Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 13 (1913)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1913)
- Article
- Das Lebensrecht der Wenigen
- Date
- 1913-05-01
- Page
- Seite 367 - 368 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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367 A. Benesra: Das Lebensrecht der Wenigen. 368 von der wildesten Art, der es liebte, ketzerische Reden zu führen, aber das beste Herz von der Welt hatte und sich der öffentlichen Angelegenheiten aufs wärmste und hingebungsvollste annahm. Gleichzeitig lebte in der Gemeinde ein Fanatiker schwärzester Sorte, die man ,,die Polizisten des lieben Gottes" nennt, und die stets um das Seelenheil der Nächsten besorgt sind. Beide jedoch zollten dem Rabbiner Weisse den tiefsten Respekt. Einmal stürmte der Fanatiker zum Rabbiner hin und schrie: ,,Rabbi, der Ketzer N.N., mit dem Ihr so freundlich umgeht, leugnet ja die Existenz Gottes! Was schweigt Ihr, Rabbi?!" Der Rabbiner lächelte ruhig: „Was höre ich? Wie ist das möglich? Ich habe erst gestern mit ihm gesprochen, er war ja bei vollen Sinnen!!" — ,,Aber er hat ja soeben in einer Gesellschaft seine Meinung geäussert. Es muss etwas geschehen!" —■ „Der Arme!" sagte der Rabbiner, „sollte ihm inzwischen etwas zugestossen sein? Das wäre sehr zu bedauern, ein so prächtiger, gütiger Mensch!" — „Was?" schrie der fromme Verteidiger Gottes, „Ihr bedauert ihn noch, diesen Bösewicht, diesen Ketzer! Ich verlange, dass Ihr öffentlich den Bann über ihn verhängt, ihn aus der Gemeinde stosst und ihn verfolgt, wie es sich einem Ketzer und Gottesleugner gebührt, und Ihr, Rabbi, habt gar noch Mitleid mit ihm!" — „Aber, lieber Freund, was fällt Euch ein! Ist der Mann nicht schon unglücklich genug, dass er an Gott nicht glaubt, da soll ich ihn noch quälen und verfolgen? Hiesse das etwa Gottes Willen tun? "— Es ist unmöglich, in feinerer und humorvollerer Weise das leichtfertige Freigeistertum ad absurdum zu führen und zugleich die vordringliche Ketzerriecherei in die Schranken zu weisen. Indessen hat nicht nur der Glaube, sondern auch der Unglaube seine Fanatiker. Diese sind von der allein unselig machenden Kraft ihres Unglaubens überzeugt, und möchten ihre Herrschaft allen aufzwingen, deren Weltanschauung positive, religiöse und traditionelle Elemente enthält. Andererseits sind Fromme von einer besonderen Art aufgestanden, die ihre Seelen vor dem Verderben nicht anders zu retten vermeinen, als indem sie sich selber aus dem Judentum stossen. Sie rufen laut und unzweideutig nach einem Schisma, nach einer Spaltung im Judentum. Und merken nicht, dass dieser Ruf nur bekundet, dass sie an der Werbekraft, an der sieghaften Macht ihrer Ueberzeugung im tiefsten Herzen zweifeln. Es hat eine Zeit gegeben, da die grosse Mehrheit des jüdischen Volkes sich vom Gott Israels abgewendet hatte und den Götzen nachlief. Nur eine kleine Minorität blieb der wahren Lehre treu. Das waren unsere Propheten und ihre Jünger. Haben sie sich etwa von der grossen Masse geschieden, sind sie aus dem jüdischen Volke ausgetreten und haben ein Volk für sich begründet und die Menge der Irrenden ihrem Schicksal überlassen? . . . Auch um die Mitte des vorigen Jahrhunderts erscholl mehrfach der Ruf nach einem Schisma im Judentum, aber die ihn ausstiessen, waren trotz ihrer grünen Jugend welke Stubengelehrte, die von dem blühenden Leben draussen in der Welt keine Vorstellung hatten, gelehrte Bücherwürmer, die mit ihren blutleeren Theorien, mit ihren wesenlosen Hypothesen die Welt zu lenken vermeinten. Die Menschen draussen kehrten sich an sie nicht und darum sind diese Rufe spurlos verhallt. In unserer Zeit sind indessen diese Sektiererbestrebungen, die seltsamerweise von der äussersten Rechten kommen, Symptome einer ernsteren Krankheit, besonders wenn man sie im Zusammenhang mit anderen Zersetzungserscheinungen betrachtet, die hüben wie drüben auftreten. Indessen ist das bekannte Wort, dass nur die Krankheit anstecke, nicht wahr. Auch die Gesundheit, namentlich aber die seelische, steckt an und wirkt heilend. Selten aber hat es so dringend der Einigkeit und der Festigkeit unter den Gesunden und seelisch Ausgeglichenen unter uns bedurft, wie jetzt. Man täusche sich nicht. Allenthalben ziehen neue Gefahren sich über unseren Häuptern zusammen. Auch in den Ländern, wo die bürgerliche Gleichberechtigung ein gesichertes Gut schien, wird sie in Frage gestellt und beim Uebergang aus der Theorie in die Praxis nach Kräften gemindert. Viele Millionen unserer Glaubensgenossen aber entbehren noch immer auch dieses Scheines von Gleichberechtigung und sind tatsächlich Fremde in ihrem Heimatlande. Gegen andere erhebt sich das Gespenst des wirtschaftlichen Ausrottungskampfes, der im Namen der „nationalen Idee" geführt wird, und Millionen von Existenzen zu untergraben droht. Es steht auch zu befürchten, dass die Umwälzungen auf dem Balkan das Schicksal der dortigen Juden ungünstig beeinflussen wird. Uns hat die Geschichte schon öfters gelehrt, dass die Gefühlsspannung im Sieger wie im Besiegten sich im Hass gegen die Juden entlud. Die Zeiten sind ernst und drohen noch ernster zu werden. Da wäre es denn am Platz, dass wir den unfruchtbaren Kämpfen im Innern ein Ende machen und unsere Kräfte sammeln zum Kampf um das Lebensrecht der Wenigen.