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Ost und West · 1913-05-01 · Heft 5 (Mai 1913) · p. Seite 375 - 376

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 5 (Mai 1913)
Article
Dow Ber Meisels
Date
1913-05-01
Page
Seite 375 - 376 (sequence 2)
Language
German
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375 N. M. Gelber: Dow Bcr Meiscls. 376 GUSTAV SCHNEIDER. BERLIN. Bei Rapallo. (Nach einer Radierung.) den Juden Träger der germanischen und russischen Kill tili*, somit Feinde der polnischen Nationalkultur. Dazu kam nocJi der konfessionelle Mass, der fortwährend von der Geistlichkeit geschürt wurde. Freilich gab es einzelne Persönlichkeiten, wie Ostrowski und Lelewel, die den Juden freundlich gesinnt waren und ihre Verschmelzung mit dem polnischen Nationalkörper herbeiwünschten. Unter dem Einflüsse dieser Richtung hatte sich unter den Juden um die vierziger Jahre die erste Gruppe herausgebildet, die für die Assimilation der Juden mit den Polen eintraten. Doch diese Bestrebungen Einzelner änderten an dem Verhältnisse der Polen zu den Juden wenig, ja der Hass gegen die Juden nahm sogar grössere Dimensionen an und dauerte bis knapp vor den Y'crbrüdeiungsmanifestationen ungeschwächt fort. Von besonderem Interesse wäre noch, die unter den Juden herrschenden sozialen Zustände zu skizzieren. Drei Gruppen gab es damals in Russisch-Polen, die Orthodoxen, die Chassidim und die Aufgeklärten. Diese drei Gruppen standen in schroffstem Gegensatze zu einander. Es gab fortwährend c Kämpfe zwischen den beiden ersten, besonders als die Anhänger des Chassidismus immer zahlreicher wurden; aber sowohl Orthodoxe wie Chassidim bekämpften unerbittlich die in Entwicklung begriffene Aufklärungsbewegung, die seit den dreissiger und vierziger Jahren, begünstigt durch verschiedene Umstände, wie z.B. die Gründung der Rabbinerschule in Warschau bedeutende Fortschritte gemacht hat. Welcher Art war das Verhältnis dieser sozialen Gruppen zu den polnischen Nationalbestrebungen? Orthodoxe und Chassidim konnten kein sonderliches Interesse für diese liegen; für sie war es ja kein Unterschied, welcher Regierung sie unterworfen waren. Sowohl in Polen (zu Ende des XVIII. Jahrhunderts) als auch im jetzigen Russland waren für sie die herrschenden Zustände in ökonomischer und sozialer Hinsicht gleich drückend. Freilich sehnten sich die Orthodoxen nach den alten Judenprivilegien, nach welchen ja der Kahal mit den Parnassim und Rabbanim an der Spitze, in der Judenbeit eine Fülle von Macht innehatten, denCassidim andererseits war die Schwächung der Macht des Kahal sehr willkommen, da sie damals in der Minderzahl waren und manchei'Jei Verfolgungen von jenem zu erleiden hatten. Die Emanzipation aber war beiden verbasst, beide wollten das .traditionelle Judentum intakt erhalten und sahen in der vollen Gleichberechtigung der Juden eine Lockerung desselben. Sie verzichteten lieber auf eine rechtliche Besserstellung ihrer Lage als auf die ihnen so teuere väterliche Tradition. Ganz anders gesinnt waren die aufgeklärten Juden. Während der ersten Regierungsjähre Nikolaus 1. hatten sie die Russen gegen die Polen unterstützt, in der Ueberzeugung, dass sie auf diese Weise bald ihre Gleichberechtigung erlangen werden, und für ihre rechtlichsoziale Besserstellung waren sie bereit, alles zu opfern. Sie suchten in Petersburg ihren ganzen Einfluss einzusetzen, um endlich einmal emanzipiert zu werden. Selbstverständlich erregte ihr Zusammengehen mit den Russen bei den Polen Aerger, den wir am deutlichsten in einem Aufrufe vom Jahre 1846x) ausgedrückt finden. Dieser Aufruf, der mit einem Appell an die Juden schliesst, dass sie eingedenk sein mögen all des Guten, das ihnen die Polen erwiesen hätten, hatte zwar sofort keine grosse Wirkung, aber als sich die Juden in ihren Hoffnungen auf die russische Regierung getäuscht sahen, begannen sie sich an die Polen anzuschliessen. In Warschau bildete sich eine Gruppe reicher Juden, die die Polonisierung der Juden propagierte. Sie begannen polnische Kunst, Literatur und Wissenschaft zu unterstützen und auch praktisch für die Verwirklichung ihrer Idee zu arbeiten, indem sie beispielsweise Kolonien 2) gründeten, um die Juden dem Ackerbau zuzuführen und ihren Assimilationsprozess zu beschleunigen. Die Aufgeklärten gründeten späterhin auch eine moderne Synagoge, in der in polnischer Sprache gepredigt wurde. Als Prediger wirkten Dr. J a s t r o w und Kramszt y k. Sie planten auch die Gründung einer Zeitung in polnischer Sprache für die Aufklärung der jüdischen Volksmassen. Doch begann dieses Organ erst im Jahre 1861 unter dem Namen Jutrzerika", von David Neufeld redigiert, zu erscheinen. Um diese Zeit erhielten die Juden Warschaus eine bedeutende Persönlichkeit zu ihrem geistigen Oberhaupt, indem sie im Jahre 1856 den Krakauer Rabbiner D o \v B e r M e isels beriefen. Hier sollte er nicht nur das Amt des Rabbiners ausüben. Durch die Umstände begünstigt, war es ihm beschieden, eine hervorragende Rolle in den Zeitereignissen zu spielen. Meiseis wurde als Sohn wohlhabender Eltern im Jahre 1798 in Szczekocin geboren. Sein Vater, Jizchak Meiseis, der Nachkomme einer berühmten alt jüdischen Rabbinerfamilie3), Hess ihn in Kamieniec podolski im x) Abgedruckt in russischer Uebersetzung bei X. W. Berg: Sapiski o polskychsagoworach y wostaniaeh 1831—1864 (Posen 1885), Bd. IV, 193 64, So. 9. 2) So wurde im Jahre 1846 in Z:!iinor bei Zamose eine jüdische Ackerbaukolonie gegründet, musste aber später aufgelöst werden (Jutrzenka, Jg. 1862. S. 172—173). 3) Meiseis Vater war ein Enk;l des „Schach" (■)"£•).

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