Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Article
- Dow Ber Meisels
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 377 - 378 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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377 N. M. Gelber: Dow Ber Mciscls. 378 Geiste des traditionellen Judentums erziehen. Der junge Meiseis zeigte grosse Fälligkeiten und Lerneifer und galt schon in seinem dreizehnten Lebensjahre als ein bedeutender Talmudkenner. Als Knabe noch wurde ihm die Tochter des reichen Kaufmanns Salomen Bornstein aus Wieliczka als Frau angetraut. Einige Jahre lebte er bei seinem Schwiegervater in Krakau, ganz dem Studium ergeben. Hieraul* assoziierte er sich mit dem .Schwiegervater und trieb einen grossen Exporthandel mit Deutschland. Dank den grossen Geschäftsverbindungen lernte er Welt und Menschen kennen, eignete sich auch Kenntnisse in der polnischen Sprache an und hatte öfters Gelegenheit, mit polnischen Adeligen, die zu jener Zeit in grosser Zahl in Krakau lebten, zusammenzukommen. Nach dem Tode seines Schwiegervaters gab er den Exporthandel auf und wurde Bankier. Inzwischen änderten sich die politischen Verhältnisse. Infolge der Traktat«} vom Wiener Kongress (1S15) wurde Krakau zu einer Bepublik unter der Souveränität der drei grossen Herrscher. Die Juden Krakaus hatten eine eigentümliche Stellung. infolge innerer Zwistigkeiten, die nach dem Tode des Rabbiners Z'wi Dawid ha-Levi 4) ausbrachen, zerfielen sie in zwei Lager, was erst im Jahre 1832 ganz deutlich zum Vorschein kam. In diesem Jahre hatte sich Meiscls um das Rabbinat, das blosses Ehrenamt war, beworben. Er wurde auch tatsächlich gewählt, doch musste er eine bittere Enttäuschung erleben. Er, der reiche und gelehrte Jude, wurde nur von einer kleinen Partei, die endgültige Buhe in die Gemeinde haben wollte, anerkannt. Bald hatte die grosse Anzahl seiner Gegner, ungeachtet seiner Wahl, in der Person des S a u ILandau, des Sprösslings einer der bedeutendsten Krakauer Judenfamilien, einen Gegenrabbiner gewählt. Im Gegensatze zu diesem hatte sich Meiseis bestrebt, mit der damaligen Regierung in Fühlung zu treten. Er hatte auch von früher her unter dem polnischen Adel einen grossen Bekanntenkreis. Es ist wahrscheinlich, dass er unter ihrem Einflüsse Sympathien für das Polentum zu hegen begonnen hatte. Doch ist dies bis zum Jahre 1846 bei Meiseis nicht ganz deutlich zu ersehen. Es bot sich ihm auch bis zu diesem Zeitpunkte keine Gelegenheit dar, um seine polenfreundliche Tendenzen zu bekunden. Zu dieser Zeit war Krakau der Sammelpunkt aller nationalen Polen, deshalb wollte man hier auch die Vorbereitungen zu einer grosszügigen Revolution treffen. Demzufolge suchten nun die Revolutionären, im Gegensatz zu ihren Vorgängern, die Juden, wrenn nicht direkt zu gewinnen, SO doch im Falle einer Revolution zu einer passiven Haltung zu veranlassen. Keiner war geeigneter, dies zu vollführen, als Meiseis, der inzwischen einen grossen Eirtfluss auf die Krakauer Judenheit gewonnen hatte. Möisels begann seine agitatorische Tätigkeit zu enti'äÜon. Mit der polnischen Nationalmütze auf dem Haupte besuchte er die Synagogen, und predigte überzeugend den Juden, dass sie als „Polen" die Pflicht haben, die nationale Freiheitsbewegung aus allen Kräften zu unterstützen. Seine Reden wirkten stark auf die Juden Krakaus, die unter Jubel sich als Polen erklärten und mit Geldspenden zu den Vorbereitungen der Revolution beitrugen. Meiseis wurde eine gefeierte Persönlichkeit. Die polnischen Revolutionäre begrüssten ihn mit Jubel, und in Anerkennung seiner Verdienste wählten sie ihn als Vertreter der Juden 4) J. M.Zinz: Ir-ha-Zedek (pTiPl *P>'). Geschichte der Krakauer Rabbiner, Lemberg 1874. GUSTAV SCHNEIDER. BERLIN. Bei Florenz. (Nach einer Radierung.) ■> in den zwölfgliedrigen Senat Krakaus. Welcher Art seine Tätigkeit daselbst gewesen ist, und ob er dort auch irgend etwas für die Resserstellung der Juden geleistet hat, ist nicht mit Sicherheit festzustellen Doch eines ist gewiss, dass er dem Senat die Sympathien der Juden erwarb. Infolge des Eingreifens der österreichischen Regierung wurde der Ausbruch des geplanten Aufstandes vereitelt und Krakau Galizien einverleibt.5) Doch das hinderte Meiseis keineswegs, auch weiterbin für seine Idee zu wirken. Als im Jahre 1848 eine Deputation von Galizien nach Wien zwecks Ueberreichung einer Petition geschickt wurde, wählte man in Krakau u. a. Meiseis. im Gegensatze zu den übrigen jüdischen Delegaten Mieses, Horowitz und Kohn, die für den Zentralismus waren, unterstützte Meiseis die Forderung einer Autonomie für Galizien. In der Deputation hatte er klar sseine radikal-patriotische Meinung geäussert. Er tadelte die konservative Lemberger Deputation, die seiner Meinung nach, mehr die Befehle Stadions und die Interessen des Adels, als den Wrillen des Volkes und seine Lebensinteressen, vertrete. Als aus'dieser Deputation 13 Mitglieder gewählt wurden, um am 6. April empfangen zu werden, war Meiseis unter diesen der einzige jüdische Vertreter. Einer der hervorragendsten polnischen Politiker # dieser Zeit, Floryan Zierniaskowski, nennt Meiseis einen stolzen Polen, auf dessen Wangen eine 5) Meiseis war es, der mit dem Präsidenten Graf Wodzicki dem österreichischen Heere, das vor Krakau stand, Krakau übergab. (J. M. Zinz: Ir-ha-Zedek, S. 169).