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Ost und West · 1913-05-01 · Heft 5 (Mai 1913) · p. Seite 365 - 366

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Journal
Ost und West
Volume
13 (1913)
Issue
Heft 5 (Mai 1913)
Article
Das Lebensrecht der Wenigen
Date
1913-05-01
Page
Seite 365 - 366 (sequence 3)
Language
German
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365 A. Benesra: Das Lebensrecht der Wenigen. 3G6 fährlichen Zeit unter uns die erforderliche Einigkeit nicht herrscht, sondern im Gegenteil, Zwiespältigkeiten und Entzweiungen sich immer mehr geltend machen, die bisweilen das Zusammenwirken grosser Institutionen bedeutend erschweren und die Geister einander entfremden, anstatt dass wir uns bemühen, „das Band, das uns ehemals geeint", von neuem zu befestigen. Dissonanzen und Unstimmigkeiten, meist über Dinge, die weit ab von uns liegen, und auf die wir als Juden und als Staatsbürger nicht den geringsten Einfluss haben können, drängen sich heran und trüben die Eintracht zwischen den Juden sogar desselben Landes. Es hat den Anschein, dass die paar Jahre verhältnismässigen Friedens und bürgerlicher Sicherheit, deren sich die Juden wenigstens in Mittel- und Westeuropa erfreuen durften, einschläfernd und zersetzend auf sie gewirkt haben. Das kommt nicht nur in dem erschreckend überhand nehmenden Abfall, sondern auch in den leidigen und zugleich nichtigen Parteiungen im Innern zum Ausdruck. Und da bietet uns das Buch Levens Beispiele und Lehren, die wir gerade in unserer Zeit nicht tief genug beherzigen können. Wie anders dachte doch und empfand die Generation von vor einem halben Jahrhundert! Am 5. Juli 1863 erliess Adolphe Cremieux, zum Präsidenten der Alliance erwählt, einen Aufruf an die Gesamt judenheit: „Kommt zu uns! Schickt uns Tausende und Tausende Mitglieder, ruft Komitees ins Leben, englische Juden, russische Juden, polnische Juden, belgische Juden, holländische Juden, Juden aller deutschen Staaten, Juden aller europäischen Reiche, Juden von Afrika, von Amerika, Juden von allen Orten der Erde, wohin unsere Religion vorgedrungen ist, zählt euch und schliesst euch zusammen durch ein brüderliches Band!" Der Unterschied zwischen Ostjuden und Westjuden war damals noch lange nicht erfunden. Cremieux, der doch wahrlich auch kein schlechter Sohn seines Vaterlandes gewesen, würde es ganz unbegreiflich und unglaublich finden, wenn er heutzutage aus dem Grabe aufstände und sähe, dass es ganze jüdische Gemeinden gibt, die ihre aus anderen Ländern eingewanderten Glaubensgenossen zu Menschen zweiten Grades herabdrücken wollen, indem sie ihnen das aktive und passive Wahlrecht nehmen und ihnen nur das Recht belassen wollen, Gemeindesteuern zu zahlen! Ganz wie es ihnen selber von seifen der Machthaber geschieht, dass man ihnen das Recht zugesteht, an allen Lasten des Staates zu tragen, aber die volle bürgerliche Gleichberechtigung noch immer verweigert. Bezeichnend ist es für den Geist jener Zeiten, dass der Aufruf sich nicht nur an alle Juden ohne Unterschied der Staatszugehörigkeit wendet, sondern auch ohne Unterschied der religiösen Richtungen. Hier gab es keine Liberalen und keine Orthodoxen, keine Reformer und keine Gesetzestreuen, es gab nur Juden; alle, die sich zur jüdischen Lehre bekannten und ein Herz hatten für deren Erhaltung und für die Zukunft ihrer Träger, wurden aufgerufen, sich um e i n Banner zu scharen. Das Gemeinsame aller Richtungen, das doch so mächtig, reich und lebenskräftig ist, sollte betont und hervorgehoben, alles Trennende und Unterscheidende sollte ausgeschieden werden. Innerhalb eines so alten Kulturvolkes, wie wir Juden, das noch dazu der Einwirkung vielfältigster äusserer Strömungen ausgesetzt ist, kann in solchen subtilen, das tiefste und höchst individuelle Seelenleben des Menschen betreffenden Fragen, wie die religiösen, unmöglich vollkommene uniforme Uebereinstimmung herrschen. Doch hat uns die Geschichte gelehrt, dass der feste und unvergängliche Kern, das Wesen des Judentums, sich sehr wohl mit der grössten Mannigfaltigkeit der äusseren Formen verträgt. Und wir Juden, deren Existenzmöglichkeit in der Welt sich einzig auf dem Prinzip der Toleranz aufbaut, auf der Anerkennung des L-e bensrechtes des Wenigen — uns geziemt es am allerwenigsten, Intoleranz zu üben und zu verlangen, dass allen Bäumen eine Rinde wachse. Es ist nun nicht anders möglich, als dass innerhalb der jüdischen Gemeinschaft die verschiedensten Nuancen und Schattierungen der Auffassung der höchsten Dinge und den Fragen der Religion und der Welt- und Lebensanschauung zutage treten. Doch ist die gemeinsame Basis so breit und umfassend, dass sie alle nebeneinander zu tragen vermag, und wer sich nicht selber ganz unzweideutig ausserhalb des Judentums stellt, den hat keiner unter uns ein Recht, aus unseren Reihen zu weisen. Es mag hier die Erinnerung an einen Zug aus dem Leben eines Mannes aufgefrischt werden, dessen 100. Geburtstag vor einigen Monaten sang- und klanglos begangen wurde, während sein Gedächtnis es verdient hätte, der Gegenwart lebhafter in Erinnerung gebracht zu werden. Ich meine den Rabbiner JosefWeisse,der einer der besten und hervorragendsten Männer seiner Zeit war, grosse jüdische Gelehrsamkeit mit umfassender weltlicher Bildung, strenge Frömmigkeit mit mildester Gesinnung vereinte*). In seiner Gemeinde hatte er einen espritfort *) Wenn ich mich nicht irre, war er der Grossvater des hochangesehenen Berliner Rabbiners Herrn Dr. S. Weisse.

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