aber die Mutter, und. wenn Vater und Mutter zanken, dann halten gewöhnlich die Kinder zur Mutteri11) Dieser Ausspruch charakterisiert glänzend Meiseis Gedankengang über die damalige politische Sachlage. °) Eloryan^Ziemiaskowski: FPennigstücki, II. Bd., S. 48, 68—69, 75. 7) Die Korrespondenzen aus Krakau [im „Orient", Jg. 1848, S. 215, 270 u. 352. 8) Korrespondenz aus Krakau im „Orient", Jg. 1848, S. 352. fl) Ein Bruchstück desselben ist in Dr. M. Balabans Abhandlung: „Die galizischcn Juden in der Zeit der Revolution vom J. 1848" in der Ewrejskaja Starina (russisch), H. 4, 1912, S. 449 abgedruckt. " 10) Archivcs israßlites, Jg. 1863, S. 484. J. M. Zinz Ir-ha-Zedek, S. 169 und The Jewish Encyclopcdia, Vol. VIII, S. 444. ") Mitgeteilt in Archivcs israC'lites Paris, Jg. 1863, S. 484. Nach einer Version soll es der Statthalter Gorczakow, nach einer anderen wiederum der Statthalter Grossfürst Konstantin gewesen sein.